BVG führt neues Rufbussystem ein: „Muva“ muss ab März weichen
Mit der barrierefreien Alternative zum öffentlichen Nahverkehr ist bald Schluss. An seine Stelle tritt ein deutlich reduziertes Konzept.
Adina Hermann sitzt im Rollstuhl und nutzt, wie viele Berliner:innen, regelmäßig den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Häufig stößt sie dabei auf Probleme. Der Fahrstuhl in der Nähe ihres Wohnorts ist seit geraumer Zeit kaputt. Normalerweise bucht sie in diesem Fall einen Rufbus über den Beförderungsdienst Muva der BVG, der das Hindernis umfährt und sie an ihr Ziel bringt. Doch in Zukunft gestaltet sich ihr Weg noch schwieriger. Obwohl Muva für viele Menschen unverzichtbar geworden ist, wird der Service zum 1. März eingestellt.
Muva war 2022 dem Rufbus „Berlkönig“ nachgefolgt und ursprünglich als Substitut für defekte Aufzüge gedacht, sodass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen trotz Barrieren am ÖPNV teilnehmen können. Erst im März 2025 wurde der Service auf den gesamten Tarifbereich AB erweitert.
Außerdem wurden im letzten Jahr auch Fahrten abseits von Haltestellen ermöglicht. Nutzer:innen waren daher nicht länger auf Verbindungen von Station zu Station beschränkt, sondern konnten in einem Umkreis von fünf Kilometern zur nächsten Haltestelle flexibel Routen vorbestellen.
Adina Hermann
Wie viele Menschen mit Behinderung konnte auch Adina Hermann per App Fahrten über gesamte Strecken im Voraus buchen und dadurch sicher planen. „Muva bedeutet für mich Mobilität und Freiheit“, sagte sie der taz.
Statt Entlastung gibt es Einbußen
Der Barrierefreie Alternativ-Verkehr (BAV) vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) ist seit Jahresbeginn im Einsatz und soll Muva ablösen. Entgegen den Erweiterungen im letzten Jahr solle sich der neue Service wieder auf den bloßen „Aufzugersatz“ beschränken und sei damit deutlich limitierter, erklärte Catrin Wahlen, Sprecherin für Inklusion und Senior*innen in der bündnisgrünen Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin, der taz.
Auch Adina Hermann findet, dass der neue Dienst des VBB den Alltag unnötig kompliziert mache. „Er wird verkauft wie eine gute Lösung, aber das ist er nicht“, betonte sie.
Die Buchung des neuen Service ist außerdem nur per Anruf möglich. Im Gegensatz dazu war Muva zusätzlich über eine App geregelt. „Man muss also erst einmal in der Lage sein zu telefonieren“, erklärte Wahlen. Das schließe bestimmte Gruppen aus, etwa „Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, Hörbeeinträchtigungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten.“ Die Gründe seien vielfältig. „Es gibt Menschen, die einfach nicht telefonieren können“, sagte Wahlen.
Während Muva nach Angaben des Softwaredienstleisters Via teilweise rund 1.000-mal pro Tag im Einsatz ist, gab es laut VBB seit Anfang Januar knapp 1.300 Anfragen insgesamt. Denn wenn ein Anruf abgesetzt wird, sollen Betroffene die nächste Haltestelle aufsuchen, um den VBB-BAV nutzen zu können. Sie erhalten zunächst eine Beratung über Umleitungen im ÖPNV. Erst wenn gar nichts geht, wird ein Taxi bestellt.
Muva war wohl zu teuer
Trotz des Erfolgs hatte sich das Ende von Muva schon im letzten Jahr abgezeichnet. Der Berliner Senat hatte ein entsprechendes Vorhaben, Muva bis Ende des Jahres zu beenden, anklingen lassen. Zwar wurde das Projekt um zwei Monate verlängert und nach Angaben des Muvadienstleisters Via weiterverhandelt, dennoch ist es offiziell ab März vorbei. Pläne, den Service in dieser Form wieder anzubieten, gibt es laut Catrin Wahlen nicht.
Dabei ist der Berliner ÖPNV an vielen Stellen immer noch nicht barrierefrei. Nach Angaben des BVG sind von insgesamt 175 Bahnhöfen rund 15 Prozent nicht per Rampe oder Aufzug erreichbar. Um die 26 Prozent der Haltestellen sind auch nicht darauf ausgelegt, dass ein Einstieg ohne Hilfsmittel wie Klapprampen möglich ist.
Catrin Wahlen, Grünen-Abgeordnete und Sprecherin für Inklusion und Senior*innen
Dabei müssten Angebote wie Muva oder der VBB-BAV laut Berliner Mobilitätsgesetz verfügbar sein, wenn Zugänglichkeit nicht für alle garantiert werden kann. Catrin Wahlen sieht diese Pflicht im neuen Angebot des VBB nicht erfüllt, da die Fähigkeit zum Telefonieren vorausgesetzt wird. Dabei wies die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt darauf hin, dass sich der neue Service des VBB ausdrücklich auf Störungen der Barrierefreiheit fokussiere.
„Grundsätzlich ist etwas nur barrierefrei, wenn es dem Menschen ermöglicht, die Sache oder Dienstleistung ohne fremde Hilfe zu nutzen“, sagt Wahlen. Der neue Rufbusdienst VBB-BAV erfülle aus ihrer Sicht nicht die gesetzlichen Anforderungen. „Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen haben unterschiedliche Hürden bei der Nutzung von ÖPNV und Inklusionstaxis sowie unterschiedliche Hürden beim Anfordern von barrierefreien Alternativen“, fasst sie zusammen.
Die Senatsverwaltung führte auf Anfrage der taz die hohen Kosten als Grund für die Beendigung von Muva auf. Die Option, bei Muva Direktfahrten zu buchen, hätte die Nachfrage zudem so stark erhöht, dass keine Kapazitäten für die „eigentliche Zielgruppe“ geblieben seien. Direktfahrten seien nicht Teil des gesetzlichen Auftrags und ein Anspruch auf diese müsste über besondere Fahrdienste geregelt werden, so die Senatsverwaltung.
Doch für viele Menschen mit Mobilitätseinschränkung ist der VBB-BAV keine hinreichende Lösung. Die Chancen ständen oft schlecht, auf Anhieb an ein Taxi zu kommen, wenn es benötigt wird, meint Adina Hermann. „Es ist ein Glücksspiel, ob ein barrierefreies Taxi verfügbar ist“, sagte sie. Der VBB-BAV nutzt den Taxibestand der Stadt, darunter fast 160 Inklusionstaxen. Doch tatsächlich sind diese für Nutzer:innen oft nicht abrufbereit.
Laut Catrin Wahlen stehen sie meistens am BER, denn auch Gäste mit großem Gepäck nutzen die geräumigen Inklusionstaxen gerne. In der Stadt befänden sich davon nur wenige. Nach Erfahrungen von Adina Hermann gibt es in der Innenstadt zumindest mehr Taxen als in den Randbezirken der Stadt. „Aber das nützt mir ja nichts, wenn ich von zu Hause nicht wegkomme“, sagte sie. Die Senatsverwaltung versicherte dagegen, in Zukunft erhielten die Taxen über den BAV einen Pauschalbetrag, der Fahrten innerhalb der Stadt attraktiver mache.
Für Hermann habe der neue Service auch eine abschreckende Wirkung. Bei Muva seien die Fahrer:innen gut ausgebildet, wüssten mit Menschen im Rollstuhl umzugehen. Mit regulären Inklusionstaxen hat Hermann bereits Enttäuschungen erlebt. „Man wird im Zweifel überlegen, ob man daheim bleibt“, sagte sie. Einmal ließ ein Fahrer sie auf der Straße stehen, weil er für den Transport mit Rollstuhl nicht ausgebildet war. „Ich habe Angst vor solchen Begegnungen“, klagte sie. Die Senatsverwaltung gibt dagegen an, dass Fahrer:innen des VBB-BAV entsprechend sensibilisiert seien.
Neuer Service weniger inklusiv
Auch Daniela Krebs, die in einem Beschäftigungs- und Förderbereich für Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen arbeitet, hat Schwierigkeiten mit dem VBB-BAV erlebt. Ihre Einrichtung hatte Muva bereits in den Alltag integriert, um die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu unterstützen. „Es gibt Klient:innen, die nicht verbal kommunizieren können“, sagte Krebs. Die telefonische Absprache diskriminiere Menschen, die keinen Anruf tätigen können. „Vorher konnten Menschen über die App autonom mobil sein. Jetzt benötigen sie Assistenz.“
Zudem gebe es über den BAV-Service wenig geeignete Taxen, die auch E-Rollstühle aufnehmen könnten, meinte Krebs. „Betroffene Klient:innen wollen auch nicht immer ins Taxi umgesetzt werden.“ Das sei verständlich, denn niemand wird gerne von einer fremden Person angefasst und umplatziert, während sich der eigene, oft sehr teure Rollstuhl ungesichert im Kofferraum befindet. Bisher hatte Muva Kleinbusse bereitgestellt, die auch Menschen in ihren Rollstühlen ohne Platzproblem aufnehmen können.
Tatsächlich bedeutet das neue Konzept einen Rückschritt für viele Betroffene. Der neue Service ist umständlicher, kostet Nutzer:innen mehr Zeit und schließt Menschen aus, die kein Telefon bedienen können. „Gerade für Berlin ist das beschämend, dass es so ein tolles Angebot gab und das wieder eingestellt wird“, bekräftigt Adina Hermann. Man nimmt in Kauf, dass die soziale Teilhabe massiv eingeschränkt wird. Das ist absurd.“
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