Autorin über weibliche Lebensrealität: „Instagram macht alles schlimmer“

Paula Irmschler liest viermal im Norden aus ihrem Roman „Superbusen“. Ein Gespräch über Chemnitz, Antifa und Körperbilder.

Die Autorin Paula Irmschler

Hofft auf ehrlich gemeinte Solidarität unter Frauen: Die Autorin Paula Irmschler Foto: Jessica Barthel

taz: Frau Irmschler, Ihr Roman heißt „Superbusen“. Das lässt bestimmt viele aufhorchen.

Paula Irmschler: Ich habe sogar gedacht, dass der Titel mehr Leute aufhorchen lässt. Auch der Verlag hatte Sorge, dass der Titel zu trashig ist. Aber irgendwie hat sich niemand groß dran gestört. Es war klar, dass es um das lustige Wort geht und um die Band im Roman, die „Superbusen“ heißt. Ein bisschen in der Punk-Tradition von komischen Bandnamen. Um Busen geht’s gar nicht. Ich glaube, es werden nicht mal groß Brüste erwähnt.

Die Protagonistin Gisela studiert wie Sie in Chemnitz, geht auf linke Demos und gründet mit Freundinnen die besagte Band. Wie autobiografisch ist Giselas Geschichte?

Der Roman ist collagenhaft. Es sind viele Anekdoten von mir in der Geschichte. In Gisela sind Persönlichkeitsanteile von mir drin, aber auch in den anderen Figuren. Die Geschichte und die Figuren sind schnipselartig aus einem Riesenpulk an Anekdoten und Charaktereigenschaften entstanden. Ich habe viel umgeschrieben, weil am Anfang alles viel autobiografischer war. Die anderen Prot­ago­nis­t:in­nen neben Gisela waren stark an Freun­d:in­nen angelehnt, aber ich wollte nicht, dass sich jemand richtig wiedererkennt. Und ich selbst wollte auch nicht hundertprozentig wiedererkannt werden.

Im Roman wirkt Chemnitz ambivalent. Einerseits wie ein Ort, den man schnellstmöglich verlassen möchte. Andererseits wie ein Ort voller guter Freund:innen. Wie ist Ihr Gefühl dazu heute?

Es ist wie mein Zuhause, wo ich hinfahre. Andere fahren dahin, wo sie aufgewachsen sind. Das wäre bei mir Dresden, da fahre ich nicht so gern hin. In Chemnitz habe ich schon Weihnachten verbracht und meistens machen wir Silvester da. Das hätte ich gar nicht gedacht. Es gab mal eine Zeit, da hat es sich angefühlt, als würden alle wegziehen und dann sind doch einige dageblieben. Das finde ich richtig schön. In Chemnitz ging es mir, wie Gisela, nicht so gut. Jetzt, wo es mir besser geht, nehme ich viel mehr wahr. Die Kultur, die in Chemnitz abgeht. Wahrscheinlich auch, weil ich wieder wegfahre. Ich gehe mit einem viel offeneren Blick da lang.

Wann waren Sie zuletzt in Chemnitz?

Vor zwei Wochen habe ich in Chemnitz gelesen. Zum ersten Mal. Das war überraschend entspannt, nicht überemotional. Ich wollte nicht diese eine Chemnitz-Lesung, zu der alle da sind. Das hätte ich emotional, glaube ich, nicht verkraftet.

32, veröffentlichte 2020 ihren ersten Roman „Superbusen“. Sie schreibt für die Titanic und lebt heute – nach prägenden Jahren in Chemnitz – in Köln.

Gisela ist wie Sie in der Antifa. In Chemnitz prallen Rechts und Links stärker aufeinander als anderswo.

Auf jeden Fall. Seit ich in Köln wohne, merke ich, wie andersrum alles ist. Wenn hier irgendwo ein AfD-Stand ist, ist das für linke Leute ein Skandal. Man erzählt sich von dem einen Rechten, der da und da wohnt. In Leipzig, Chemnitz, Dresden muss ich nur aus dem Zug steigen und sehe fünf. Sie sind definitiv sichtbarer und radikaler. Im Westen gibt’s Rechte, Faschos, Konservative, aber sie treten gemäßigter auf. In Sachsen gibt’s die volle Pulle.

Wie erklären Sie sich das?

In der DDR wurde das Problem weggewischt. Da konnten sich rechte Strukturen ausbauen und vernetzen. Im Westen sind die menschenverachtenden Einstellungen überall ein bisschen da. Im Osten musste man das verstecken und dadurch wurde es radikaler und Rechte konnten sich ganze Dörfer zu eigen machen. Es gibt mannigfaltige Erklärungen dafür. Der Opfergestus der Ossis ist auch tief verwurzelt. Das führt dazu, dass man nicht so gerne guckt, was bei einem selbst los ist, sondern nach drüben schielt.

In Ihrem Roman spielen neben politischen Themen auch Schönheits- und Körperideale eine Rolle.

Ja, ich finde zum Beispiel Instagram richtig scheiße. Ich weiß natürlich, dass Instagram nicht die einzige Schuld trägt. Seit ich die App nicht mehr auf dem Handy habe, merke ich, wie viel besser es mir geht, weil ich mir nicht mehr diese komischen übersexualisierten, vermeintlichen Body-Empowerment-Posts angucken muss. Die führen überhaupt nicht zu Empowerment. Die verkomplizieren alles und machen es viel schlimmer. In den social networks kann man es sich ganz gemütlich einrichten, wenn man die Algorithmen raus hat. Aber sonst ist das alles ziemlich ätzend und wir machen trotzdem alle mit.

Die Protagonistin Gisela ist dick und hadert mit ihrem Körper. Sie will nicht auf die Bühne. Können Sie sich damit identifizieren?

Ja, das habe ich selbst total. Ich wollte auch nie auf der Bühne lesen. Das ist etwas, das Gisela von mir hat. Ich finde es nach wie vor schwierig, aber es gehört dazu und manchmal macht es natürlich auch Spaß. Gisela ist deswegen nie in der Band. Ich wollte nicht die Geschichte erzählen, dass man sich irgendwann überwinden muss und dann ist alles gut. Manche Leute werden einfach nicht auf die Bühne wollen. So beschissen das ist. Ich glaube es ist vielen nicht klar, dass es für Leute, die nicht den Normen entsprechen, eine große Anstrengung ist, sich ins Rampenlicht zu stellen.

Di, 19. 10., 19.30 Uhr, Flensburg, Roberto Gavin Weinkontor; Mi, 20. 10., 20 Uhr, Kiel, Hansa48; Do, 21. 10., 20 Uhr, Bremen, Schlachthof; Fr, 22. 10., 20 Uhr, Hamburg, Nachtasyl

Der Roman „Superbusen“ ist im Ullstein Verlag erschienen. Berlin 2020, 320 S., 20 Euro

Was wünschen Sie sich in dieser Hinsicht?

Vor allem, dass darüber geredet wird. Wir haben in den letzten Jahren viel über Männlichkeit, Patriarchat und Men are Trash gesprochen, was wichtig war. Aber ich würde mir wünschen, dass weiblich sozialisierte Menschen auch bei sich gucken. Und schauen, was sie in sich drin haben und auf andere projizieren und was wir uns auch gegenseitig antun. Natürlich immer in dem Wissen, dass das mit dem Patriarchat zusammenhängt. Ich fände es cool, wenn wir selbstkritisch sind und zu einer ehrlich gemeinten Solidarität kommen. Und damit raus aus der Konkurrenz.

Der Literaturbetrieb ist, wie viele andere Bereiche, von männlichen Perspektiven geprägt. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Bei manchen Kritiken habe ich gemerkt, dass sie aus einem sehr männlichen Blick geschrieben sind. Dieses: Das geht mich nichts an, weil in „Superbusen“ alles Frauenthemen sind. Man könnte das auch umdrehen: Wir Frauen lesen seit Jahrtausenden Bücher, die uns „nichts angehen“. Ich finde negative Kritik vollkommen okay. Die meiste negative Kritik habe sowieso ich selbst.

Die „Das geht mich nichts an“-Kritik bezieht sich auf Ihren Roman im Gesamten?

Ja. Was für eine Lebensrealität soll das sein, die da beschrieben wird? Es ist nicht die eines Mannes, also ist sie nicht so interessant und nicht allgemeingültig. Oft kommt auch, dass der Roman zu banal sei. Ja, finde ich auch, aber ausgerechnet du, der das schreibt, hast schon viele banale Bücher von Männern durchgewunken. Missgunst war auch viel dabei. Im Vergleich zum positiven Feedback, das hauptsächlich von Frauen kommt, war das Negative aber sehr wenig.

Welche Frage nach einer Lesung ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Einer hat mal beim Signieren gefragt, ob er die Nummer meiner Moderatorin haben kann. Da habe ich dann die 110 reingeschrieben.

Die 110! Auch in „Superbusen“ verhandeln Sie schwierige Gefühle mit einem lockeren, manchmal rotzigen Humor.

Es ist die einzige Art wie ich schreiben kann. Ich habe gerade mit dem zweiten Buch angefangen. Und ich habe versucht ernster zu schreiben, aber es gelingt mir nicht so gut. Es kommt doch immer etwas Flapsiges, Ironisches. Ich glaube, weil das die Art ist wie ich denke und meinen Tag verbringe. Wie ich mich unterhalte und Sachen sehe. Ich finde Beschissenheit und Ironie gehören zusammen. Ich kann das nicht trennen.

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