Autor über Filmdiva Soad Hosny: „Eine ägyptische Cinderella“

Schriftsteller Najem Wali hat einen Roman über Ägyptens Filmdiva Soad Hosny geschrieben. Sie wollte ihre Memoiren schreiben, doch stürzte vom Balkon.

Porträtbild von Autor Najem Wali

Autor Wali: „Soad Hosny war für viele hochrangige Militärs und Geheimdienstleute eine Bedrohung“ Foto: Emanuela Danielewicz

taz am wochenende: Herr Wali, Sie kommen gerade aus Spanien zurück, ich nehme an von einer Lesung?

Najem Wali: Nein, das war eine Urlaubsreise. Der Lockdown dauerte sehr lange. Aber jetzt bin ich geimpft und war in Cádiz. Kurz bevor mein neuer Roman erscheint, danach werde ich kaum freie Zeit mehr haben. Jetzt geht es ja wieder richtig los.

Die Zeit der Videoveranstaltungen ist vorbei?

Teilweise. Gerade habe ich noch per Video an einer Veranstaltung in Frankfurt am Main teilgenommen. Zuvor war ich schon einige Tage bei einer Modell-Veranstaltung im Münsterland. Meine erste Live-Veranstaltung seit Corona. Fünf Schriftsteller waren eingeladen, fünf Tage lang die Gegend zu erkunden, über „Heimat“ nachzudenken und dem Publikum dazu einen Text vorzustellen.

Der in Berlin lebende irakische Schriftstellerwurde 1956 in Basra geboren. Er studierte deutsche Literatur in Bagdad. Bei Ausbruch des Irak-Iran-Kriegs desertierte er 1980 und flüchtete in die Bundesrepublik.

Sein früherer Roman „Engel des Südens“ (2011) ist ein epochales Werk. Es beschreibt den Untergang des alten kosmopolitischen Irak.

„Soad und das Militär“ ist gerade aktuell im Verlag Secession erschienen. Aus dem Arabischen übersetzt von Christine Battermann, 346 Seiten, 28 Euro

Und, sind Sie in Münster gleich heimisch geworden?

Tatsächlich ein wenig. Die Region ist nicht weit weg von Paderborn. Und Paderborn war nach Berlin die erste westdeutsche Stadt, die ich nach meiner Flucht aus Irak 1980 besucht habe. Ich hatte dort einen Freund und überlegte, dort zu studieren. Für meinem Asylantrag musste ich dann auch nach Hamm.

Sie haben wegen des Saddam-Regimes 1980 den Irak verlassen?

Ich wollte nicht in den Krieg gegen den Iran ziehen und hatte in Bagdad schon acht Semester studiert. Ich hatte auch zwei Jahre Militärdienst geleistet und wollte frei leben. Nach der Flucht war ich zunächst fünf Tage in Berlin. Von Paderborn wollte ich weiter nach Paris. In der Bundesrepublik durfte ich nicht gleich studieren, ich musste erst einen Asylantrag stellen. Nach vielen Verhören, zuletzt in Bergkamen, bekam ich Asyl. Seit 1990 habe ich den deutschen Pass und kann mich frei bewegen. Ich schreibe aber nach wie vor auf Arabisch.

Aussenaufnahme vom Eingang des Cafe Riche in Kairo

Cafés wie das Riche in Kairo sind Treffpunkt kosmopolitischer Szenen und Kulisse für Walis Roman Foto: Jacques Sierpinski/ddp

Sie waren sicherlich öfters in Kairo als in Münster, Kairo ist ja Ausgangspunkt Ihres aktuellen Romans?

Zum ersten Mal war ich 1993 in Kairo. Sechs Monate lang. Damals schrieb ich an der Uni Hamburg meine Doktorarbeit. Ich habe in der ägyptischen Nationalbibliothek recherchiert. Damit begann meine Liebe zu Kairo. Ich war seitdem fast jedes Jahr da.

Was reizt den im Berliner Exil lebenden irakisch-deutschen Schriftsteller an der ägyptischen Metropole?

Das ist nicht einfach zu sagen. Kairo ist ein Moloch mit über zwanzig Millionen Einwohnern. Und es ist das kulturelle Zentrum der arabischen Welt. Die Stadt war in vielen Dingen Vorreiter im arabischen Raum, gerade bei Kunst und Kultur. Die Ägypter haben früh eine eigene Film- und Fernsehproduktion entwickelt. Sie begannen in den 1940er Jahren Hollywood-Filme nachzudrehen, haben sie arabisiert, ägyptisiert. Tolle Schwarz-Weiß-Produktionen. Ägypten strahlte immer auf die ganze Region aus.

In Ihrem neuen Roman „Soad und das Militär“ verbinden Sie eine Geschichte aus der Mitte des letzten Jahrhunderts mit der Gegenwart, warum?

Das Thema Militär beschäftigt uns in der Region und mich schon seit meinem ersten Roman, „Krieg im Vergnügungsviertel“. Egal wo, sie regieren permanent. Die Militärs in Ägypten oder Irak kamen im Namen von nationaler Unabhängigkeit und Befreiung an die Macht. Sie gaben sie seither nie mehr freiwillig ab. Sie haben Königreiche wie in Ägypten gestürzt. Doch mit dem Versprechen von Freiheit und Wohlstand für alle wurde es nichts. Es war ein Betrug. 1952 putschten die Militärs in Ägypten. Bis heute kontrollieren sie mit ihren Geheimdiensten das gesellschaftliche Leben und die wichtigen Zweige der Wirtschaft. Diesen Juli werden es 69 Jahre sein! Ihr ganzer Patriotismus dient nur dazu, von Misswirtschaft und fehlender Demokratie abzulenken.

Soad Hosny, mit breitkrempigen Hut und Bluemchenkleid

Die reale Soad Hosny – die Filmdiva starb unter mysteriösen Umständen in London 2001 Foto: Cairo Westmag

1952, das war Gamal Abdel Nasser?

Ja, die Offiziersclique um ihn. Aber es geht mir weniger um das Militär als um Macht und Abhängigkeit. Meine Hauptfigur ist eine Künstlerin, eine ägyptische Filmdiva, die missbraucht und deren Existenz am Ende von den Mächtigen zerstört wird.

Hat diese Figur der Filmdiva Soad reale historische Bezüge oder ist sie eine rein literarische Erfindung?

Soad Hosny existierte. Sie war eine sehr bekannte Frau. Sängerin, aber noch berühmter als Schauspielerin. Die „Cinderella“ des ägyptischen Kinos. Geboren 1943 in Kairo, starb sie Juni 2001 in London. Sie fiel vom Balkon einer Wohnung aus dem sechsten Stock des Stuart ­Towers. Sie hatte angekündigt, ihre Memoiren schreiben zu wollen. Das musste für viele hochrangige ägyptische Militärs und Geheimdienstleute als Bedrohung klingen. Laut Scotland Yard war es Selbstmord oder ein Unfall. Aber viele glauben, es war Mord.

Ihre Memoiren hat Soad Hosny selbst also nicht mehr geschrieben?

Nein, ich habe mir vorgestellt, was sie sich wohl für Notizen in ihren Tagebüchern gemacht hätte. Ich habe recherchiert, aber die Hefte, aus denen ich für den Roman zitiere, sie sind fiktiv.

2001 der Tod in London, 2011 der Arabische Frühling und der Sturz des Mubarak-Regimes in Kairo, dort soll man auf dem Tahrir-Platz Lieder von ihr gesungen haben?

Anfang der 1990er hatte sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, sie war krank. Aber sie blieb als Figur weiter in den Herzen der Menschen präsent. Ich habe sie nur einmal live getroffen, aber sie bedeutete mir viel. Und da waren immer schon diese Gerüchte, über den Geheimdienst, der sie benutzt und erpresst haben soll.

Inwiefern?

Wie ich es in der Erzählung schildere: Als Mädchen musste sie für König Faruq singen. Ihr Vater verdiente daran. Später wurde sie von nationalistischen Militärs und Agenten Nassers für ihre Zwecke missbraucht. Sie soll mit heimlich gefilmten pornografischen Aufnahmen erpresst worden sein. Eine wohl gängige Praxis in Ägypten. Auch die Offiziere in meinem Buch sind real existierenden Personen nachempfunden.

Soad Hosny schildern Sie als eine Projektion männlicher Begierden. Das könnte man auch als leicht klischeehaft interpretieren?

Ich hoffe nicht. Ich habe versucht, das gesellschaftliche Gefüge wiederzugeben. Soad musste als Sechsjährige vor dem König auftreten. Sie trug ein Lied vor, indem sie davon singt, wie schön sie, Soad, selber ist. Also keines, in dem sie den König preist, sondern sich selber. Die Militärs waren von ihr so beeindruckt, dass sie auch nach dem Sturz Faruqs weiter auf Soad setzten. Ein talentiertes, einfaches und hübsches Kind aus dem Volke. Sie wurde schnell sehr populär. Später haben sie sie ziemlich sicher zum Lockvogel, zur Informantin aufgebaut und erpresst. Aber wie gesagt, wir sprechen von einem Roman. Vieles scheint naheliegend, doch bleibt es auch spekulativ.

Der ägyptische Diktator Gamal Abdel Nasser war ein glühender Panarabist, träumte von einem arabischen Großreich unter seiner Führung. Kannte er Soad persönlich?

Natürlich. Und die meisten Künstler haben ihn verehrt. Und Nasser hat diese Künstler unterstützt.

Nasser pflegte auch eine ausgesprochene Israelfeindschaft.

Ja, aber er war eher ein Anhänger vom russischen Modell: Planwirtschaft, Bürokratie, Fünfjahresplan. Er installierte eine „sozialistische“ Einheitspartei und eine Militärregierung mit sich an der Spitze. Politisch sah er sich bei den blockfreien Staaten, bei Tito und Jugoslawien. Nasser war ein patriarchaler Angeber. Panzerparaden waren ihm sehr wichtig. Die Juden wollte er alle ins Meer treiben. Doch nach der Niederlage im Sechstagekrieg gegen Israel 1967 haben die Menschen gesehen, wie schwach das ägyptische Militär wirklich ist. Ein Faschist, im Sinne der deutschen Nationalsozialisten, war Nasser aber nicht. Das war Saddam im Irak, weshalb Saddam auch viel schlimmer als Nasser war.

Wir erlebten gerade den jüngsten Angriff extremistischer Palästinenser von der Hamas auf Israel. Sie selber gehören zu den wenigen namhaften arabischen Schriftstellern, die sich trauen, nach Israel zu reisen und den kulturellen Austausch zu pflegen. Was für Erfahrungen machen Sie dabei?

Es ist nicht ungefährlich, sich für den Frieden einzusetzen. Für eine Normalisierung, darüber habe ich Anfang dieses Jahres einen Artikel in der FAZ geschrieben. Es geht um einen echten kulturellen Austausch und eine Anerkennung, um diesen alten Feindschaften zu überwinden. Juden und Moslems haben kein Problem miteinander. Es sind die Hetzer dahinter, die Regime. Ich bin nach Israel gereist und habe darüber ein Buch verfasst, „Reise in das Herz des Feindes“. Es ist interessant zu sehen, dass dieses kleine Land so gut organisiert ist und in jeder Beziehung einer Diktatur wie etwa der von Assad in Syrien überlegen ist. Ägypten oder Irak haben eine so lange Geschichte. Aber heute keinen funktionierenden, annähernd demokratischen Staat. Der Irak war einmal ein kosmopolitisches Land. Davon erzähle ich in dem Roman „Engel des Südens“. Die Baath-Partei hat in Irak die Minderheiten unterdrückt, die Juden vertrieben und das Land zugrunde gerichtet. Wenn du solche Sachen sagst, anstatt auf den Westen und Israel zu schimpfen, bist du aber für viele der Verräter.

Ihr Roman verbindet das postkolonialen Setting der 1950er Jahre mit dem Kairo von heute. Vieles spielt sich in den kosmopolitischen Cafés und Bars der Stadt ab. Hinter mit Brettern zugenagelten Fenstern in der Kairoer Innenstadt feiern ausländische und einheimische Bohemiens zusammen. Wie real sind solche Orte?

Es gibt sie tatsächlich. Zum Beispiel das Café El Horryia (auf Deutsch: „Freiheit“). Es liegt im Zentrum nahe dem Tahrir-Platz und ist genau so, wie ich es in dem Roman beschreibe.

Wie kommt „Soad und das Militär“ bislang im Arabischen an?

Das Buch ist in Beirut und Bagdad erschienen. Jetzt ist die zweite Auflage da und so langsam erreicht es Ägypten. Das wird nicht allen gefallen. Mal sehen. Ende Juni ist die Buchmesse in Kairo. Mein Verlag wird das Buch dort ausstellen. Mein Verleger hat Angst. Es gibt Gerüchte, dass der Roman auf dem Index steht und von der Messe beschlagnahmt wird. Viele Probleme, die wir heute in der arabischen Welt haben, sind ein Produkt der eigenen postkolonialen Regime. Der Militärs, die nie die Macht abgegeben haben. Wie zynisch diese Mächte sein können, das wollte ich an der Figur der Soad zeigen.

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