Ausstellungsempfehlung für Berlin: Durch die Hitze der Nacht

Beate Scheder empfiehlt klebrige und zerflossene Kunst bei House of Ergon. Die taz sprach mit der Kuratorin der Gruppenausstellung, Àngels Miralda.

Martin Llavaneras, „Fruit Belt“, 2019. Aluminium, caramelized sugar, organic material. Foto: Courtesy of House of Egorn. Photography by Joseph Devitt-Tremblay

Àngels Miralda scheint die schweißtreibenden Temperaturen dieses Junis vorhergesehen zu haben, als sie ihre Gruppenausstellung „Sticky: Like a Summer Night“ kuratierte. Die fünf Künstler*innen, die sie für die Schau, die derzeit in der Schöneberger Galerie House of Egorn zu sehen ist, auswählte, widmen sich allesamt auf die eine oder andere Weise der schweren Süße schwüler Sommernächte.

Julie Favreau, indem sie fotografisch die sensorische Qualität menschlicher Haut einzufangen versucht; Lucía Pizzani unter anderem mit organisch geformte Keramikskulpturen, die ein wenig so wirken als habe die Wärme sie zerfließen lassen; Nicholas William Johnson mit gemalten tropischen Pflanzen, Juana Subercaseaux mit Traumlandschaften auf Leinwand.

Die heißen Tage und Nächte werden in der Schau sogar ihre Spuren hinterlassen, als klebrige Flecken auf dem Fußboden vermutlich: Martin Llavaneras’ „Fruit Belts“ sind Skulpturen zusammengesetzt aus Eisen, frischen Kirschen und karamellisierter Fruktose.

Àngels Miralda ist eine katalanisch-amerikanische Kuratorin und Autorin. Nach Berlin (2015-2018), lebt und arbeitet sie zurzeit in Terrassa, Katalonien. Nach dem Studium der Kunstgeschichte widmete sie sich den Schwerpunkten Arte Povera und Installationskunst und interessiert sich generell für die verborgenen Politiken von Materialität. Sie betrachtet künstlerische Praxis als Mikrokosmos globaler Trends und historischer Kosmologie. Zuletzt hat sie an Ausstellungen mit dem Latvian Centre for Contemporary Art, Riga; GMK, Zagreb; Lítost, Prag; und Museum für zeitgenössische Kunst, Santiago de Chile gearbeitet.

Einblick (779): Àngels Miralda, Kuratorin & Autorin

taz: Welche Ausstellung in Berlin hat dich zuletzt an- oder auch aufgeregt?

Àngels Miralda: Die Performance der Young Boy Dancing Group, organisiert von Schinkel Pavillon und Disappearing Berlin. Diese neue Initiative unterstreicht die städtebaulichen und architektonischen Veränderungen, die die Stadt durchläuft. Ich habe die spektakuläre Choreografie genossen, war aber auch nicht komplett damit einverstanden und denke immer noch darüber nach, wie sich das Gefühl ausdrücken lässt, das sie ausgelöst hat. Was natürlich heißt, dass sie erfolgreich war.

House of Egorn, Mi.–Sa. 11–18 Uhr bis 27. 7., Potsdamer Str. 96

Welchen Klub oder Ort in Berlin kannst du empfehlen?

Wer auf der Suche nach etwas Seltsamen ist: Butterfly Karaoke in Charlottenburg ist ein wahres Juwel. Die Bar hat täglich von 21 bis 6 Uhr geöffnet und man kann thailändisches Essen an den Tisch bestellen.

Welche Zeitschrift und welches Buch begleitet dich zurzeit durch den Alltag?

Ich habe kürzlich Reza Negarestanis „Cyclonopedia: Complicity with Anonymous Materials“ gelesen. Es war sehr interessant, seine Deleuze’schen Halluzinationen über Öl und Staub im heutigen Kontext der Sorge um die Umwelt wieder zu lesen. Als nächstes fange ich Dehlia Hannahs Spekulative Fiction-Anthologie „A Year Without a Winter“ an, die sich sicher gut daran anschließen wird.

Was ist dein nächstes Projekt?

Als nächstes reise ich nach Zagreb, wo ich am 4. Juli im GMK eine Ausstellung mit dem Titel „Extraction: Liquid Flames of the Solid Core“ eröffne. Es sind zwei neue skulpturale Kommissionen zu sehen, eine von Ana Alenso aus Berlin und eine von Miguel Soto, der in Santiago de Chile lebt.

Beide reflektieren das Thema Extraktivismus, jedoch via fast entgegengesetzten Materialien. Bei Alenso geht es um Ölgewinnung in der Adria und bei Soto um Granulit-Gestein von der Küste. Außerdem werden vier Filme von Callum Hill, Alina Manukyan, Alejandra Prieto und Matthew C. Wilson gezeigt.

Welcher Gegenstand/welches Ereignis des Alltags macht dir am meisten Freude?

Der Kaffee am Morgen.

Dieser Text erschien im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer donnerstags in der Printausgabe der taz.

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