Ausstellung über Allen Ginsberg: In der Tiefe des Meeres

Der dicke Mann mit Bart und Brille: Eine ausufernde immaterielle Schau im ZKM Karlsruhe wirft neue Blicke auf einen großen Schriftsteller.

Er kultivierte eine Art Sprechgesang: Allen Ginsberg 1960 im Washington Square Park. Bild: Charles Gatewood / The Image Works / Roger-Viollet

Die Schau verhält sich wie ein elektronischer Lesesaal. Vor Leinwänden, Flatscreens und Computermonitoren stehen bequeme rote Sofas. Darauf flimmern Dokumentarschnipsel, Kurzfilme, Fotografien. „Beat Generation/Allen Ginsberg“ ist als „visuelle und akustische Anthologie“ angelegt, wie ihr Kurator Jean-Jacques Lebel sagt, als Materialsammlung ohne Material sozusagen.

Wo es keine Materie gibt, da kann es auch keine Originale geben. Im Falle eines Schriftstellers wie Ginsberg keine Vitrinen mit alten Originalausgaben, keine Handschriften auf vergilbtem Papier, kein Hut und keine Schreibmaschine. Und so kommt es schließlich, dass das Prinzip der Reproduzierbarkeit sich vom Kunstwerk auf eine ganze Ausstellung ausweitet.

Ist man es bislang gewohnt gewesen, aufwendige Ausstellungen auf Tour gehen zu lassen, von einem Museum zum anderen, so gibt es bei dieser Ausstellung die Besonderheit, dass sie am 15. Juni gleich vier Mal eröffnete: im Centre Pompidou Metz, im Fresnoy im nordfranzösischen Tourcoing, in den Champs Libres in Rennes und schließlich im ZKM in Karlsruhe.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob man eine oder gar vier Ausstellungen zu Allen Ginsberg wirklich braucht. Ist nicht alles schon gesagt worden, zu dem dicken Mann mit Bart und Brille? Zum schwulen Kommunisten und buddhistischen Juden? Zum experimentellen Dichter, der in „Howl“ das biblische Monster als den Geist der modernen kapitalistischen Welt beschwor?

Vorläufer des Rap

Für „Howl“ ist Ginsbergs Vortragsart zentral. Er kultivierte eine Art Sprechgesang, der entfernt an Rap erinnert. 2010 erschien ein Film, der den Gerichtsprozess um „Howl“, das als anstößig empfunden wurde, zum Gegenstand hatte. Ginsberg wird als Begründer der Beat-Generation gefeiert. Ihre Geschichte ist inzwischen längst zur Legende geronnen, die als Block im Regal zwischen Che Guevara und Andy Warhol liegt. Lässt sich über Ginsberg überhaupt noch etwas Neues erfahren? Verdecken einem nicht all die populären Ginsberg-Bilder die Sicht?

Der Kurator der Schau, der 1936 in Paris geborene Künstler und Autor Jean-Jacques Lebel, gibt einen sehr direkten Einblick in die Geschehnisse. Etwa zeitgleich zu Ginsberg in Amerika entwickelte Lebel das Happening, Aktionen zwischen Kunst und Politik in Frankreich. Er war mit Ginsberg gut befreundet und übersetzte viele seiner Bücher ins Französische.

Ginsberg liebte epische Breite. 1990 überfiel ihn das Bedürfnis, in aller Ausführlichkeit über sein widerständiges Leben, seinen politisch-agitatorische Arbeit, seine Schriftstellerei und seine vielen Freundschaften mit Berühmtheiten wie Jean Genet, Bob Dylan oder Timothy Leary auszuholen. Lebel drehte einen vierstündigen Interviewfilm.

Diese Dokumentation läuft nun in den immateriellen Ausstellungen. Als Zuschauer wird man recht unvermittelt in die Tiefen dieses endlosen Meeres geworfen, das voll ist von Diskursen und Erzählungen, die man zunächst nicht versteht und für die man etwas Zeit braucht. Vier Stunden, im besten Falle.

Von New Mexiko bis Tanger

Es sind ausschweifende Geschichten von kollektiven Abenteuern, Porträts bekannter und weniger bekannter Weggefährten, Berichte von langen Reisen von New York über New Mexiko und Tanger nach Paris. Ginsberg nimmt sich Zeit, von seinen Liebesbeziehungen zu erzählen, von seinen Sehnsüchten, Experimenten mit Drogen und der Sinnsuche im Buddhismus.

Auf einem weiteren Monitor laufen dokumentarische Filmsequenzen. So etwa zu den „Days of Rage“ in Chicago 1968. Die Demokraten richteten dort ihren Parteitag aus und aus Protest gegen den Vietnamkrieg gehen mehr als 10.000 Menschen auf die Straße. Die Yippie-Bewegung wart daran beteiligt, ebenso der Politaktivist Abbie Hoffman und, – auch Allen Ginsberg. Mit auf der Demo wurde ein Schwein geführt: als Präsidentschaftskandidat der Gegenbewegung.

Ein anderer Bildschirm zeigt Aufnahmen von Ginsberg-Performances, etwa ein Auftritt von ihm und Philip Glass 1992. Repetitiv führen sie gemeinsam Ginsbergs „Wichita Vortex Sutra“ auf, für meditatives Klavier und Rezitation. Der Buddhismus ist nicht weit.

Ginsberg war stets auch als Darsteller, Drehbuchautor und Realisator an einigen Filmen beteiligt. Auch in die wird man in der Vierfachschau hineingeworfen. Ebenso in Joans Mekas „Scenes from Allen’s last three days on Earth“ von 1997. Gedreht wurde der Film während der Trauerfeier in Ginsbergs New Yorker Loft. Hauptdarsteller ist seine Leiche.

Die Presse kritisierte die Ausstellung vielfach als beliebig und kontextfrei. Manchmal aber ist der Kontext tödlich für das Wiederverstehen eines Werkes. Wer Kontext will, soll sich ein Buch kaufen. Vielleicht die kritische Biografie von Michael Schumacher. Für einen neuen Zugang gibt es diese Ausstellung. Schön ist diese Weite, schön ist es, ohne Überblick sein zu dürfen.

„Beat Generation/Allen Ginsberg“, noch bis 1. September, Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe

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