Ausstellung in Hamburg

Die amerikanischen Freunde

Disney, Rockwell, Pollock, Warhol: Das klingt nach totem weißem Mann. Die Ausstellung „Amerika!“ in Hamburg eröffnet aber interessante Perspektiven.

farblich bearbeitete Fotos eines alten Sportwagens

Kapitalismus-Kunst: Andy Warhol, „Mercedes-Benz 300 SL Coupé“ (1986, Ausschnitt) Foto: Daimler Art Collection © 2019 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

HAMBURG taz | Ja, doch: Vom Verkaufen ihrer Unternehmungen verstehen sie bei Bucerius etwas. Als die Presse vorab zur Besichtigung der neuen Ausstellung geladen war, der ersten im Kunstforum an neuer Adresse (abgesehen von so einer Einweihungsschau), da lag eine Frage ja geradezu in der Luft: Warum? Und warum jetzt?! Gezeigt werden Arbeiten von vier toten weißen Männern, US-amerikanischen Männern, um genau zu sein: „Disney, Rockwell, Pollock, Warhol“, reiht der Untertitel sie auf – und stellt ein „Amerika!“ oben drüber, ja: mit Ausrufezeichen.

Der Comic- und Zeichentrickfabrikant Walt Disney, dazu Norman Rockwell, ein so idyllisches wie (beinahe exklusiv) weißes Amerika behauptend – und dann auch noch die Exklamation? Ist das am Ende Kunst, wie sie Donald Trump gefallen könnte? Dann müsste er wohl hinwegsehen übers Action-Gekleckse von Jackson Pollock. Während ihm am fellow New Yorker Andy Warhol vielleicht das Geschäftsmäßige zugänglich wäre, der Celebrity-Kult – und nicht zuletzt lässt sich der seriell produzierende, den Konsumartikel zur Kunst erhebende Warhol ja auch so lesen, dass er dem ach so elitären Betrieb die lange Nase zeigt.

Hinweisen aufs Verbindende

Ein „Jetzt erst recht“ formulierte Kunstforum-Geschäftsführer Andreas Hoffmann: Sicher, man sei „enttäuscht“ von der derzeitigen politischen Lage – aber deshalb sei es ja umso wichtiger, hinzuweisen aufs Gemeinsame, aufs Verbindende. Und der Kopf der Zeit-Stiftung, Michael Göring, wies hin auf das „transatlantische Bekenntnis“ des Stifters Gerd Bucerius, ans besondere Verhältnis zu den USA.

Göring erinnerte aber auch daran, welche Wirkung einst die Kunst eines Warhol oder Pollock auf die Menschen im Nachkriegsdeutschland gehabt habe: Ein Befreiungsschlag sei doch diese wagemutige, risikofreudige, zugängliche Kultur gewesen, verglichen mit der hiesigen Enge.

Nun muss so eine Ausstellung nicht so sehr außenpolitischen oder historischen Ansprüchen genügen, sondern vor allem: kuratorischen. Und da wirft das nun erstmals so zusammengestellte Quartett Fragen auf – aber das bekommen ja auch nicht alle Ausstellungen hin. Was ist das also für eine Kombination? Als „Pioniere“ bezeichnet die vier die Kuratorin Kathrin Baumstark, zugleich Künstlerische Leiterin des Hauses: „Sie alle gestalteten und prägten das Bild der Vereinigten Staaten.“

Mal mehr, mal weniger unmittelbar: Sind einige von Disneys Figuren Amerika-Symbole geworden wie Coca-Cola oder der Western-Film, ist etwa der enorm produktive, um einiges zu spät geborene Naturalist Rockwell dem Rest der Welt längst nicht so geläufig wie seinen Landsleuten; weil zu seinen Fans neben Barack Obama aber auch bedeutende Filmregisseure zählen, ist seine Ästhetik dann plötzlich doch wieder ganz vertraut; dieser (Um-)Weg übers Kino hätte ein prima begleitendes Filmprogramm abgeworfen.

Eine der zahlreichen Anekdoten, die es ums Zustandekommen der Ausstellung zu hören und zu lesen gibt: George Lucas und Steven Spielberg haben große Rockwell-Sammlungen. Mit Spielberg habe man sogar verhandelt, erzählte Baumstark – am Ende verlieh er aber nichts nach Hamburg.

Apro­pos: 170 Arbeiten aus etlichen Häusern wurden beschafft, und weil darunter auch ganze Konvolute sind, etwa alle 323 Titelseiten, die Norman Rockwell für die Saturday Evening Post fertigte, kommt man am Ende auf über 500 Exponate.

Gemalte Menschen betrachten Gemälde in einem Museum

Abbilden oder verstehen? Norman Rockwells „Picasso vs. Sargent“ variiert eine zentrale Frage der Kunst Foto: © The Norman Rockwell Family Agency

Bei Rockwell, diesem vielen Europäern ja erst nahezubringenden Chronisten amerikanischen Kleinstadtlebens, finden sich dann allerlei Aha-Erlebnisse: Nicht nur gewann der Mann mit einer Art Persiflage auf Pollock einen Preis. Sein Bild „Picasso vs. Sargent“ (1966) ist ein überraschendes Spiel mit der Frage, welche Kunst eigentlich ihrem Objekt näher kommt: Die, die möglichst genau abbildet? Oder die, die einer höheren Idee von Wahrhaftigkeit folgt? Und wie gut ist eigentlich ein Künstler, der das eine wie das andere auf derart hohem Niveau kopieren kann?

Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol: bis 12. 1. 2020, Hamburg, Bucerius Kunstforum

Filmprogramm zur Ausstellung: „Bambi“: So, 27. 10., 17 Uhr; So, 22. 12., 15 Uhr; „Fantasia“: So, 24. 11. + So, 5. 1. 2020, jeweils 11 Uhr, Hamburg, Zeise Kinos

Während Warhol und Pollock maximal Kanon sind und ihre Ausstellungskonjunkturen haben, ist das Hinzunehmen der beiden anderen umso bemerkenswerter, nicht nur weil Rockwell überhaupt zum ersten Mal so umfangreich in ein hiesiges Museum kommt. Hier lässt sich auch eine These festmachen: Diese amerikanische Kunst ist nicht einfach eine Verlängerung von europäischer. Paradoxerweise gilt der Abstrakte Expressionismus als erste genuin amerikanische Richtung; und sein Vertreter Pollock wird oft als eine Art Cowboy des Kunstbetriebs rezipiert, als einer, der seinen Weg geht gegen allerlei Unbilden; als „amerikanisch“ dürfte im Rest der Welt aber eher Warhols scheinbar an Aura so arme Fabrik-Kunst gelten.

Ja, es gibt auch „Bambi“

Und wo wir schon bei quasi-industriellen Kunst-Anfertigung sind … nein, nicht bei Warhol, sondern bei Disney: „Wir haben auch ‚Bambi‘ da“, beruhigte Baumstark vorneweg. Und sprach ihrerseits von vergangenen Verheißungen, für die „Amerika!“ einmal gestanden habe. Dieser Gedanke fand Eingang in die Ausstellungsgestaltung: So rekurrieren die Pastelltöne an den meisten Wänden – neutral-weiße kriegten nur die teils umso umwerfenderen Pollocks – rekurriert auf die 1950er, auf Straßenkreuzer und Neon und das Art déco von Miami.

Das Gros der Disney’schen Exponate sind nicht die allerbekanntesten Figuren, nicht die Stars des Konzerns: Studien und Storyboards und, besonders schön in ihrer funktionalen Kunstfertigkeit, Hintergründe aus Märchenverfilmungen sind zu sehen. Nicht immer ist klar, wer ihre Urheber sind – oder ihre Urheberinnen: Frauen gelangten bei Disney lange kaum in kreative Positionen, blieben Abpauserinnen, während Männer Zeichner wurden. Die Ausstellung macht eine dieser unsichtbaren Frauen sichtbar, gibt ihr wenigstens einen Namen: Retta Scott.

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