Ausgehen nach Corona: Wenn das Aerosol aus der Dose kommt

Tanzen, geht das noch? Schlechte Luft in Bars ist hinderlich. Noch schlechter die Luft in der U8: Pfefferspray-Inferno. Ein Wochenende in Berlin.

Menschen tanzen in rot-violettes Licht gehüllt

Eine Stadt erwacht: In Berlin darf wieder getanzt werden Foto: Christian Ditsch

Die Zeitung hat einen neuen überregionalen Lokalteil und mehr Politikseiten am Wochenende. Das muss gefeiert werden am Freitagabend, und weil alle das Feiern nicht mehr gewöhnt sind, gibt es noch mehr Musikwünsche als sonst. Die Tabs mit You-Tube-Links stapeln sich, wann soll man das alles denn spielen?

Einer der Gäste, er trägt eine Thälmann-Mütze, wünscht sich Rio Reisers „König von Deutschland“. DJ Doris entscheidet sich jedoch für „Keine Macht für niemand“. Ist auch Rio, aber besser. Weil es so schön war, folgt sogleich „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Das wiederum geht nahtlos ins Lied von der Einheitsfront über.

Wahnwitz war schnell

Obwohl ich das Lied von der Einheitsfront gar nicht so gut kenne und an der Arbeitereinheitsfront problematisch finde, dass man vorher nie weiß, ob da nicht am Ende die Stalinisten das Sagen haben werden, kann ich fast fehlerfrei mitsingen. Da fällt mir ein, warum: die Donauwörther Punkband Wahnwitz hat es immer auf ihren Konzerten gespielt und auf der Wahnwitz-Kassette war es dann verewigt worden. Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist!

Den Drummer von Wahnwitz habe ich immer bewundert, weil er sehr schnell und präzise Schlagzeug gespielt und währenddessen gesungen hat. Heute ist er, soweit ich weiß, Besitzer der Domain www.punk.de. Da hatte jemand das Internet verstanden, als die gesammelte deutsche Publizistik es noch für einen kurzlebigen Trend hielt, der sich bald überleben würde. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und so konnten sich weder die Punkzeitung Die Welt noch die Internetpartei FDP diese Top-Adresse sichern. Es kann die Befreiung der Arbeiterklasse nur die Sache der Arbeiter sein.

Die Sounds von Ordu, Trabzon und Kars

Tags darauf machen wir Dance-Check. Dance-Check ist, wenn Pandemie zur Endemie geworden ist, man geimpft ist und schauen will, ob das noch geht mit Tanzen. Vorher aber fahren wir noch nach Schöneweide, wo Marc Sinan für das Studio Bosporus sein Stück „Hasretim“ aufführt. Auf weißen Bahnen an der Stirnseite der Spreehalle laufen Videoaufnahmen einer Reise durch Anatolien.

Es geht darum, die alten Lieder zu dokumentieren, die nur noch wenige spielen, singen und weitergeben können. Sinans Orchester tritt in einen Dialog mit Stimmen und Klängen aus Ordu, Trabzon oder Kars. Am schönsten ist das Battle zwischen Klarinettist Oğuz Büyükberber und einem anatolischen Flötisten.

Es ist kalt geworden, das liegt an den Polarwirbeln und Klimakatastrophe, lerne ich, weswegen wir uns über die Schalen mit Feuer im Hof freuen. Aufgewärmt geht’s weiter nach Kreuzberg. Jetzt aber wirklich Dance-Check. Die Schlange vor der Paloma Bar windet sich durchs halbe Treppenhaus, aber es geht schnell voran.

Denken hilft oft weiter

An der Tür werden wir mit einem herzlichen Lächeln empfangen, das ist schön. Aber dann gestoppt, weil die Mittänzerin nur den gelben Impfpass dabei hat. Handy ist zu alt für App. Und wir daher nicht kompatibel mit dem Hygienekon­zept der Bar. Nicht schön, aber wir bleiben entspannt.

Im Olfe immerhin werden wir nach genauer Prüfung des Impfpasses eingelassen. Dort entwickeln wir die Idee, dass man den QR-Code mit dem Zertifikat ja fotografieren könnte? Denken hilft oft weiter. Später, im Roses, mach ich nur Sitzdancing auf dem Sofa. Es gibt zu wenig Luft. Wie hat man das früher bloß gemacht?

Zeit, nach Hause zu fahren, mit der U8. Ich sage beim Abschied noch, dass ich mein Fahrrad vermisse und insbesondere in müdem Zustand nicht gern U-Bahn fahre.

„Du kommst jetzt raus. Sofort!“

Am Alexanderplatz hält der Zug länger als sonst. Nach zwei Minuten steigt ein junger Mann ein, neue Jacke, Basecap. Er bleibt an der offenen Tür stehen. Dreißig Sekunden später stehen zwei Polizisten hinter ihm: „Du kommst jetzt sofort raus. Sofort!“ Auf dem Bahnsteig werden Personalien festgestellt, der Mann anscheinend mit einem Sachverhalt konfrontiert. Endlich schließen die Türen, die Fahrt geht weiter.

Am nächsten Bahnhof tritt ein junger Mann an die Tür, steigt aber nicht ein. Er hat ein verweintes Gesicht, starrt einen Mann an, der an der gegenüberliegenden Tür steht. Der Angestarrte merkt es nicht, weil er auf sein Handy schaut. Dann hebt der starrende Mann seinen linken Arm hoch und drückt entschlossen auf den Knopf einer Spraydose. Pfffft.

Die herausschießende Aerosolwolke trifft den Mann am Handy voll ins Gesicht. Das Signal zum Türenschließen erklingt. Der Angreifer bleibt draußen. Die Bahn fährt los. Drinnen bei uns entfaltet sich in Zeitlupe ein Pfefferspray­inferno. Dit is Berlin.

Am Sonntag bin ich immer noch heiser. Das war die Arbeitereinheitsfront.

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