Ausbildung in Schwangerschaftsabbrüchen: Ärzt*innen gesucht

Auch in Bremen gibt es zu wenig Mediziner*innen, die Abtreibungen durchführen. Die Koalition will dies mit verbesserter Aus- und Weiterbildung lösen.

Dicker Mann protestiert gegen Schwangerschaftsabbrüche

Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, müssen sich vorwerfen lassen, Leben zu töten Foto: Oliver Mehlis / dpa

BREMEN taz | Im Land Bremen gebe es zu wenig Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, finden Linke, Grüne und SPD – und das soll der Senat jetzt ändern. Er solle alle Möglichkeiten nutzen, den „Schwangerschaftsabbruch in Bremen und Bremerhaven – also wohnortnah – zu ermöglichen“, heißt es in einem aktuellen Antrag an die Bürgerschaft.

Die Koalitionsfraktionen vermuten, dass die mangelnde Aus- und Weiterbildung zu Methoden des operativen und medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs ursächlich ist für den Ärzt*innenmangel.

Der ist in Bremen noch nicht so gravierend wie etwa in manchen Regionen in Niedersachsen. Aber die Situation ist angespannt: Im Antrag steht, dass in Bremerhaven derzeit niemand Abbrüche durchführt. Das stimmt so nicht. Nach Angaben der Beratungsstelle Pro Familia in Bremerhaven gibt es zwei Ärzte, die an wenigen Tagen im Klinikum Reinkenheide operieren. Allerdings komme es immer wieder vor, dass einer oder sogar beide ausfielen, sagt die Leiterin der Beratungsstelle der taz.

In der Stadt Bremen ist die Lage etwas besser. Die meisten Abbrüche werden im medizinischen Zentrum von Pro Familia durchgeführt. Es gib aber immer wieder Probleme, Ärzt*innen zu finden, was zu eingeschränkten Kapazitäten und verlängerten Wartezeiten führt. Daneben gibt es etwa eine Handvoll niedergelassener Gynäkolog*innen, von denen die offizielle Liste der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aber nur zwei aufführt.

Die anderen halten ihre Tätigkeit geheim, vermutlich um nicht ins Visier christlicher Fundamentalist*innen zu geraten. Zudem seien diese Kolleg*innen nahe am Rentenalter oder gar darüber hinaus, sagt die Vorsitzende des Bremer Berufsverbands der Frauenärzt*innen, Kerstin Schwarzer.

Kerstin Schwarzer, Frauenärzt*innen-Berufsverband

„Es müssen beide Methoden gelehrt werden, operativ und medikamentös“

Tatsächlich sind Methoden des Schwangerschaftsabbruchs nur an einigen Universitäten Thema im Medizinstudium – und dann auch nur theoretisch. Zur praktischen Ausbildung von Gynäkolog*innen gehören sie nicht, darüber entscheiden die Ärztekammern. Gelehrt wird in Deutschland bisher nur das Ausschaben der Gebärmutter nach Fehlgeburten. Schonendere Methoden, das haben internationale Studien gezeigt, sind aber das Absaugen und der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch.

Nun stellen sich die Antragsteller*innen von Rot-Grün-Rot vor, dass „das Land Bremen ein eigenes Fortbildungsprogramm für Ärzt*innen anbieten kann“ – ohne dies näher zu erklären. Vorstellbar wäre, dass das Land Bremen Ärzt*innen unterstützt, die für sich entscheiden, das lernen zu wollen.

Zudem solle sich der Senat dafür einsetzen, „dass im Rahmen der Ausbildung an Kliniken die Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen gelehrt wird“, steht in dem Antrag. Das ist gerade in Bremen schwierig, da an den Kliniken verhältnismäßig wenige Abbrüche gemacht werden – und von denen ein Drittel nach der 14. Schwangerschaftswoche, bei denen ausgeschabt oder der Fötus tot geboren wird.

Im Jahr 2019 wurden laut statistischem Bundesamt 236 ambulante und stationäre Abbrüche in Kliniken im Land Bremen vorgenommen – und 1.889 in ambulanten Praxen, 85 Prozent davon im medizinischen Zentrum von Pro Familia. Dort liegt die Expertise – aber wer sich dort ausbilden lässt, kann sich dies nicht für die Fachärztin anerkennen lassen.

„Es geht nur über öffentlichen Druck“

Dass die Politik versuche, Einfluss auf die ärztliche Ausbildung zu nehmen, sei richtig, sagt Alicia Baier, Gründerin und Vorsitzende von Doctors for Choice. „Es geht nur über öffentlichen Druck.“ Der Verein setzt sich unter anderem dafür ein, dass Schwangerschaftsabbrüche als Bestandteil der gynäkologischen Tätigkeit anerkannt werden. „Es muss einfach klar sein, dass das dazugehört“, sagt Baier.

Auch Kerstin Schwarzer vom Bremer Berufsverband begrüßt den Antrag. „Es müssen beide Methoden gelehrt werden, das operative und das medikamentöse Vorgehen“, sowohl im Studium als auch in der Facharztweiterbildung. „Wenn ich als Ärztin keine Kompetenz in einer Tätigkeit habe, kann ich sie schwerlich anbieten.“

Nicht umsetzbar ist der vierte und letzte Punkt auf der Wunschliste an den Senat. Weil es Frauen in manchen europäischen Ländern wie Polen noch schwerer haben, einen sicheren Schwangerschaftsabbruch zu bekommen, soll der Senat „prüfen, inwieweit EU-Ausländer*innen mit der europäischen Krankenversicherungskarte (EHIC) ein erleichterter Zugang zu medizinischen Einrichtungen gewährt werden kann“.

Aber Abtreibungen sind in Deutschland keine Kassenleistung, auf Antrag übernehmen die Bundesländer die Kosten in Höhe von 350 bis 600 Euro für Frauen mit geringem Einkommen.

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