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Auf der Kippe

Mesut Özils Geschichtezeigt: Deutschland hat sich nie selbst überwunden. Was wir Wandel nennen, ist oft nur ein kurzerMoment der Selektion

Die Nationalmannschaft machte Hoffnung auf ein offenes Deutschland. Doch die Ressentiments waren nie wirklich weg Foto: Maria Feck/laif

Von Matthias Kalle

Vielleicht sollte man gemeinhin doch viel mehr Fernsehen schauen, denn so schlecht ist das ja alles gar nicht, was man da finden kann. Zum Beispiel die dreiteilige Dokumentation über Mesut Özil, die seit Kurzem in der ZDF-Mediathek zur Verfügung steht. Sie schafft das Kunststück, einem im Wesentlichen nichts Neues zu erzählen, dafür aber einen alten Gedanken unerträglich klar zu machen. Özils Geschichte kennt man ja in Umrissen: den Aufstieg, das Erdoğan-Foto, den Rücktritt mit Rassismusvorwurf, seine bittere Abrechnung mit dem DFB. Aber es gibt einen Moment in der ersten Folge, der einen mit ziemlicher Wucht trifft, eine Erkenntnis, die man wundersamerweise 16 Jahre ignoriert hat: Wir haben uns 2010 etwas vorgespielt. Und wir haben es damals nicht gemerkt, weil wir es nicht merken wollten.

Sommer 2010, Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Mit dabei eine deutsche Nationalmannschaft, wie man sie nie zuvor und nie danach gesehen hat: spielerische Leichtigkeit, Raffinesse, Eleganz. Die wichtigsten Protagonisten dieses Teams sind Mesut Özil, Sami Khedira, Jérôme Boateng, Miroslav Klose, Lukas Podolski – Spieler, deren Eltern aus der Türkei, aus Tunesien, aus Ghana und aus Polen kamen, und die für Deutschland spielen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Für einige Momente schien das auch die so genannte Mehrheitsgesellschaft so zu sehen, und Migration wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Problem, nicht wie eine Bedrohung, sondern wie eine Ressource, eine Stärke und, tja, beinahe auch wie ein Versprechen, eine Wette auf die Zukunft. Das Land schaute auf diese großartige Nationalmannschaft und glaubte, sich selbst darin zu erkennen.

Nun ja. Drei Monate später erschien Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ und wurde in kürzester Zeit zu einem der meistverkauften Sachbücher der Bundesrepublik. Es spielte kaum eine Rolle, ob die Käufer das Buch tatsächlich gelesen hatten, denn das Buch und der Autor waren plötzlich überall – in Talkshows, in Interviews, in Buchbesprechungen. Die These, die ins Schaufenster gestellt wurde, lautete: Einwanderung – insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern – schwächt Deutschland kulturell und ökonomisch. Sarrazin verband statistische Argumente mit weitreichenden Behauptungen über Bildung, Leistung und deren Ursachen, die er teilweise auch auf Vererbung zurückführte. Die öffentliche Debatte entzündete sich an der grundsätzlichen Stoßrichtung: der Vorstellung, dass Integration scheitere und die Gesellschaft sich durch Migration selbst gefährde.

Die Özil-Dokumentation montiert beide Ereignisse – die WM 2010 und das Erscheinen von Sarrazins Buch – aufeinanderfolgend; sie inszeniert das als abrupten Stimmungswechsel, als einen Kipppunkt. Das Problem ist nur: es war keiner. Beide Stimmungen existierten gleichzeitig. Das offene, diverse Deutschland und das ängstliche, ­ressentimentgeladene – beide waren im Sommer 2010 real, beide hatten ein Millionenpublikum – und beide warteten auf ihren Moment. Die Nationalmannschaft um Mesut Özil gab dem einen kurz die Oberhand. Sarrazins Buch dem anderen. Es gab keinen Wandel.

Dabei lieben wir natürlich Kipppunkte, denn als Denkfigur sind sie verführerisch. Sie versprechen uns etwas, was uns die Wirklichkeit meistens verweigert: Ordnung, Kausalität und eine erkennbare Richtung. Vorher so, nachher anders. Ein Moment, an dem sich etwas entscheidet. Diese Denkfigur hat eine wissenschaftliche Herkunft – in der Klimaforschung bezeichnet ein Kipppunkt den Übergang, ab dem ein System irreversibel in einen neuen Zustand gerät –, aber in der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung hat sie sich verselbstständigt. Wir reden von politischen Kipppunkten, kulturellen Zeitenwenden, historischen Brüchen und Vibe Shifts. Und meinen damit erklären zu können, dass sich etwas verändert hat. Dass eine Gesellschaft nicht mehr dieselbe ist wie zuvor. Das Pro­blem ist nicht, dass Diagnosen von Kipp­punkten immer falsch wären. Das Problem ist, dass sie fast immer das ­Falsche benennen.

Im Sommer 2001 wird beim ­G8-­Gipfel in Genua ein junger Demonstrant von einem Polizisten erschossen. Sein Name ist Carlo Giuliani. Für einen Moment bündelt sich in diesem Ereignis etwas: die Wut über unkontrollierte Globalisierung, die Frage nach demokratischer Kontrolle über Kapital und Märkte, eine gerade erst entstehende Bewegung, die den Konsens des Neoliberalismus grundsätzlich in Frage stellt. Man hätte das als Anfang lesen können, als ersten sichtbaren Riss in einer Ordnung, die sich selbst für ­alternativlos hält. Die Wut über Giulianis Ermordung hatte das Potenzial für ein Aufbegehren. Dann kommt der 11. September. Und quasi über Nacht verschwinden die Fragen von Genua – nicht weil sie beantwortet worden wären, nicht weil sie sich erledigt hätten, sondern weil ein anderes Ereignis alles dominiert. Die Öffentlichkeit entscheidet sich, dass jetzt über Terror, über Sicherheit und über den Krieg gegen den Terrorismus geredet wird. Aber die Globalisierungskritik löst sich nicht auf. Sie wird nur unsichtbar gemacht. Und heute, ein Vierteljahrhundert später, in den Debatten über Lieferketten, über die Abhängigkeit von China, über die sozialen Kosten offener Märkte, kehren dieselben Fragen zurück – als ­wären sie neu.

Und das Verdrängte wartet still

Im November 2008 wurde Barack ­Obama zum Präsidenten der USA gewählt, und die Erzählung, die sich mit dieser Wahl festsetzte, war so mächtig, dass sie kaum jemand laut zu bezweifeln wagte: Das Land hatte sich verändert. Die Geschichte der Sklaverei, der Segregation und des systematischen Rassismus war zwar nicht überwunden, aber von nun an konnte es nur besser werden. Was jedoch gleichzeitig wartete, war unsichtbar, weil es so viel leiser war als die Euphorie über Obamas Sieg: die Tea-Party-Bewegung, die sich in denselben Monaten formierte, ein Rassismus, der nie verschwunden war, sondern nur keine überzeugende ­politische Sprache mehr gefunden hatte. 2016 wählten die USA dann zum ersten Mal Donald Trump.

Was wir so oft Kipppunkte nennen, sind demnach keine Momente der Veränderung, sondern Momente der Selektion. Gesellschaften enthalten zu jedem Zeitpunkt mehrere Möglichkeiten gleichzeitig – konkurrierende Narrative, verschiedene Versionen von sich selbst. Ein Ereignis – Buch, Anschlag, Foto, Rücktritt – entscheidet, welche dieser Möglichkeiten Ausdruck findet und welche in den Hintergrund tritt. Dieses Ereignis verändert nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit. Es sortiert sie nur neu.

Mesut Özil hat das am eigenen Leib erfahren. 2010 war er das Gesicht eines Deutschlands, das glaubte, die Integrationsfrage zumindest im Grundsatz gelöst zu haben. 2018, nach dem Erdoğan-Foto und dem frühen WM-Aus, wurde Özil zur Projektionsfläche für alles, was an dieser Selbsterzählung immer schon brüchig war: die ungelöste Frage doppelter Loyalitäten, der Rassismus im Fußball und im DFB, das Unbehagen der Deutschen über eine Einwanderungsgesellschaft, das nie verschwunden war. Die Özil-­Dokumentation macht daraus die Tragödie einer Person – tatsächlich aber ist es die Tragödie einer Gesellschaft, die sich zwei Versionen von sich selbst erzählt und immer wieder überrascht ist, wenn die verdrängte ­zurückkehrt.

Denn die unterlegene Möglichkeit verschwindet ja nicht. Sie wartet nur. Und das gilt in beide Richtungen. Die Regressionen, die uns erschrecken, haben meistens längst existiert – wir haben sie nur nicht als das benannt, was sie waren, solange die andere Geschichte lauter war. Und die Aufbrüche, die uns begeistern, sind fragiler als sie wirken – nicht weil sie falsch oder ­unecht wären, sondern weil das, was sie verdrängt haben, weiterläuft und auf seinen Moment, auf sein ­Ereignis wartet.

Wenn wir also glauben, gerade einen Wandel zu beobachten, dann können wir nicht wissen, ob wir tatsächlich seinen Anfang sehen oder nur seinen Ausschlag. Und wir sehen nie die Möglichkeiten, die gerade still warten. Wir sehen immer nur die, die gerade durch ein Ereignis sichtbar geworden sind.

Viele Menschen haben während der WM 2010 daran geglaubt, dass sich etwas in diesem Land verändert hat und hielten den Erfolg von Sarrazins Buch für einen kurzen Rückfall, für ein grimmiges Knurren einer Stimmung, die ja aber endlich überwunden war. Doch der Erfolg des Sarrazin-Buchs war genauso real wie die Euphorie über Mesut Özil im Trikot der Nationalmannschaft.

Deshalb wird man, nachdem man die Özil-Dokumentation geschaut hat, kurz wehmütig, dann wütend und schließlich fragt man sich, welche Version gerade wieder wartet, während man die aktuelle betrachtet.

Für einige Momente wirkte Migration 2010 nicht mehr wie eine Bedrohung, sondern wie eine Stärke und eine Wette auf die Zukunft

In Ungarn zum Beispiel könnte kommende Woche Viktor Orbán abgewählt werden. Wenn das geschieht, wird man das als Kipppunkt lesen wollen: als Ende des autoritären Nationalismus in Europa, als Beweis dafür, dass sich auch verfestigte politische Systeme zurückdrehen lassen, dass liberale Demokratien sich regenerieren können. Auf deutschen Straßen demonstrieren Hunderttausende gegen digitale sexualisierte Gewalt. Auch das lässt sich als Kipppunkt erzählen: als Beginn einer neuen Sensibilität, als Moment, in dem eine Gesellschaft nicht länger bereit ist, bestimmte Formen von Gewalt zu tolerieren, als Aufbruch in eine andere Öffentlichkeit.

Und doch zeigen andere Beispiele, wie trügerisch solche Erwartungen sind. Die Correctiv-Recherche über das Treffen von AfD-Politikern und Rechtsextremen zur sogenannten Remigration war so ein Moment. Hunderttausende gingen auf die Straße, die Empörung war groß, die Aufmerksamkeit enorm. Für einen Augenblick schien es, als könnte sich hier etwas entscheiden. Als würde die Stimmung gegenüber der AfD kippen, als wäre eine Grenze erreicht. Doch sie kippte nicht. Die Umfragewerte veränderten sich kaum. Was sichtbar wurde, war nicht eine neue Haltung, sondern eine, die schon längst existierte.

Man könnte einwenden, dass manche Ereignisse eben doch mehr sind als Selektionsmomente – dass wirtschaftliche Krisen, Kriege, technologische Umbrüche die Bedingungen so grundlegend verschieben, dass bestimmte Möglichkeiten danach schlicht nicht mehr existieren. Das stimmt. Aber auch das bestätigt eher die These als dass es sie widerlegt: Selbst wenn sich die Kräfteverhältnisse verschieben, entscheidet nicht der Moment des Bruchs, sondern das Ereignis danach, durch das die neu entstandenen Möglichkeiten sichtbar werden.

Vielleicht sind das Anfänge. Vielleicht sind es Ausschläge. Vielleicht setzen sich tatsächlich neue Kräfte durch. Vielleicht werden sie irgendwann wieder verdrängt. Wir werden es, wie immer, erst hinterher wissen. Und welchen nächsten Kipppunkt wir in ein paar Jahren als Wendepunkt erzählen werden – obwohl er, wie immer, gar keiner war.

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