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Auf St. Pauli tanzen die Puppen„Lachen ist ein guter Türöffner“

Das Figurentheater „Familie Flöz“ ist eine Berliner Institution. Hajo Schüler, künstlerischer Leiter, über das erste Stück auf St. Pauli: „Wunder“.

Interview von

Katrin Ullmann

taz: Herr Schüler, „Familie Flöz“ ist mit „Wunder – ein Märchen ohne Worte für Erwachsene“ zum ersten Mal im St. Pauli Theater. Warum erst jetzt?

Hajo Schüler: Die Idee gab es immer mal wieder. Aber die Bühne hier ist ja recht klein, zu klein für die meisten unserer Stücke. Dann hat aber ein Student von Ulrich Waller hier an der Hochschule ein Referat über uns, also die „Familie Flöz“, gehalten, und am Schluss gesagt: „Mach doch mal was mit denen.“ Am nächsten Tag hat uns Ulrich Waller angerufen.

taz: Was für eine schöne Geschichte. Und wie sind Sie auf das Thema „Wunder“ gekommen?

Schüler: Der Stoff lag schon länger in unserer Schublade: „Das Wunder von Mailand“ oder „Das Wunder von Bamba“, wie die Novelle von Cesare Zavattini eigentlich heißt. Es geht darin unter anderem um den Gegensatz zwischen Vorstadt und Großstadt. Da lässt sich schnell eine Parallele zwischen St. Pauli und Hamburg ziehen …

Im Interview: Hajo Schüler

geboren 1971, ist Schauspieler, Regisseur, Maskenbauer, Mitgründer und künstlerischer Leiter von Familie Flöz. Er arbeitete am Teatro dell' Opera di Roma, dem Theater und der Philharmonie Essen, dem Deutsche Schauspielhaus Hamburg, der Oper Frankfurt, dem Centro Cultural Recoleta Buenos Aires und dem Burgtheater Wien.

taz: … und Randfiguren spielen eine Rolle.

Schüler: Wir machen oft Stücke über Verlierer und über Menschen, die im Leben nicht zurechtkommen.

taz: Warum eigentlich?

Schüler: Gute Frage. Vielleicht, weil das Scheitern etwas ist, das uns Menschen verbindet und weil man darüber lachen kann. Das Lachen wiederum ist ein guter Türöffner. Wenn man gemeinsam gelacht hat, ist man empfänglicher und offener für vieles.

Sobald ein Mensch sich eine Maske aufsetzt, sehe ich, wie es ihm geht und was in ihm vorgeht

taz: Und was kann eine Maske besser erzählen als Sprache?

Schüler: Eine Maske verdeckt zwar das Gesicht, aber sie öffnet viel mehr, als sie verbirgt. Sobald ein Mensch sich eine Maske aufsetzt, sehe ich, wie es ihm geht und was in ihm vorgeht. Nicht, weil ich ein Spezialist wäre, sondern weil hinter der Maske das Ego und das persönliche Gesicht verschwinden. Dadurch sehe ich im Körper sehr viel, was ich ohne die Maske nicht wahrnehmen würde.

taz: Weil die Persönlichkeit durch die Maske auf den Körper reduziert wird?

Schüler: Und weil der Körper lesbar wird. Das Gesicht ist nicht mehr da und steht nicht mehr im Mittelpunkt. Wenn das Gesicht – also die Maske – starr ist, achtet man viel mehr auf alle Regungen und Bewegungen des Körpers. Dadurch öffnet sich viel mehr vom Innersten.

Premiere

„Familie Flöz – Wunder“, 8. Oktober, 19.30 Uhr, St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29–30, Hamburg

taz: Bauen Sie die Masken für jedes Stück neu?

Schüler: Ja und jede Maske ist auch für den*­die je­wei­li­ge*n Spie­le­r*in neu. Ich modelliere sie an den Köpfen der Spieler*innen; das ist also ein sehr persönliches Projekt.

taz: Für die Spie­le­r*in­nen ist das Agieren mit Masken sicher auch nicht ohne …

Schüler: Ja. Als Spie­le­r*in verschwindet man komplett hinter der Maske, und trotzdem ist für das Publikum immer das Innerste sichtbar. Das muss man als Schau­spie­le­r*in wollen.

taz: Wie sind Sie zum Maskentheater gekommen?

Schüler: Ich habe an der Folkwang Universität Schauspiel studiert. Durch ein paar historische Zufälle gab es dort sehr gute Masken, mit denen wir in der Ausbildung gearbeitet haben – ob wir wollten oder nicht. Das hat mich völlig begeistert, weil ich es nicht für möglich gehalten hatte, dass eine Maske lebendig werden kann.

taz: Und wie werden sie lebendig?

Schüler: Das entsteht dadurch, dass die Maske anders gefüllt wird und sich die Situation verändert. Und dadurch, dass der Betrachter unwillentlich etwas auf die Maske drauf projiziert. Das können Gedanken, vor allem aber Emotionen sein. Ein einfaches Beispiel: Eine Figur steht auf der Bühne, und etwas Unerwartetes passiert. Im Körper zeigt sich ein Schreck, eine Irritation. In diesem Moment des Innehaltens verändert sich der Ausdruck der Maske, weil sich der Körper und das innere Bild des Spielers oder der Spielerin verändern, weil die Handlung für einen kurzen Moment stoppt, im Zuschauer aber die Empfindung der Figur weiterläuft. Und das geht nur, wenn die Maske unvollständig ist. Sie muss etwas Offenes haben, damit der Zuschauer etwas hinzufügen kann. Das ist das Magische am Maskenbauen: Man muss ein Kunstobjekt schaffen, das eigentlich noch nicht fertig ist. Fertig wird es erst dadurch, dass jemand etwas darin sieht.

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