:
Der Deutsche Filmpreis feierte Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“, der Abend gehörte aber weißen alten Männern
Von Jenni Zylka
Man müsste sagen: Es ging auch um Filme beim Deutschen Filmpreis am Freitag. Denn was im Berliner Palais am Funkturm zu sehen war, das war etwas anderes als die übliche Dramaturgie. Man bekam nämlich die Gelegenheit, die gesamte Bandbreite des alten weißen Mannes live zu erleben – und zu verstehen, wie dieser abstrakte Typus mit allem zusammenhängt. Die Aussagen, die Frauen tätigten, werden in diesem Bericht somit nicht vorkommen – an ihnen gab es schlichtweg nichts auszusetzen.
Und auch nicht an sämtlichen Männeräußerungen: Der Produzent Ingo Fliess hielt eine brillante Rede über künstlerische Freiheit in einer Demokratie. Er sei glücklich darüber, in einem Land leben zu können, in dem nicht nur die Förderstruktur diese Freiheit garantiert, sondern man einen Kulturstaatsminister kritisieren dürfe. Fliess’ von İlker Çatak inszenierter Film „Gelbe Briefe“ (Silberlola „Bester Film“) ist ein hochpolitisches Werk über die Einflussnahme auf die Kunst. Ebendas, was Weimer vorgeworfen wird. Vorher wurde Weimer mehrfach kritisiert, auch bezüglich dessen versuchter Abberufung der Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle.
Zusätzlich zur durch Agenden geprägten Personalpolitik ging es auch um Gender. Und dazu ließ Ehrenpreisträger Wim Wenders aufhorchen: Vielleicht aufgrund Nastassja Kinskis öffentlich gemachter Bemühungen, eine von ihr mit 13 gespielte Nacktszene aus einem Wenders-Film von 1975 herausschneiden zu lassen, vielleicht wegen seiner vielkritisierten Formulierung über „politische Filme“ bei der Berlinale, brachte er das Thema eigenmächtig aufs Tapet. Er sagte, dass er derlei Szenen heute so nicht mehr drehen würde, und rief zur Diskussion über sich wandelnde „Moralfragen“ und Umschnitte auf. Seinem jüngeren Ich würde er allerdings „keinen Vorwurf machen“. Damit öffnete er eine Tür zum Diskurs, schloss sie aber direkt wieder. Denn das sind keine sich wandelnden Fragen – das Sexualisieren von Kindern war noch nie okay. Und auch ein junger Wenders muss deren Unversehrtheit als Priorität begreifen. Seinem jüngeren Ich ist also absolut ein Vorwurf zu machen. Ob man Filme umschneiden oder kontextualisieren sollte, ist eine andere Frage.
Der dritte alte weiße Mann bescherte kurz zuvor einen Fremdschämmoment: Laudator Leander Haußmann mäanderte und kreiste nicht nur minutenlang um sich selbst, sondern sprach İlker Çataks Namen mehrfach falsch aus und patzte bei der Entschuldigung. Vielleicht wurde er spät verpflichtet oder hatte einen sitzen. Aber wie kann es sein, dass ein solcher Regisseur Çataks Namen noch nie ausgesprochen hat?
Der bezeichnende Schluss, kurz bevor Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ seinen Triumphzug mit 10 Lolas beendete, gehörte dem letzten alten weißen Mann: Wolfram Weimer brachte es fertig, bei seiner Rede die Kritik an sich nicht zu thematisieren. Er tat so, als ob nichts gewesen wäre. Aber beschwerte sich, so wurde kolportiert, später beim Akademiepräsidenten über Fliess. Was den Eindruck verstärkt, dass der Kulturstaatsminister der Kultur und den Menschen weder zuhört noch kulturelle Unabhängigkeit als elementar ansieht. Ein bedrückendes Fazit.
Nur noch 390 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 390 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen