Argentinien in Doppelkrise: Corona trifft auf Wirtschaftskrise

Die Corona-Pandemie breitet sich auch in Argentinien aus. Die Regierung verspricht massive finanzielle Hilfe. Doch woher nehmen?

Ein Frau mit Mundschutz steht in einem Supermarkt hinte reiner Plastikfolie.

Eine Verkäuferin in einem Supermarkt hinter eine Plastikfolie in Buenos Aires Foto: Natacha Pisarenko/ap

BUENOS AIRES taz | Argentiniens Regierung reißt das Steuer herum. Statt strenger Haushaltsdisziplin verkündete sie am Dienstag ein Milliarden-Euro-Hilfsprogramm. „Heute ist die Wirtschaft das Wichtigste und nicht das Haushaltsdefizit“, sagte Präsident Alberto Fernández angesichts der ökonomischen Konsequenzen von Corona und Covid-19. Neben Investitionen in Infrastruktur und Steuererleichterungen sowie günstige Kredite für Unternehmen sind auch die Erhöhung des Kindergeldes für arme Familien und die Anhebung der Mindestrente vorgesehen. Woher die Regierung die veranschlagten 700 Milliarden Peso (10 Mrd. Euro) nehmen wird, ist allerdings noch offen.

Derzeit gibt es 79 positiv getestete Personen im Land, zwei Menschen sind bisher gestorben. Alle Fälle sind auf Rückreisende zurückzuführen. Präsident Fernández hatte bereits vergangene Woche die Aussetzung von internationalen Passagierflügen aus den vom Coronavirus betroffenen Ländern Europas, USA, Südkorea, Japan, China und dem Iran verfügt. Seit Dienstag gilt dies auch für die Nachbarländer Chile und Brasilien.

Zugleich verhängte der Präsident für ein Jahr den Gesundheitsnotstand über das Land. Die Schulen sind geschlossen, lediglich die Schulspeisungen sind erlaubt. Für Kinder armer Familien ist das oftmals die wichtigste Mahlzeit am Tag. Alle Bürger*innen sind verpflichtet sich bei auftretenden Krankheitssymptomen zu melden. Personen, die in den letzten zwei Wochen aus den betroffenen Ländern eingereist sind oder noch einreisen werden, müssen sich einer 14-tägigen Quarantäne unterstellen.

Vergangenen Sonntag waren 270 Ausländer*innen des Landes verwiesen worden, weil sie dies nicht befolgen wollten. Zuwiderhandlungen können im härtesten Fall mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden. Inzwischen wird auch der interne Reiseverkehr nach und nach eingeschränkt.

Das Land befand sich schon vorher in der Krise

Argentinien erlebt nicht erst seit dem Auftauchen des Virus eine Wirtschafts- und Finanzkrise. Schon vor Corona konnte der Staat seine Schuldenlast von rund 310 Milliarden Dollar nicht meistern. Deshalb fielen die Kurse argentinischer Staatsanleihen und Firmenaktien seit dem Ausbruch Pandemie noch dramatischer als anderswo. „Das Einzige was hier steigt, sind die Infektionen und das Länderrisiko“, so der Galgenhumor an der Börse in Buenos Aires.

Argentiniens Länderrisiko, aufgestellt von der US-amerikanischen Bank JP Morgan für die Vergabe von Krediten, kletterte innerhalb eines Monats von 2.000 auf 3.800 Punkte. Die von der Regierung angestrengten Schuldenneuverhandlungen sind ins Stocken geraten. Gegenwertig niemand sagen kann, wie viel argentinische Anleihen überhaupt noch wert sind. Finanzminister Martín Guzmán kann den Gläubiger*innen kein verhandelbares Umschuldungsangebot vorlegen. Und dass die Regierung jetzt ihre Haushaltsdisziplin aufgegeben hat, kommt bei ihnen nicht gut an.

Devisen sind jetzt schon knapp

Dabei wird die Zeit immer knapper. Spätestens wenn im April der Schuldendienst bei den Dollarkrediten nicht geleistet werden kann, werden die internationalen Ratingagenturen Argentinien das Etikett der Zahlungsunfähigkeit anhaften. Dann ist der Zugang zu den internationalen Kreditmärkten ganz versperrt. Schon jetzt verschärft sich die Devisenknappheit. Da China kaum noch was kauft, ist der Preis für Soja mit rund 300 Dollar pro Tonne auf ein Zehnmonatstief gefallen. Soja ist Argentiniens wichtigster Devisenbringer, 33 Prozent davon gehen als Exportsteuern direkt an den Fiskus.

Dagegen hat der Ölpreissturz eher langfristige Konsequenzen. Die Ausbeutung der riesigen Schieferöl- und Gasvorkommen im Süden Argentiniens durch Fracking ist bei diesem Preis nicht rentabel. Angesichts dieses Panoramas greift die Regierung zur Notenpresse. Deren Drehzahl lag schon in den vergangenen Monaten hoch. Jetzt wird sie beschleunigt. Dass dies bisher nicht zu einem Inflationsschub führte, ist den eingefrorenen Tarifen für Strom, Gas und Transport und den rigorosen Devisenrestriktionen geschuldet, die den offiziellen Dollarkurs im Zaum halten. Kaum jemand zweifelt daran, dass früher oder später Inflationsrate steigen wird.

Reiche horten

Leiden werden darunter die ärmeren Schichten. Vielen Familien hat die zweistellige Inflationsrate in den vergangenen Jahren die Kaufkraft weggefressen. Wer als vierköpfige Familie heute nicht über ein monatliches Einkommen von 41.000 Pesos (585 Euro) verfügt, gilt als arm. Dazu gehören 34 Prozent der Bevölkerung. Weniger leiden werden die Mittel- und Oberschichten.

Nach einer privaten Schätzung, die sich auf Untersuchungen der US-Regierung und Daten lokaler Wechselstuben stützt, lagern unter argentinischen Matratzen und in Schließfächern rund 130 Milliarden Dollar. Kein Zweifel, dass deren Eigentümer*innen zur Mittel- und Oberschicht gehören, die sich zum Schwarzmarktkurs ihre benötigten Pesos besorgen können. Die Kluft zwischen dem offiziellen und dem inoffiziellen Kurs ist mit gegenwärtig 22 Pesos ein guter Inflationsausgleich.

Einmal zahlen
.

■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland könnten mit dem Coronavirus infiziert werden, so heißt es in Schätzungen laut Robert-Koch-Institut. Es sei allerdings unklar, über welchen Zeitraum dies geschehen werde.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits zu befürchten ist. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte haben sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit soll der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Die Regeln sollen mindestens für zwei Wochen gelten und sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet. Dazu gehören:

■ Außerhalb des Hauses darf man sich nur noch allein, maximal aber zu zweit aufhalten oder „im Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstands“. In Bayern, Berlin, Brandenburg, Sachsen und dem Saarland sind die Regeln strenger. Hier braucht es einen „triftigen Grund“, um die Wohnung zu verlassen. In der Sonne zu sitzen etwa gehört da nicht dazu.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Weiter möglich bleiben der Weg zur Arbeit, zur Notbetreuung, Einkäufe, Arztbesuche, Teilnahme an erforderlichen Terminen, die Hilfe für Kranke oder individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft.

Friseursalons und Restaurants müssen geschlossen bleiben - nur Lieferungen und der Verkauf außer Haus ist erlaubt. Sowohl Anbietern als auch KundenInnen drohen sonst Strafen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen veröffentlicht das Robert-Koch-Institut.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

taz bewegung logo

Gerade jetzt gilt es dran zu bleiben, wo nötig Widerspruch einzulegen und praktische Solidarität zu üben. Jetzt gilt: Handeln statt Hamstern!

taz Bewegung sammelt Ideen der Solidarität in Zeiten der Coronakrise.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben