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fußballDer Verein bin ich

Treudeutsch und treu den sportlichen Idealen war der Turn- und Sportverein 1860 München von seiner Gründung an. In Treue fest standen auch der Präsident des Bundesliga-Klubs, Karl-Heinz Wildmoser, und sein Sohn zu ihrem Verein, zur Landeshauptstadt und zum Fußball allgemein. Und dennoch sind beide gestern unter dem dringenden Verdacht der Untreue, Bestechlichkeit im Geschäftsverkehr und der Steuerhinterziehung verhaftet worden. Wie dies?

KOMMENTAR VON CHRISTIAN SEMLER

Die Wildmosers haben mit rastloser Energie ihren Verein aus dunklem Amateurdasein ins Licht der Bundesliga geführt. Gewiss, Petar Radenkovic, der Heldentorwart der 60er in den 60ern, hatte mit Recht gesungen: „Bin i Radi, bin i Kini.“ Aber zum eigentlichen Monarchen samt schon bei Lebzeiten geregelter Erbfolge stieg erst Wildmoser auf. Die Devise der Wildmosers lautete, dass das, was gut für sie sei, auch dem Verein fromme – und umgekehrt. Sie folgten der Maxime des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Staatsangelegenheiten und meinten: Der Verein bin ich. Auch Helmut Kohl war im Verhältnis zu seiner Partei nicht frei von solchen Neigungen.

Die Wildmosers ragten wie Restexemplare einer untergegangenen Tierwelt ins Geschäftsleben des modernen Fußballs hinein, Überbleibsel eines Milieus, wo der Vereinschef noch im rauchgeschwängerten Vereinslokal die Peitsche über einer ungebärdigen Mitgliedschaft schwang, wo der Händedruck mehr galt als ausgefuchste Verträge. An sich bereits verbrechensträchtig ist eine solche Kultur keinesfalls – aber durchaus offen für Geschäfte etwas abseits von Rechtsweg.

Die allmähliche Auflösung dieses dichten Milieus, der Siegeszug des rechtsförmig geordneten und von Technokraten geführten Fußballs wird es Typen wie den Wildmosers künftig schwerer machen. Aber gleichzeitig werden sich auch die identitären Bande lockern, die zwischen Spieler, Verein, Vereinsführung und Publikum über die Jahrzehnte bestanden und die den Mythos der großen Clubs begründeten.

Werden die Aktiengesellschaften der Zukunft mit ihren Kontrollgremien und ihrem professionellen Management wenigstens resistenter sein gegenüber Korruption und Unterschleif? Das ist zu bezweifeln. Vor allem, wenn sie wie Borussia Dortmund – auch so ein Verein vaterländischen Ursprungs – schon bei regulärem Geschäftsbetrieb in den Finanzsumpf geraten.

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