Protest gegen Bremer Flughafen: Airport im Blindflug
Die Umweltschutzorganisation Robin Wood fordert die Abwicklung des Bremer Flughafens. Der sei klimapolitisch und finanziell nicht mehr tragbar.
Denn der, heißt es dort, sei „chronisch defizitär, sanierungsbedürftig und durch die Corona-Krise jetzt finanziell zum schwarzen Loch geworden.“ In der Tat: Bereits im letzten Jahr, also schon vor der Coronakrise, hatte Bremen dem Flughafen mit 12,5 Millionen Euro unter die Arme gegriffen und mit 4,2 Millionen Euro jährlich die Finanzierung der Flughafenfeuerwehr übernommen. Was Flughafen-Sprecher Florian Kruse meint, als er auf taz-Nachfrage sagt: „Der Flughafen hat in der Vergangenheit ohne öffentliche Zuschüsse betrieben werden können“, ist unklar.
Von April bis Juni war der Flughafen dann coronabedingt komplett lahmgelegt. Im Sommer nahm er den Betrieb kurzzeitig wieder auf und seit dem Herbst ist er aufgrund der Reisebeschränkungen wieder auf nahezu null heruntergefahren. In diesem Jahr fehlen zwei Drittel seiner Passagiere und damit rund 80 Prozent seiner Einnahmen. Zudem stehen Sanierungsarbeiten an, für die ungefähr 80 Millionen Euro gebraucht werden.
Im September hatte der Aufsichtsrat des Airports beschlossen, dass im Laufe der kommenden fünf Jahre 100 von 400 Vollzeitstellen am Flughafen abgebaut werden sollen. Und aus dem Topf, mit dem Bremen seinen städtischen Gesellschaften durch die Coronakrise hilft, hat der Flughafen knapp 30 Millionen Euro bekommen – sonst wäre er im Laufe des kommenden Jahres nicht mehr gesellschaftsfähig gewesen.
Defizit höher als Personalkosten
Das Argument, unter anderem von Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke), die Arbeitsplätze am Flughafen erhalten zu müssen, lässt Robin Wood nicht gelten: Denn allein das diesjährige Defizit von 28 Millionen Euro übersteige bei weitem die Personalkosten. Hinzu kämen die vielen Millionen für die Sanierung.
Es sei nicht in Sicht, wann und ob sich der Flughafen je wieder selbst tragen könne: „Die Luftfahrtbranche selbst rechnet damit, dass es noch Jahre dauern wird, bis die Fluggastzahlen von vor der Krise wieder erreicht werden können“, heißt es in dem Offenen Brief.
Viel dringender gebraucht würden Subventionen „für die klimafreundliche Umgestaltung des Stadtverkehrs, die im Gegensatz zum Flughafen, allen Bremer*innen zugute kommt, weil sie auch die Luft verbessert“, schreibt Robin Wood. Fuß- und Radverkehr müssten Vorrang vor dem Autoverkehr bekommen. Ein anderer Bereich, in dem großer Handlungsbedarf bestehe, „der aber gleichzeitig zukunftssichere Arbeitsplätze schafft“, sei die energetische Sanierung des Gebäudebestandes.
Im Gegenzug müsse der Flugverkehr reduziert werden, denn: „Klimaneutraler Flugverkehr bleibt auf lange Sicht Wunschdenken.“ Von einer Abwicklung des Airports will die zuständige Häfensenatorin Claudia Schilling (SPD) indes nichts wissen: „Der Flughafen hat nicht nur für den Tourismus, sondern auch für die regionale Wirtschaftsstruktur und die hohe nationale und internationale Anbindung eine herausragende Bedeutung“, teilt ihr Sprecher mit. So stelle er beispielsweise die Anbindung für den gesamten Wirtschaftsraum im Nordwesten Deutschlands sicher.
„Das Thema ist leider sehr komplex“, sagt Philipp Bruck, klimapolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Denn Airbus sei als Werk auf die Landebahn des Flughafens angewiesen, weswegen bei einer Schließung weit mehr als nur die Arbeitsplätze am Airport auf dem Spiel stünden.
Grundsätzlich teile Bruck aber die Auffassung von Robin Wood, auch bezüglich der finanziellen Zukunft des Flughafens. Die Aussage von Flughafen-Sprecher Kruse, nach der man davon ausgehe, dass der Flughafen nach dem Überwinden der Pandemie ohne öffentliche Zuschüsse für den Betrieb auskommen könne, hält er für „eine steile These – aber trotzdem haben wir hier ein Dilemma, für das es noch keine Lösung gibt“.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
113 Erstunterzeichnende
Abgeordnete reichen AfD-Verbotsantrag im Bundestag ein
Bürgergeld-Empfänger:innen erzählen
„Die Selbstzweifel sind gewachsen“
Vorgezogene Bundestagswahl
Ist Scholz noch der richtige Kandidat?
Aus dem Leben eines Flaschensammlers
„Sie nehmen mich wahr als Müll“
Ein-Euro-Jobs als Druckmittel
Die Zwangsarbeit kehrt zurück
Humanitäre Lage im Gazastreifen
Neue Straßen für Gaza – aber kaum humanitäre Güter