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Ministerium interveniert bei Brandenburger Kinderheim

Der Betreiber hat sich verpflichtet, sein bisheriges „Aufnahmeverfahren“ auszusetzen. Jugendliche hatten der taz von Isolation, Demütigungen und verschlossenen Türen berichtet

Das Neue

Der taz-Bericht „Hinter Milchglas“ über die Zustände im brandenburgischen Kinderheim Neustart vom Wochenende hat zu einer ersten Konsequenz geführt. Der Träger wird „das bisherige Aufnahmeverfahren nicht mehr praktizieren“. Das, so teilte das brandenburgische Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) der taz mit, habe der Träger zugesichert. Diese Zusage beziehe sich auf einen Teil der Gruppe 1 im Haus 1 des Heims, der nach Schilderungen der Ehemaligen von restriktiven Maßnahmen betroffen war. „Nunmehr ist sichergestellt, dass derzeit keine Kinder und Jugendlichen diesem Aufnahmeverfahren unterzogen werden“, sagt Ministeriumssprecherin Antje Grabley.

Der Kontext

Das Heim Neustart mit rund 30 Plätzen für Kinder und Jugendliche von zwölf bis 18 Jahren befindet sich abgelegen im Wald bei Jänschwalde. Es handelt sich um eine intensivpädagogische Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit besonders schwierigem Verhalten. Träger ist der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Lübben. Jugendliche hatten der taz unter anderem berichtet, dass Türen nach draußen abgeschlossen waren, sie die ersten Wochen isoliert in ihren Zimmern verbrachten und nicht ohne umständliche Fragen zur Toilette gehen durften. Auch seien sie erst nach zwei Wochen an die frische Luft gekommen. Die Methoden erinnern an die 2013 geschlossenen Haasenburg-Heime. „Wir haben den Träger der Einrichtung aufgefordert, sich zu den nunmehr konkretisierten Vorwürfen zu äußern“, sagt Ministeriumssprecherin Grabley. Da es sich aber um eine offene Einrichtung handelt, sei jegliche Freiheitsentziehung unzulässig. Das MBJS habe vom Träger am Montag gefordert, „sicherzustellen, dass keine freiheitsentziehenden Maßnahmen zur Anwendung kommen“. Daraufhin habe der Träger erklärt, dass er „bis zum Abschluss der Prüfungen das bisherige Aufnahmeverfahren nicht mehr praktizieren wird“.

Die Reaktionen

„Das ist gut“, sagt der ehemalige Heimbewohner Elvis (Name geändert). Es reiche aber nicht aus. Der junge Mann fordert, dass auch die Gruppe 2 des Heims zugemacht wird. Auch Sozialarbeiterin Anett Quint vom Projekt Bahnhof Jamlitz des Trägers Karuna, wo Elvis heute lebt, begrüßt die schnelle Reaktion. Beide zusammen wollen einen Bericht an das Ministerium schreiben. Auch Holger Ziegler, Professor für Soziale Arbeit der Uni-Bielefeld, sagt, „es ist gut, dass schnell reagiert wird. Denn was die Kinder- und Jugendhilfe und ihre Behörden zulassen, ist zunehmend furchteinflößend.“ Ob die Konzeption des „Aufnahmeverfahrens“ im Ministerium bekannt war, wie Ziegler vermutet, konnte bis Redaktionsschluss nicht beantwortet werden. Es sei ein Problem, wenn Behörden Praktiken überprüften, über die sie Bescheid gewusst haben müssen.

Die Konsequenz

Das MBSJ hat eine „weitere Sachaufklärung“ angekündigt. Auch ASB-Lübben-Geschäftsführer Sven Meier versprach, den Vorwürfen nachzugehen und genau zu prüfen, was dort passiert ist. Kaija Kutter