: Dringlichkeit dank Krise
TRANSGENDER Against Me! wurden einst von Tom Gabel gegründet, der heute als Laura Jane Grace auf dem Weg zum Frau-Sein ist. Auf dem neuen Album steht das Geschlecht im Fokus und sorgt für frische Dringlichkeit
von Andreas Schnell
Eigentlich war alles wie immer, damals, 1997, als die Punk-Band Against Me! in Gainesville, Florida, das Licht der Welt erblickte. Tom Gabel, seinerzeit zarte 17 Jahre alt, gründete die Band zuerst allein mit der Gitarre im Jugendzimmer, später wurde eine echte Band daraus.
Against Me! hatten mit ihrem eingängigen, energischen Sound schnell Erfolg. 2000 erschien eine erste EP, zwei Jahre später das Debüt-Album „Against Me! Is Reinventing Axl Rose“, dessen Titel das Beharren darauf formulierte, eine Band zu gründen, die Welt zu erobern. Ohne allerdings auf Bekenntnisse zur Anarchie zu verzichten. Bald gab es einen Plattenvertrag beim großen Indie-Label Fat Wreck, danach einen Deal mit der bösen Plattenindustrie, wobei zu jenem Zeitpunkt Ausverkaufsvorwürfe ganz allgemein schon ein bisschen müde klangen. Internationale Tourneen und was noch so dazu gehört. Seit fünf Jahren veröffentlichen Against Me! auf ihrem eigenen Label Total Treble Records. Wie gesagt: Eigentlich alles ganz normal.
Im Mai 2012 nahm die Wahrnehmung der Band dann aber doch noch einmal eine überraschende Wendung: Tom Gabel, Sänger und Gründer der Band, erklärte öffentlich, „transgender“ zu sein und sich zur Frau wandeln zu wollen. Fortan nannte Gabel sich Laura Jane Grace, blieb fürs Erste mit nun ihrer Ehefrau verheiratet – und hielt nicht hinterm Berg: „Transgender Dysphoria Blues“ hieß das letzte Studioalbum von Against Me!, erschienen Anfang 2014. „Transgender Dysphoria“, bedeutet zu Deutsch: Geschlechtsidentitätsstörung, der Blues kam in Anlehnung an Bob Dylans „Talking Vietnam Blues“ dazu.
Der „Rolling Stone“ kommentierte, es brauche „balls to come out this way, in this genre“, wörtlich übersetzt: Es brauche Eier, um sich in diesem Genre so zu outen – was natürlich ein bisschen eigenartig klingt in diesem Zusammenhang. Aber wahrscheinlich metaphorisch verstanden richtig ist. Die Hardcore-Szene ist schließlich immer noch, und wohl noch weit mehr als zu ihren Anfängen, ein Reservat weißer, heterosexueller Männer, die ihre egalitären Anliegen vorzugsweise mit einer von machistischer Härte keineswegs freien Musik vortragen. Eine Situation, deren Widersprüchlichkeit die Trans-Musikerin Alyssa Kai auf den Punkt brachte: „Ich liebe die Punk-Musik, die es heute gibt, ich liebe sogar die Menschen, die sie machen. Aber ich traue weder ihnen noch ihrer Arbeit.“
Laura Jane Grace
Ganz ähnlich formulierte es Grace selbst kürzlich in einem Interview mit dem „TRUST“-Fanzine auf die Frage, ob es innerhalb der Szene einfach gewesen sei, sich zu outen: „Natürlich gibt es auch viele Aspekte des Punk, die dem entgegenlaufen und machohafter sind“, allerdings gab sie an gleicher Stelle zu Protokoll: „Ich denke, dass mich Punk darauf vorbereitet hat, wie es nach meinem Coming-out sein würde. Es war wie damals, als ich als Teenager mit einem Riesen-Iro durch den Supermarkt lief und alle mich anstarrten.“
Derzeit scheint das Coming-out mitsamt seinen Folgen alles andere zu überschatten. Die Musik zum Beispiel. Während sich im Leben von Laura Jane Grace auf absehbare Zeit der Wandel also als Konstante eingeschrieben hat, ändert sich nur wenig daran, wie der Soundtrack dazu klingt. Immerhin klingt „Transgender Dysphoria Blues“ wieder wütender, weniger glatt als der Vorgänger „White Crosses“, der sich wehmütig mit der eigenen Jugend beschäftigte: „I Was a Teenage Anarchist“ hieß damals ein Song, der daran erinnerte, wie man früher die Welt in Brand setzen wollte, Revolution machen und so weiter. Diese neue Dringlichkeit dürfte in direktem Zusammenhang mit der Identitätskrise (Krise verstanden als entscheidende Wendung) stehen.
Freitag, 20 Uhr, Lagerhaus
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