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Arbeitsbedingungen in der EventbrancheIm Schatten des Scheinwerferlichts

Gefährliche Arbeit, niedrige Bezahlung, prekäre Verträge: Beschäftigte eines Kreuzberger Eventunternehmens kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen.

Nun aber schnell: Stagearbeiter bauen sofort nach einer Show die Bühne ab Foto: Jakob Hoff/imago

Vojta C. weiß, wie viel Arbeit in einem Konzertabend steckt. Bis eine Künstlerin wie Lady Gaga auftreten kann, hat C. unzählige Kisten geschleppt, Lautsprecher gestapelt und Lichter aufgehängt, und das vier bis fünf Stunden lang, meist ohne Pause. Einmal morgens für den Aufbau, und dann nachts, bis spät in die Nacht hinein für den Abbau. „Die Arbeit ist sehr stressig. Besonders nachts, wenn alle müde sind, ist die Gefahr für Unfälle sehr groß“, berichte der Bühnenhelfer von seinem Arbeitsalltag bei seinem ehemaligen Arbeitgeber.

Trotz Milliardenumsätze und astronomischer Ticketpreise sind die Arbeitsbedingungen in der Eventbranche häufig prekär. Die Belastung ist hoch, feste Arbeitsverträge mit Sozialleistungen nicht die Regel – und die Sicherheit lässt häufig zu wünschen übrig. Die Beschäftigten eines Kreuzberger Eventunternehmens wollen das nicht länger hinnehmen. Sie fordern feste Verträge, Einhaltung rechtlicher Vorgaben und mehr Sicherheit.

Bis vor ein paar Wochen noch arbeitete Vojta C. als Bühnenhelfer bei dem Kreuzberger Eventunternehmen 36 Stage XL. Der Anbieter baut und managt Bühnen an fast allen großen Spielorten der Stadt: Uber Arena, Waldbühne, Columbiahalle und das Olympiastadion. Veranstalter von Acts wie Metallica, Tame Impala oder eben Lady Gaga buchen das Unternehmen für Konzerttermine in Berlin. Neben ausgebildeten Ver­an­stal­tungs­tech­ni­ke­r:in­nen übernehmen ungelernte Büh­nen­hel­fe­r:in­nen einen Großteil der Arbeit.

Eigentlich hatte C. bei 36 Stage XL einen Minijob, arbeite fest vereinbarte Schichten pro Woche. Nachdem er ein paar Wochen krankheitsbedingt ausgefallen war, weigerte sich das Unternehmen laut C. Lohn für die ausgefallenen Schichten zu zahlen. Er suchte sich einen Anwalt, bekam auch den ihm zustehenden Lohn.

Keine Jobs mehr nach Krankheit

Doch nach dem Vorfall bekam C. kaum noch Schichten zugeteilt. „Es war klar, dass sie mir keine Arbeit mehr geben wollten“, sagt der ehemalige Bühnenhelfer. C. zieht mit einer Kündigungsschutzklage vor Gericht, kann dort eine Einigung erzielen. Er bekommt eine Abfindung, wird aber zukünftig nicht mehr bei dem Unternehmen arbeiten.

Da fliegen eine Menge schwerer Objekte herum, die oft bewegt werden von Menschen, die überhaupt keine Erfahrung damit haben.

Votja C., ehemaliger Bühnenhelfer

German Garcia hat ebenfalls als Bühnenhelfer bei dem 36 Stage XL garbeitet und eine ähnliche Erfahrung gemacht. Im Unterschied zu C. hatte Garcia keinen Minijob, sondern nur eine „Vereinbarung über eine unständige Beschäftigung“. Dabei handelt es sich um Rahmenverträge, die nur lose die Zusammenarbeit regeln. Gezahlt wird pro Schicht, eine Mindestanzahl an Schichten ist nicht garantiert. „Die Firma ist nicht verpflichtet, der Aushilfe Beschäftigungsangebote zu machen“, heißt es in einer Vereinbarung, die der taz vorliegt. Auch einen Anspruch auf Sozial- und Krankenversicherung gibt es nicht. „Sollte kein Arbeitseinsatz im Monat sein, wird auch keine Lohnabrechnung erstellt“, heißt es weiter.

Was die Formulierung bedeutet, musste Garcia erfahren, nachdem er mehrere Wochen krankheitsbedingt ausgefallen war. „Sie haben gesagt, wenn ich 20 Tage nicht zur Arbeit komme, bezahlen wir deine Krankenkasse nicht mehr“. Auch Geld für die ausgefallenen Schichten hätte er nicht bekommen. Anders als für C. war die Arbeit bei dem Eventunternehmen Garcias Haupterwerb. Nicht zu wissen, wie viel Geld er am Ende des Monats bekommen würde, belastete ihn sehr. „In manchen Monaten hat es einfach nicht gereicht“, sagt Garcia.

Auf taz-Anfrage teilt das Unternehmen mit, es sei „uns bewusst, dass Planbarkeit und finanzielle Sicherheit für unsere Mitarbeitenden wichtig sind“. Man arbeite kontinuierlich daran, Strukturen zu überprüfen und nehme dabei Wünsche der Mitarbeitenden auf. Hinweise zur Krankenversicherung nehme man „sehr ernst“.

Kaum Arbeitsschutz

Ein weiterer Kritikpunkt der Beschäftigten ist der mangelnde Arbeitsschutz. „Ich habe nie ein Sicherheitstraining erhalten“, sagt Vojta C. Dabei sei die Arbeit nicht ungefährlich. „Da fliegen eine Menge schwerer Objekte herum, die oft bewegt werden von Menschen, die überhaupt keine Erfahrung damit haben.“ Im Gegensatz zum ausgebildeten Ver­an­stal­tungs­tech­ni­ke­r:in­nen benötigen Büh­nen­hel­fe­r:in­nen keine Erfahrung, um in dem Beruf arbeiten zu können.

Auch die Schutzausrüstung wie Sicherheitsschuhe und Helme mussten die Beschäftigten selbst bezahlen, berichten Vojta C. und Garcia. Da viele Kol­le­g:in­nen in dem Beruf nicht viel Geld haben, sparen sie oft an der Qualität, sagt C. „Es holen sich alle den billigsten Mist vom Baumarkt.“

Auch auf diesen Vorwurf reagierte das Unternehmen nur vage. Man nehme die Themen Arbeitssicherheit und Schutzausrüstung „sehr ernst“. Der Anspruch von 36 Stage XL sei, „stets sichere Arbeitsbedingungen zu gewährleisten“.

Aufgrund der Missstände hat sich in dem Unternehmen eine Betriebsgruppe gegründet, organisiert in der anarchistischen Basisgewerkschaft FAU. Diese forderte die Geschäftsführung mehrmals zu Verhandlungen auf. Die Beschäftigten fordern feste und unbefristete Arbeitsverträge, die Einhaltung rechtlicher Vorgaben und mehr Sicherheit bei der Arbeit.

Letztes Mittel Rechtsweg

Da die Geschäftsführung mehre offene Briefe bislang ignorierte, bleibt den Beschäftigten nur der Rechtsweg. „Uns liegen Hinweise vor, dass solche Verträge möglicherweise illegal sind. Wir werden sie daher vor Gericht anfechten“, sagt ein Sprecher der FAU der taz.

Um zu klären, ob das Vertragskonstrukt der unständigen Beschäftigung überhaupt rechtens ist, hat die Basisgewerkschaft ein rechtliches Gutachten in Auftrage gegeben, das der taz vorliegt. Darin Argumentieren die Anwält:innen, es sei „durchaus möglich“, dass die Vereinbarungen unwirksam seien. Allerdings müsse dies im Einzelfall geklärt werden.

Unterdessen hofft die FAU, dass sich die Geschäftsführung doch noch auf Verhandlungen einlässt. „Die Vertragskonstruktion der unständigen Beschäftigung ist keine Notwendigkeit“, sagt ein FAU-Sprecher der taz. Auch wenn prekäre Arbeitsverhältnisse in der Branche verbreitet sind, gäbe es viele Unternehmen, die überwiegend mit Festanstellungen arbeiten. Auch bei Stage 36 XL gebe es festangestellt Beschäftigte.

Da 36 Stage XL, nicht dass einzige Unternehmen ist, in dem es Missstände gibt, hat die Betriebsgruppe eine Online-Kampagne ins Leben gerufen. Die Webauftritte von Stage Workers United informieren über Arbeitsschutz, deutsches Arbeitsrecht und geben Tipps, wie man sich bei Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz wehrt.

Angesichts der prekären Verhältnisse ist es für die Gewerkschaft als Erfolg zu werten, dass sich die Beschäftigten im Unternehmen organisiert und den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt haben. „Aufgrund der Angst, keine Schichten mehr zu bekommen, trauen sich die Ar­bei­te­r*in­nen nicht, die Probleme offen anzusprechen und für Verbesserungen einzutreten“, sagt ein FAU-Sprecher der taz.

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