Arbeit am Kölner Dom: „Man muss Geduld haben“
Bei so einem Bauwerk dauert alles viel länger, als man denkt, sagt die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner.
taz: Frau Schock-Werner, lässt einen der Kölner Dom je los?
Barbara Schock-Werner: Nein. Als Ex-Dombaumeisterin hat man den für immer im Blick. Da die Planungen rund um den Dom so langfristig sind, hört auch das gedankliche Kreisen um den Dom nicht auf. Zumal ich inzwischen als Vorsitzende des Zentralen Dombauvereins weiter eng am Thema arbeite.
taz: Dabei sind Sie gar keine Rheinländerin.
Schock-Werner: Nein, und in meiner Stuttgarter Heimat war der Kölner Dom ganz fern. Allerdings bin ich katholisch aufgewachsen. Das war in dieser protestantisch geprägten Gegend etwas Exotisches. Wenn Leute erfuhren, dass wir katholisch waren, wunderten sie sich immer, weil wir ihnen so „normal“ vorkamen.
taz: In Köln sind Sie als Süddeutsche wieder in der „Diaspora“. Wie gelang die Integration?
Schock-Werner: Nach meinem Architekturstudium fand ich: 24 Jahre Stuttgart sind genug. Kunstgeschichte habe ich dann in Bonn studiert, und so kam ich ins Rheinland. Und Köln mit seiner neugierigen, lebendigen Bevölkerung habe ich gleich geliebt. Auch Karneval hat mir von Anfang an Spaß gemacht. Ich habe 10, 14 Sitzungen pro Session besucht. Das wurde von der Dombaumeisterin einfach erwartet.
taz: Wie stark ist der Dom Teil der Kölner Identität?
Schock-Werner: Total. Was mich hier immer fasziniert hat, ist der Satz: „Das ist unser Dom.“ Dieses besitzanzeigende Fürwort ist sehr charakteristisch. Ob die Leute katholisch, evangelisch oder muslimisch sind – alle sprechen von „unserem Dom“. Diese totale Identifizierung mit einem Bauwerk, dieses emotionale Verbundensein ist wirklich etwas Rheinisches. Der Satz, den ich am meisten gehört habe, ist: Wenn ich in die Stadt gehe, besuche ich zuerst den Dom.
taz: Der soll ja künftig Eintritt kosten, wegen des teuren Unterhalts.
Schock-Werner: Ja, und das finde ich schade. Ich hätte mir gewünscht, dass wir diesen kommerzfreien Raum erhalten können. Aber immerhin wird man zum Gottesdienst und zum Gebet weiter kostenlos hinein können.
taz: Und woher rührt die Angst, der Dom könnte abhanden kommen? Die Bläck Fööss sangen schon 1973: „Mer losse d’r Dom in Kölle“ – Wir lassen den Dom in Köln.
Schock-Werner: Mit diesem Lied reagierte die Band auf die damalige Umgestaltung und die Sorge, dass der Dom optisch zwischen Hochhäusern verschwände. Ihn ganz wegzunehmen wäre ja auch schwierig …
taz: Der U-Bahn-Bau, der schon 2009 das Stadtarchiv zum Einsturz brachte, könnte es schaffen.
Schock-Werner. Das ist ja zum Glück nicht passiert! Es gab damals übrigens eine Karikatur, die den Dom in ein Parkhaus verwandelte. So etwas kommt im Köln nicht mal als Scherz gut an.
taz: Wurde der Dom eigentlich nur aus religiösen Gründen erbaut oder auch als Marketing-Coup?
Schock-Werner: Sicherlich auch Letzteres. Es ist ja dem Kriegsgeschick Kaiser Barbarossas zu verdanken, dass über seinen Reichskanzler, den damaligen Kölner Erzbischof Reinald von Dassel, 1164 die Reliquien der Heiligen Drei Könige herkamen. Zwar war schon der Vorgängerbau eine der größten Kirchen Europas. Aber jetzt hatte man auch diese kostbaren, für Gläubige spirituell aufgeladenen Reliquien!
taz: Was hieß das für Köln?
Schock-Werner: Die Stadt wurde – nach Rom und Santiago de Compostela – der dritte große Wallfahrtsort Europas. Er zog Millionen Pilger an, die „Touristen“ des Mittelalters. Und natürlich brauchte man für die Reliquien einen luxuriösen Goldschmiedeschrein und eine repräsentative Kirche. Bescheidenheit war ja noch nie eine Kölner Eigenschaft. Dass man danach 632 Jahre brauchte, um den Dom fertigzustellen, zeigt dann wieder die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit …
taz: Sind die Gebeine der Heiligen Drei Könige echt?
Schock-Werner: Wer weiß. Untersuchungen des 19. Jahrhunderts zufolge sind es Gebeine dreier Männer, eingewickelt in syrische Seidenstoffe des 2. Jahrhunderts. Die Gegend und das Alter stimmen also ungefähr. Aber die Kirche fragt bei Reliquien längst nicht mehr nach der Echtheit. Wobei man das heute mit DNA-Tests durchaus untersuchen könnte. Aber stellen Sie sich vor, dabei käme heraus, eins der Skelette wäre weiblich! Nicht auszudenken!
taz: Wie haben die ersten Dombaumeister eigentlich verkraftet, dass sie die Vollendung nicht erleben würden?
Schock-Werner: Jedem Baumeister einer gotischen Kathedrale muss klar gewesen sein: Was er anfängt, bekommt er nicht zu Ende. Alle Beteiligten nahmen in Kauf, dass es länger als eine Generation dauern würde. Da ist unsere heutige Mentalität völlig entgegengesetzt. Wenn etwas länger als zehn Jahre dauert, schreien schon alle: Das wird ja nie fertig!
taz: Einen Dom baut man ja auch für Gott. Die Elbphilharmonie und Stuttgart 21 nicht.
Schock-Werner: Ja, ein Dom ist schon etwas anderes. Das sieht man auch daran, dass die Detailbearbeitung bis auf die Spitzen und ins Innere der Türme reicht. Denn man erschafft den Dom nicht für die Menschen, sondern zu Ehren Gottes. Deshalb muss er überall perfekt sein.
taz: Auch auf dem Dach, wo nur Gott es sieht.
Schock-Werner: Ja, und das fasziniert uns schon sehr. Es spornt auch die heutigen Steinmetze an, zu sagen: Die haben damals so gut gearbeitet, da wollen wir mithalten. Als wir die Ziegelplombe eines Bombentreffers des Zweiten Weltkriegs am Nordturm geschlossen haben, waren 38 Blattkapitelle neu zu formen. Wir wussten nicht genau, wie die ausgesehen hatten – nur, dass alle verschieden waren. Da hat der Steinmetz, dessen Frau Floristin war, immer neue Blätter mitgebracht, nach denen er dann gearbeitet hat. Er wollte den Vorgängern in nichts nachstehen.
taz: Blicken wir auf Ihre Anfänge als Dombaumeisterin. Gab es Widerstände gegen eine Frau in diesem Amt?
Schock-Werner: Das dachten alle. Aber es war im Berufungsgespräch nicht das Thema. Eher war die Frage, ob ich als Historikerin und Kunsthistorikerin zu sehr aus der Theorie kam. Aber zum Glück hatte ich das Praktische ja zumindest in Ansätzen in meiner Biografie.
taz: Welches ist die wichtigste Tugend einer Dombaumeisterin?
Schock-Werner: Man muss Geduld haben, denn alles dauert viel länger, als man sich vorstellt.
taz: Fiel Ihnen das immer leicht?
Schock-Werner: Nein. Ich bin von Haus aus kein geduldiger Mensch. Aber man lernt es. Nehmen wir die Schutzverglasung für die Obergadenfenster. Da schaffen wir alle zwei Jahre ein Fenster.
taz: Und man kann die Handwerker nicht drängen.
Schock-Werner: Nein. Wir arbeiten aus gutem Grund mit eigenen Handwerkern, denn bei Fremdunternehmen beträgt die Garantiezeit meist sieben Jahre. Damit kommen wir beim Dom nicht aus. Alles, was wir reparieren, sollte 100 Jahre halten. Wer da oben arbeitet, muss gründlich sein, denn er kommt da nicht so schnell wieder hin.
taz: Gehen auch handwerkliche Fertigkeiten verloren?
Schock-Werner: Wir arbeiten dagegen an, indem wir eigene Steinmetze ausbilden, denn das handwerklich Perfekte muss als Tradition bleiben. Auch für die Blei-Dachdeckung, die kaum noch ein Dachdecker lernt, bilden wir eigene Leute aus.
taz: Wie haben Sie sich in dieser männerdominierten Dombauhütte behauptet?
Schock-Werner: Bei einigen habe ich anfangs gemerkt, die fanden nicht gut, dass es jetzt eine Frau macht. Andere haben geguckt: Wie macht die das? Ich glaube, es war für den Neustart aber eher hilfreich, dass ich eine Frau bin. Mein Vorgänger, Dombaumeister Arnold Wolff, war mehr als 30 Jahre im Amt. Ein männlicher Nachfolger wäre stärker daran gemessen worden, ob er es genauso macht wie er. Ich habe die Probe dann offenbar bestanden, und danach war mein Frausein kein Thema mehr. Außerdem war es keine reine Männergesellschaft: Schon damals gab es eine Steinmetzmeisterin, und in der Glaswerkstatt arbeiten heute zu 50 Prozent Frauen. Dachdecker und Gerüstbauer sind aber immer noch Männerdomänen.
taz: Wie geschlechtsspezifisch sind Sie selbst erzogen worden?
Schock-Werner: Ich komme aus einem Handwerkerhaushalt, meine Mutter war Schneiderin, mein Vater Feinmechaniker. Ich hatte eine sieben Jahre ältere Schwester, die sehr verschieden von mir war. Sie ist vor dem Zweiten Weltkrieg geboren, ich danach. Mein Vater behandelte mich wie einen Sohn, ging mit mir Skifahren und wandern. Meine Schwester wollte das alles nicht. Sie hatte, anders als ich, ein phlegmatisches Temperament. Vielleicht lag es auch daran, dass sie in ihrer Kindheit oft in den Luftschutzkeller musste, wo alle Angst hatten und still sein mussten. Das muss diese Generation stark geprägt haben.
Der Mensch
Barbara Schock-Werner wurde 1947 in Ludwigsburg geboren, absolvierte eine Lehre als Bauzeichnerin, studierte dann Architektur, Kunstgeschichte und Geschichte und hatte eine Professur an der Universität Erlangen-Nürnberg. Von 1999 bis zum Ruhestand 2012 war sie Kölns erste weibliche Dombaumeisterin. Neben weiteren Ehrenämtern ist sie seit Oktober 2024 Vorsitzende des Zentral-Dombau-Vereins zu Köln, gleichfalls als erste Frau.
Der Dom
Als im 12. Jahrhundert die Gebeine, die in der römisch-katholischen Kirche als die Reliquien der Heiligen Drei Könige verehrt werden, nach Köln kommen, wird der Alte Dom von 870 für die erwarteten Pilgerströme zu klein. 1248 erfolgt die Grundsteinlegung für den gotischen Neubau. Bis 1560 sind Chor, Mittelschiff und der halbe Südturm fertig. Dann geht das Geld aus, der Bau stockt für 300 Jahre. Der Spruch „Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter“ macht die Runde. 1842 beginnt der Weiterbau, finanziert vom neu gegründeten Zentral-Dombau-Verein und dem preußischen Staat. 1880 ist der Dom fertig.
taz: Wie würden Sie Ihren Vater beschreiben?
Schock-Werner: Er hatte so unglaubliche Ideen. Als das Bügeleisen kaputt ging, schnitt er die Stecker ab, gab mir einen Schraubenzieher und ich durfte es auseinander nehmen. Später bekam ich – als Mädchen! – einen Märklin-Baukasten. Trotzdem hatten meine Eltern die Vorstellung, dass ich mal als Schreibkraft arbeiten sollte. Mir war früh klar, dass ich das auf keinen Fall wollte. Abgesehen davon wäre ich wegen meiner leichten Legasthenieschwäche als Sekretärin ein Totalausfall gewesen!
taz: Hatten Sie eine klare Berufsvorstellung?
Schock-Werner: Nein. Aber in der Schule waren Mathematik, Kunst und Geschichte meine Lieblingsfächer. Ich habe dann überlegt: Wo trifft sich Mathematik mit Kunst? In der Architektur. Das hat meine Eltern überzeugt: Eine Bauzeichnerlehre ist was Solides. Und das war auch der richtige Weg für mich.
taz: Samt Maurerpraktikum.
Schock-Werner: Ja, das gehörte zur Bauzeichnerlehre dazu: Ein halbes Jahr Mauern auf Häuserbaustellen in Schwaben. Wobei ich Glück hatte: Meine Kollegen arbeiteten auf Hochhausbaustellen, hatten also nur Erfahrungen vom 3. bis 7. Stock, das war immer dasselbe. Während ich vom Keller bis zum Dach alles machen konnte. Fürs Ingenieurstudium brauchte ich dann noch ein Zimmermannspraktikum. Die Firma wollte mich dann gleich behalten. Denn ich schlug zwar keinen Nagel gerade ein, konnte aber Pläne lesen und die Balken anzeichnen, also die Bohrlöcher an der richtigen Stelle markieren.
taz: Aber als Dombaumeisterin arbeitet man gar nicht so viel praktisch, oder?
Schock-Werner: Nein, ich war fürs Organisatorische zuständig, und ich habe in meiner Amtszeit zwei wichtige Dinge bewerkstelligt: den aus Schallschutzgründen nötigen neuen Eingang zur Turmbesteigung und den Einbau des Gerhard-Richter-Fensters über dem Südportal.
taz: Wobei das Richter-Fenster umstritten war. Warum gab es bunte Quadrate statt der zunächst geplanten „Märtyrer des 20. Jahrhunderts“?
Schock-Werner: Den Auftrag zu einem neuen Fenster – das alte war zerstört und die Pläne verloren – hatte ich ja von Anfang an. Es gab aber keine figürlichen Glasmaler, denen ich die Märtyrerporträts zugetraut hätte. Außerdem musste das Fenster farblich ins Gefüge der Nachbarfenster passen. Irgendwann wurde mir klar, das die Menschen, die abgebildet werden sollten – etwa Edith Stein und Maximilian Kolbe – zeitlebens Schwarz getragen hatten. Denen konnte man ja nicht einfach bunte Kleidung anziehen. Und bei der Vorstellung schwarzer Figuren im großen Glasfenster oberhalb des Altars grauste mir.
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taz: Wie kamen Sie dann auf Gerhard Richter?
Schock-Werner: Beim Geburtstagsempfang eines Bischofs sah ich Richter und dachte: Wenn es jemand schafft, einen ordentlichen Entwurf zu machen, dann er. Auf meine Frage sagte er: „Ich kann es ja mal probieren. Aber vom Dom nehme ich kein Geld.“ Das war schon mal ein guter Anfang. Nach einem halben Jahr hat er uns die ersten Entwürfe gezeigt und erklärt, dass Figürliches nicht funktionieren würde. Nach langen Debatten waren wir überzeugt: Ja, eine Fläche komplett aus Farbquadraten ist richtig. Fünf Jahre später war das Fenster fertig: eine spannungsvolle Mischung aus Zufallsprinzip und Symmetrie-Achsen.
taz: Nach der Enthüllung brach die Debatte los.
Ja – wobei die Zustimmung von Anfang an größer war als die Ablehnung. Die Ablehnung war nur lauter. Aber etwas zu machen, das jedem gefällt, muss man sich als Dombaumeisterin von vornherein abschminken.
taz: Welches ist für Sie der berührendste Ort im Dom?
Schock-Werner: Wenn ich hoch über dem Altar im Westtriforium stehe, hat der Raum schon etwas vom „himmlischen Paradies“. Das ist mir schon vor Jahren im Straßburger Münster aufgefallen: Wenn Sie sich eine Weile da hineinsetzen und schauen, merken Sie, dass es etwas Größeres gibt als die Alltagsprobleme, mit denen wir ständig kämpfen.
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