Arabischstämmiger Senior-Aktivist: „Ich dachte: Berlin ist meine Stadt“

Hamzeh Mudallal kam in den 1960er Jahren nach Berlin. Heute kämpft der 80-Jährige für die Bedürfnisse migrantischer Senior*innen.

Vom Berliner Senat für sein Engagement ausgezeichnet: Hamzeh Mudallal Foto: Stefanie Loos

taz: Herr Mudallal, wie geht es Ihnen zurzeit? Vor einer Woche endete der Ramadan: Wie haben Sie die Fastenzeit und das Fest mit Kontaktsperre erlebt?

Hamzeh Mudallal: Gemeinsames Beten gab es nicht. Wer in die Moschee wollte, musste Maske tragen und einen eigenen Koran und einen eigenen Teppich mitbringen. Aber ich bete und lese meinen Koran lieber zu Hause. Im Familien- und Freundeskreis halten wir Kontakt über Facebook und Whatsapp.

Gehen Sie nicht hinaus?

Ich gehe mit meiner Frau auf die Sonnenallee, wenn ich etwas brauche, mit Mundschutz. Ich muss jeden Tag ein bisschen laufen, damit ich Sport mache, ich bin ja Raucher. Aber meine Kinder sind streng mit mir. Es gibt Versammlungen, wo ich normalerweise hingehe. Aber sie haben gesagt: Baba, du bist über 80, was wird mit uns, bleib lieber zu Hause. Ich habe auch nicht gefastet, ich muss Tabletten nehmen. Bei uns in der Religion ist das erlaubt. Ich habe gefrühstückt und dann gewartet, bis meine Frau am Abend das Fasten bricht. Also habe ich tagsüber nicht gegessen und weniger geraucht. (lacht)

Sie sind in den 1960er Jahren aus Jordanien nach Deutschland gekommen, eigentlich zum Studieren, aber dann kam es doch anders.

1940 in Jordanien geboren, ging Hamzeh Mudallal nach dem Abitur 1961 nach Stuttgart, wo er bei einer Autofirma arbeitete. Seit 1964 lebt er Berlin, arbeitete hier erst als Dreher bei Siemens und dann als Koch. Zehn Jahre lang führte er außerdem ein eigenes Hotel in der Leipziger Straße. Hamzeh Mudallal ist in zweiter Ehe verheiratet und hat fünf Kinder.

Als Mitbegründer und stellvertretender Vorsitzender der Arabischen Arbeiter Union e.V. setzte er sich seit den 1960er Jahren für bessere Arbeitsbedingungen und gewerkschaftliches Engagement ein und organisierte geselliges Beisammensein der Arbeiter*innen. Ab 2005 war er Vorsitzender der Jordanischen Gemeinde Berlin-Brandenburg e.V., Schwerpunkt war auch hier, den interkulturellen Dialog zu fördern. Heute leitet er zweimal pro Woche ein Seniorencafé beim DAZ, in dem es neben Freizeitgestaltung auch darum geht, sich über Fragen zur Pflege von arabischstämmigen Senioren auszutauschen. Er hat außerdem auf verschiedenen Konferenzen und Fachtagen über die Perspektive älterer Zuwanderer*innen gesprochen. Der Berliner Senat verlieh ihm 2016 die Ehrennadel, eine Auszeichnung für besonderes soziales Engagement.

Nach meinem Abitur in Jordanien bin ich nach Stuttgart gegangen, dort wollte ich Politik studieren und nebenbei arbeiten. Ich hatte damals Freunde in Deutschland, die mir empfohlen hatten, herzukommen. Aber studieren und arbeiten, das hat nicht geklappt.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe angefangen, bei Mercedes zu arbeiten, und das Leben hier genossen. Hier war ja alles erlaubt, so eine Demokratie hatte ich bis dahin nicht erlebt.

Wo hatten Sie vorher gelebt?

Ich bin in Amman geboren und aufgewachsen, der Hauptstadt von Jordanien. Mein Vater war beim Militär, meine Mutter war Schneiderin. Ich habe sechs Geschwister, wir waren drei Jungs und vier Mädchen. Ein Bruder ist zum Studium in die USA gegangen, ein anderer wurde Geschäftsmann in Jordanien. Und ich bin dann bald weitergezogen von Stuttgart nach Berlin.

Wie kam das?

Ein paar Freunde waren nach Berlin gegangen, und ich hatte sie hier besucht. Ich dachte damals: Berlin ist meine Stadt.

Wo haben Sie hier gearbeitet?

Ich habe bei Siemens angefangen und bin gleich am ersten Tag in die Gewerkschaft eingetreten. Ich dachte, ich bin jetzt Arbeiter, und das gehört dazu. Ich habe dort viel gelernt. Bei den großen Firmen, Bosch, Siemens, war der Anteil der migrantischen Arbeiter höher als der der einheimischen. Die Migranten haben daran mitgewirkt, dass Deutschland wieder hochkommt.

Sie haben gesagt, Sie haben hier gut gelebt.

Ja, da waren die Rechte, die ich hier erlebt habe, die Freiheit. Und die Freundlichkeit uns gegenüber war damals enorm. Wenn wir zum Arzt gegangen sind und gesagt haben, dass wir Magenschmerzen haben, hat der Arzt gesagt: Das verstehe ich, das Essen ist anders, das Wetter ist anders. Sie haben uns mit Respekt behandelt. Es war die schönste Zeit für uns, zehn Jahre habe ich das Wort „Ausländer“ nicht gehört. Weihnachten haben uns die Nachbarn eingeladen, wir haben die Familien besucht zum Weihnachtsessen und dazu noch Geschenke bekommen. Die Deutschen waren vor dreißig, vierzig Jahren anders. Diskriminierung und Rassismus haben wir nicht erlebt in unserer Anfangszeit.

Die Deutschen waren vor 30, 40 Jahren anders. Rassismus haben wir nicht erlebt

Das ist anders geworden.

Ja. Aber ich habe in Berlin eine nette Frau kennengelernt, eine Deutsche, wir haben geheiratet und zwei Kinder bekommen. Nach dem Tod meiner ersten Frau habe ich eine Araberin geheiratet. Mit ihr habe ich drei Kinder.

Was machen Ihre Kinder?

Mein jüngster Sohn wird Bauinge­nieur, er wird im September fertig. Eine Tochter macht Hotelmanagement. Mein Sohn aus erster Ehe, er ist 44 Jahre, ist Oberkommissar bei der Polizei, hier in Schöneberg. Seine Schwester arbeitet bei einem Pflegedienst. Und meine jüngste Tochter Susan ist in einem Jahr fertig mit ihrem Politikstudium. Wenn die beiden Jüngsten fertig sind, bin ich zufrieden, dann habe ich alles geschafft.

Hamzeh Mudallal und seine zweite Frau Sahar Foto: Stefanie Loos

Freuen Sie sich, dass Ihre Tochter Politik studiert – was Sie ja auch studieren wollten?

Natürlich. Zu ihr kann ich nicht Nein sagen. Bei meinen anderen Kindern ist es so: Wenn ich Nein sage, akzeptieren sie es, sogar mein Ältester, der Polizist. Aber wenn ich bei der Jüngsten Nein sage, sagt sie: Ich habe dich gehört. Setz dich und erklär mir, warum du Nein sagst. (lacht) Ich habe sie einmal gefragt, warum sie Politik gewählt hat, und sie hat gesagt, sie wolle es studieren, damit sie die Bücher in meiner Bibliothek besser lesen kann. Lesen ist mein Hobby. Ich habe schon in meiner Jugend viele Bücher gelesen, viele waren damals über meinem Niveau. Jetzt habe ich Zeit und lese sie noch mal.

Was lesen Sie gern?

Alles: Bücher über Politik und Religion, viel auf Arabisch, auch Literatur, Romane oder Gedichte. Wenn ich mit anderen zusammensitze, und alle sind Akademiker und sie unterhalten sich, dann mische ich mich ein, wenn ich etwas darüber weiß. Wenn nicht, dann lerne ich. Ich habe immer ein Heftchen mit und schreibe mir dann etwas auf. Sie sagen immer: Ach ja, der Herr Mudallal mit seinem Bleistift.

Haben Sie sich deshalb in der Gewerkschaft engagiert?

Es hat mich interessiert, weil es mir wichtig war, dass wir unsere Rechte kennen. Ich habe in Berlin die Arabische Arbeiter Union mitgegründet. Wir waren manchmal 70 bis 100 Leute und haben auch kulturelle Abende organisiert. Da haben wir über Romane diskutiert oder über Politik, damit die Leute zusammenkommen. Es ging auch oft darum, was in unserer Heimat passiert. Ich bin damals auch mit den Studentendemos mitgelaufen, mit Rudi Dutschke, ich wollte mir das angucken.

Wie kam das?

Das war zufällig. Ich war am Ku’damm und wollte ins Café Kranzler, und da kam die Demo gerade vorbei, ich war neugierig und bin mitgelaufen. Ich hatte auch einige Freunde, Araber, die studiert haben.

Heute machen Sie Seniorenarbeit, etwa mit dem Seniorencafé im DAZ. Warum ist Ihnen das wichtig?

Die arabischstämmigen Senioren gehen in Rente, und das war es dann. Deutsche Senioren dagegen haben viele Kontakte. Bei älteren arabischen Mi­gran­t*innen sehe ich oft, dass sie einfach zu Hause sein wollen mit ihrer Familie, mit den Kindern und Enkelkindern. Wenn ich über die Sonnenallee gehe, spreche ich mit dreißig Leuten und frage, ob sie zu unserem Seniorencafé kommen. Aber sie sagen: Ach, lass mich zu Hause, was soll ich da machen. Deshalb spreche ich auch viel mit Vereinen oder Initiativen und schlage ihnen vor, dass sie Seniorenarbeit machen oder einen Club für Senioren anbieten. Gemeinden oder Vereine sind Orte, an denen sich alle versammeln können, aber die meisten dort sind jung. Dass wir andere Interessen haben und andere Aktivitäten brauchen, das sehen sie nicht.

Das Deutsch-Arabische Zentrum für Bildung und Integration in Neukölln, gegründet 2008, bietet Beratung und Begleitung, etwa zur Ausländerbehörde, Jugendamt, Sozialamt, Krankenkasse oder Jobcenter. Außerdem finden dort Sprachkurse und Begegnungscafés statt, das DAZ hat seine Arbeit außerdem zu einer Anlaufstelle für Geflüchtete für Fragen rund um Wohnen, Arbeit und Verträge.

Was machen Sie im Seniorencafé?

Im DAZ veranstalten wir die Bibliomania, ein kleines Festival mit Literatur, Lesungen, Buchmesse und Kunst. Das gab es in diesem Jahr schon zum vierten Mal, das finde ich sehr gut. Aber wir brauchen auch etwas Neues. Und die Araber alle unter ein Dach zu bringen, das ist schwierig.

Warum?

Wir Arabischstämmigen hier in Berlin kommen aus 22 Ländern, und jeder bringt seine Erfahrungen, seinen Glauben, seine Geschichte mit.

Gibt es trotzdem etwas Verbindendes?

Wir haben die gemeinsame Sprache, die gemeinsame Religion und ähnliche Interessen und Gewohnheiten, das verbindet uns miteinander. Warum sollten wir uns dann nicht zusammentun und mit einer Stimme sprechen? Wir sollten aufhören, zu betonen, dass einer Jordanier ist, der andere aus dem Sudan, der dritte aus Libyen. Es ist wichtig, dass wir als Araber alle zu einer Kraft zusammenwachsen und unsere Forderungen gemeinsam stellen, damit nicht jeder für sich allein bleibt. Ich fände das sehr gut, wenn wir das erreichen. Wir haben dann auch mehr Möglichkeiten, Hilfe für unsere Projekte zu bekommen.

Gibt es etwas, was Sie sich von einer Gesellschaft wünschen, die sich als Einwanderungsgesellschaft begreift?

Ich persönlich kann nicht mehr verlangen. Was wir hier bekommen, das bekommen wir in unseren Heimatländern nicht. Ich bekomme mehr Rechte, als ich erwartet habe. Aber wenn ich mir selbst nicht helfe, wie kann ich das von den anderen erwarten? Das geht nicht. Dann muss ich auch meinen Dank zeigen, indem ich ehrlich arbeite und meinen Pflichten nachgehe.

Ich bezweifle, dass jede*r hier automatisch seine*ihre Rechte bekommt.

Der rechte Flügel ist überall auf der Welt auf dem Vormarsch. Aber wir merken auch, dass der Erfolg der AfD langsam nachlässt. Die Gesellschaft glaubt das, was die AfD sagt, nicht. Es gibt Länder mit vielen Nationen, die gut miteinander leben, nicht wahr?

Sie haben gesagt, dass Sie sich in der Anfangszeit in Deutschland sehr wohlgefühlt haben. Das hat sich geändert?

In letzter Zeit ist Diskriminierung vielleicht etwas stärker zu merken, und ich beobachte, dass es für die Jüngeren teilweise schwieriger ist. Diskriminierung gibt es, aber das ist nicht die Mehrheit. Ich lebe seit 22 Jahren in diesem Haus, und wir kommen mit allen zurecht. Manche Nachbarn sagen uns nicht Guten Morgen, wenn sie uns sehen. Aber das mache ich nicht zu einem Problem. Ich kenne viele Deutsche. Leider haben mir einige aber auch gesagt: Wir kennen dich seit Jahren. Aber wenn du jetzt nach Deutschland gekommen wärst, würden wir uns nicht mit dir anfreunden.

Warum sagen die so etwas?

Sie scheren alles über einen Kamm, auch ihr Bild von den neuen arabischen Migrant*innen, die 2015 aus Syrien gekommen sind. Das ist falsch.

Die Araber hier sind ja erfolgreich, arbeiten in Behörden, sind Ärzte. Und Deutschland braucht das

Ärgert Sie das nicht, so etwas zu hören von Menschen, die eigentlich Ihre Freunde sind?

Ich habe den Eindruck, dass sich bei einigen die Einstellung gegenüber Mi­gran­tinnen und Migranten geändert hat. Aber das sind wenige, ich verurteile nicht die Minderheit. Von den Flüchtlingen, die gekommen sind, sind viele jung und haben hier Freiheiten gefunden, die sie vorher nicht kannten. In Jordanien kann man in eine Bar oder ein Tanzlokal gehen, aber in Syrien nicht. Manche kommen damit nicht klar, dass alles erlaubt ist. Auch Landsleute aus Syrien nehmen so ein Verhalten übel.

Als 2015 viele Geflüchtete kamen und Angela Merkel sagte: „Wir schaffen das“, haben Sie ihr zugestimmt.

Ja, denn ich habe gesehen, was sie für die Migrantinnen und Migranten hier getan haben. Mit einem Sprachkurs haben alle hier eine Chance. Die Stadt hat eine Million Migrant*innen, und sie gibt euch alles. Die Araber hier sind ja erfolgreich, sie arbeiten in Behörden, viele sind Ärzte. Und die Gesellschaft in Deutschland braucht das auch.

Was ist Ihr Eindruck, wie geht es den Syrer*innen, die 2015 gekommen sind, heute?

Der 80-Jährige in seinem Wohnzimmer in Berlin Foto: Stefanie Loos

Die Mehrheit ist erfolgreich. Sie machen Geschäfte auf, es gibt Autoren, die Bücher oder Gedichte schreiben, es gibt Ingenieure, Ärzte, Rechtsanwälte. Ich bin stolz auf sie. Sie haben in vier, fünf Jahren Dinge geschafft, die wir als sogenannte Gastarbeiter in 60 Jahren nicht geschafft haben: Sie haben sich schnell beteiligt und sind in qualifizierten Berufen angekommen.

Bei den arabischstämmigen Mi­­gran­t*in­nen gab und gibt es ja viele, die einfach immer nur Duldung nach der anderen bekommen hatten. Da sind die Rechte und Möglichkeiten sehr eingeschränkt.

Das stimmt, und das ist unmenschlich. Wie soll das gehen, zwanzig Jahre unter Duldung hier zu leben, und nicht zu wissen, ob das irgendwann vorbei ist? Wenn Verwaltung und Politik dann über Integration sprechen wollen, kann ich nur sagen: Ihr wollt das nicht. Wir wissen, dass das mit den Duldungen Unfug ist, und die Ausländerbehörde weiß das auch. Auch da würde es vielleicht helfen, wenn wir als Araber mit einer Stimme sprächen.

Wie stark ist Ihre Verbindung zu Jordanien noch?

Ich habe ein Haus dort, einen kleinen Palast, und fahre einmal im Jahr hin, die Reise schaffe ich noch gut. Ich will aber hier leben. Meine Kinder sagen auch: Was haben wir in Jordanien? Die Oma ist tot, der Opa, Onkel und Tante auch. Wir sind hier geboren, wir haben unsere Freunde hier, wir arbeiten hier. Das ist richtig. Ich freue mich, zu sehen, wie erfolgreich sie sind und dass auch viele andere erfolgreich sind. Sie sind im Fernsehen, im Sport, sie haben Bibliotheken. Das haben wir nicht geschafft.

Aber vielleicht haben Sie es mit vorbereitet.

Hoffentlich, wenn Sie das denken. Das hat mir jedenfalls Mut gemacht.

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