Anti-Schwarzer Rassismus: Unwissenheit als Strategie
Vor dem Landgericht geht der Prozess wegen des Mordes an William Chedjou weiter. Der Tatverdächtige sagt aus – mit wenig Erkenntnisgewinn.
Nun, acht Monate nach der Tat, sagt er vor Gericht aus. Am Tattag habe er sich mit seinem Vater in der Baufirma seines Bruders befunden. Dieser soll mit seiner Familie in der Böttgerstraße – dem späteren Tatort – gewartet haben. E. sagt, sein Bruder habe ihn gefragt, ob er kommen könne, um ihn und die Familie abzuholen. „Ich kam nach 10-Minütiger fahrt am Tatort an, hörte lautes Geschrei und sah drei Schwarze Männer auf der anderen Straßenseite stehen“, sagt E. am Donnerstag im Gerichtssaal.
„Ich habe auch noch Beleidigungen gehört, aber kann mich nicht erinnern, von wem, und welche das waren“, sagt er. Sein Vater, der Beifahrer, sei als erstes ausgestiegen, er sei zu den Männern gegangen und habe versucht, die Situation zu beruhigen. „Sie sind sehr aggressiv und laut gewesen“, sagt E. Daraufhin sei auch E. selbst ausgestiegen und habe sich zu seinem Vater gestellt. „Ich sagte seid ruhig und hört dem alten Mann zu“, bekundet E. im Gerichtssaal.
Im Anschluss kam es laut E. zu einer „komischen Situation“, er kann sich nicht mehr erinnern, ob er zuerst geschubst oder geschlagen wurde, sagt er. „Ich habe mich nur ein paar Sekunden lang umgedreht und habe dann Schreie gehört und gesehen wie mein Vater zu Boden gefallen ist“, erklärt er. Daraufhin habe er aus Panik und Angst zugestochen.
Keine Angaben bezüglich Tatwaffe
Videoaufnahmen zeigen, dass William Chedjou daraufhin anfing, stark zu bluten und zu Boden ging. Auf die vielen Nachfragen seitens des Richters und der Staatsanwaltschaft hatte der Angeklagt am Donnerstag keine Antwort parat. Woher kam das Messer? Trägt er es sonst auch immer bei sich? Wieso braucht man auf einer normalen Baustelle ein so langes und scharfes Messer? Wo hat er das Messer gekauft? Wieso sticht er zu, wenn er nur Schreie hört, die er nicht einmal zuordnen kann? Alle diese Fragen ließ E. unbeantwortet.
Als der Richter Videoaufnahmen von der Tat zeigt, muss die Verhandlung kurz unterbrochen werden. Die Mutter des Ermordeten bricht unter in Tränen zusammen und läuft Richtung E. Der Prozess fand mit viel Publikum hauptsächlich aus der Schwarzen Community statt. Viele sehen in dem Fall Anti-Schwarzen Rassismus. Der Vorwurf: Niemals würde jemand gegen eine weiße Person so schnell so brutal reagieren.
Am Ende seiner Aussage wendet sich der Angeklagte direkt an Chedjous Mutter und dessen Lebensgefährtin: „Ich schäme mich für meine Tat. Ich bereue meine Tat und hoffe sehr, dass sie mir eines Tages vergeben können“, sagt E.
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