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Potse und Drugstore haben vor sieben Jahren ihr Zentrum verloren. Nun will der Bezirk ein neues Haus bauen. Die Nachbarschaft empört sich aus Angst vor Lärm
Von Marlene Thaler
Die Hintertür des Drugstores steht offen. Nur durch die offene Tür dringt Licht von außen ins Innere. Im hinteren Raum stehen ein Kicker, zwei Ledersofas und ein kleiner Holztisch. Einige Wände, Tür und Tisch sind mit Aufklebern übersät. Im Hauptraum steht eine Bühne für Konzerte. Hier haben Jugendliche und Ehrenamtliche ein Zebramuster in hellem Lila und schwarz auf die Wand gemalt. Hinter einem Bartresen stapeln sich Kästen mit Spezi, Mate und alkoholfreiem Bier.
Drugstore und Potse sind Berlins älteste selbstverwaltete Jugendzentren. Domi arbeitet ehrenamtlich im Drugstore, das 1973 gegründet wurde, sieben Jahre bevor die Potse entstand. In der Potsdamer Straße 180 residierten beide Zentren jahrzehntelang, bis 2019 der Mietvertrag auslief. Spätestens ab da wurde es kompliziert.
Erst besetzte die Potse das Jugendzentrum, in dem der Mietvertrag ausgelaufen war. In der neuen Unterkunft, in der Zollgarage auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, kann sie aber keine Konzerte mehr abhalten. Der Eigentümer verbietet es wegen fehlenden Schallschutzes. Dazu kommt, dass die Mietverträge für die Zwischennutzung bald erneut auslaufen.
Seit Potse und Drugstore nicht mehr gemeinsam unterkommen, hat das Drugstore einen Standort im Rockhaus in Lichtenberg. Es ist ein Haus mit vielen Probenräumen, das in der Buchberger Straße 6 liegt. Einen weiteren Standort hat es in der Potsdamer Straße 134, in der der Vertrag auch bald ausläuft. Das Bezirksamt für Tempelhof-Schöneberg hat mit dem „Haus der Jugend“ nun einen Neubau im Werner-Voß-Damm 47 angekündigt. Doch viele in der Nachbarschaft sind dagegen.
Domi und Paul arbeiten ehrenamtlich in den Jugendclubs, ihre vollen Namen möchten sie nicht in der Zeitung lesen. Die beiden sitzen auf einer Couch im Drugstore. „20 bis 30 Prozent unserer Arbeit ist reiner Existenzkampf“, sagt Paul von der Potse. Seitdem der gemeinsame Mietvertrag 2019 auslief, sind die Zentren auf der ständigen Suche nach einem unbefristeten Vertrag.
Das Haus der Jugend soll ihnen ab 2030 einen sicheren Ort bieten, sagt Oliver Schwork (SPD). Er ist der für die Jugend zuständige Stadtrat im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Doch in der Nachbarschaft gibt es Unmut. Als diese von den Plänen mitbekam, gründete sie im September eine Initiative gegen den Bau.
Bis zum Einzug 2030 stehen noch einige Etappen an: „Ende 2025 startete der Architekturwettbewerb“, listet Schwork für die taz auf, „ab 2026 starten die Bodenuntersuchungen, Ende Mai stellt die Jury dann das Büro vor, das bauen darf. Womöglich kann der Bau schon Ende 2027 beginnen.“
Karin Lukoschus wohnt rund 400 bis 500 Meter entfernt von dem geplanten Haus, erzählt sie der taz. „Oliver Schwork wird pünktlich zum Wochenende Beschwerden bekommen, dass es zu laut ist“, sagt sie. „Wie soll das im Sommer werden?“, fragt sie sich als Mitglied der Initiative. „Die Jugendlichen sind ja nicht nur im Haus, der Schall wird in die umliegenden Wohnhäuser dringen.“
Stadtrat Schwork reagiert auf die Befürchtungen der Nachbarschaftsinitiative mit Unverständnis. „Ich ringe um Fassung“, sagt er. „Wir haben keine Aufenthaltsräume draußen. Es wird nicht notwendig sein, die Fenster zum Lüften zu öffnen, da wir eine Belüftungsanlage einbauen“, versichert der Stadtrat. Es werde kein Lärm aus dem Haus dringen. „Die Jugendlichen werden wahrscheinlich leiser sein als die benachbarte Kleingartenkolonie.“
Auch Domi und Paul versichern: „Wenn das Haus der Jugend steht, werden die Jugendlichen ein Interesse an seinem weiteren Bestehen haben.“ Sie gehen deshalb davon aus, dass sich die jungen Erwachsenen entsprechend verhalten werden. Zudem liegt der geplante Standort nur rund 200 Meter entfernt vom Bahnhof Südkreuz. Es sei eine per se laute Gegend, meint Paul und betont, dass dieser Standort ihre einzige Möglichkeit sei: „Wenn die Nachbarschaftsinitiative den Bau verhindert, dann verhindert sie aktiv Jugendarbeit.“
Die beiden Ehrenamtlichen verdeutlichen die Relevanz ihrer Zentren. „Es sind Orte der Selbstverwirklichung, an denen man neue Hobbys finden kann. Da unsere Angebote kostenlos sind, ist der Zugang sehr niedrigschwellig“, erzählt Domi. Die charakterliche Entwicklung, die Meinungsbildung, das Gemeinschaftsgefühl und das Erlernen von Empathie seien, laut Domi, auch wichtige Punkte, die die Jugendzentren bieten. Paul fügt hinzu: „Seit 10 Jahren kommen deutlich mehr queere Jugendliche, die zu Hause oder in der Schule Diskriminierung erfahren. Die Potse ist ihr einziges sicheres Wohnzimmer.“
„Der Knackpunkt ist die fehlende Partizipation“, meint dagegen Anwohnerin Lukoschus. Sie fühle sich übergangen und vor getroffene Entscheidungen gestellt. Am 6. November veranstaltete das Bezirksamt einen Informationsabend zu dem Bau. „Ich habe versucht, die beiden Mädchen (darunter Domi vom Drugstore – Anm. d. Autorin) anzusprechen, aber es war kein Kontakt möglich“, behauptet Lukoschus. Domi könne das so nicht bestätigen, womit Aussage gegen Aussage steht.
Die Jugendzentren-Leute erzählen vom Gegenteil und Domi betont: „Wir sind wirklich gesprächsbereit.“ Paul sagt, er habe bei dem Informationsabend aktiv das Gespräch mit der Nachbarschaft gesucht und auch gefunden: „In Arbeitsgruppen konnten wir viele Ängste der Nachbarn entkräften.“ Die Ehrenamtlichen hoffen, dass die Nachbar:innen den Bau doch noch als Chance für einen neuen Nachbarschaftsort sehen können.
Doch bei dem Informationsabend sollen einige Nachbar:innen die Reden der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen mit Zwischenrufen unterbrochen haben. „Sie haben ihren Frust abgeladen“, meint Paul. Domi zeigt sich verständnisvoll, teilweise: „Wir verstehen ihren Frust. Wir kennen Existenzängste.“ Sie versuche, es nicht persönlich zu nehmen, aber: „Wenn man da steht, so ein Jugendzentrum repräsentiert, und dann gibt es Leute, die einem alles Mögliche an den Kopf werfen; das geht auch nicht spurlos an einem vorbei.“
Doch kein Boxen statt Tennis
Von wegen Boxring. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bleibt auf dem Tennisplatz. Das Engagement von Ex-Boxweltmeister und Olympiasieger Henry Maske für den Wahlkampf und die Olympiabewerbung, an dieser Stelle in der Mittwochsausgabe beschrieben, war ein Aprilscherz der Berlinredaktion der taz.
Finale am 20. September
Die Berliner CDU muss also auf dem Weg zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September ohne Glanz und Glamour des „Gentleman“ auskommen, wie Maske wegen seines eleganten Boxstils genannt wurde. Aber vielleicht greift Kai Wegner auch ohne prominente Unterstützung zum Boxhandschuh? Dem Wahlkampf könnte es gut tun. (wera)
Auch wenn sich Domi und Paul auf das Haus der Jugend freuen, stehen soll es erst ab 2030. Aktuell residiert die Potse noch in der Zollgarage, doch der Vertrag läuft Ende September dieses Jahres aus. „Da müssen wir gucken, wie wir eine weitere Zwischenlösung für eine leise Nutzung finden“, sagt Schwork. An eine Lösung für die ursprünglich laute Nutzung mit Konzerten sei wohl gar nicht zu denken.
Alle, die in den selbstverwalteten Jugendzentren arbeiten, machen dies ehrenamtlich. In der Potse seien 10 Ehrenamtliche fest dabei und 20 bis 30 würden immer mal wieder helfen, erläutert Paul. „Bei der schieren Masse an Aufgaben haben wir in den Zentren eindeutig zu wenig Ehrenamtliche“, beklagt Domi. Seit 19 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich fürs Drugstore, bei Paul sind es ungefähr 13 Jahre.
Domi und Paul übernehmen auch viel Pressearbeit und bürokratische Aufgaben, etwa Fördergelder zu beantragen. Das Drugstore bekommt eine jährliche Förderung vom Jugendamt, damit es alle Veranstaltungen kostenlos anbieten kann. Dahinter stecke aber viel bürokratischer Aufwand, sagt Domi. „Das Drugstore muss monatlich einen Steuerordner abgeben, eine Mengenmeldung schreiben, jährlich einen Sachbericht und eine Zielvereinbarung alle zwei Jahre.“
„Es fallen immer mehr soziale Räume weg, die selbstverwaltet und niedrigschwellig sind, zum Beispiel die Liebigstraße“, bedauert Domi. „Es gibt viel Stress, weil die Nachbarschaft immer bürgerlicher und spießiger wird.“ Das Drugstore würde deshalb immer mehr Anfragen bekommen. „Da müssen wir als Kollektiv aufpassen, dass wir uns nicht kaputt machen neben unserer eigenen Lohnarbeit“, schildert die Ehrenamtliche die Lage.
Neben der Nachbarschaftsinitiative würden auch Politiker:innen gegen die Jugendzentren Stimmung machen. Die CDU, namhaft Jan-Marco Luczak und Frank Luhmann, habe an Anwohnende eine Bürgerbefragung verteilt. Darin schreiben sie, ein überzeugendes Schutzkonzept gegen Lärm würde fehlen. Diese Aussage steht der von Schwork gegenüber. Auf der Befragung kann nur ein „Ja“, das den Standort gutheißt oder ein „Nein“, mit dem man sich gegen den Standort positioniert, angekreuzt werden.
Domi
Ein Anwohner habe die Befragung erhalten, ein Schreiben an Luczak gesendet und an die Jugendzentren weitergeleitet. Darin schreibt er: „Der Informationsbrief ist unsachlich und enthält Suggestivfragen.“ Der Anwohner beschreibt das Vorgehen der CDU als „populistisch“. Domi erklärt sich das Anliegen der CDU wie folgt: „Wir sind ein explizit unkommerzielles Jugendzentrum. Mit uns kann man kein Geld verdienen.“
Trotz allen Hin und Hers, der hohen Arbeitsbelastung und des Streits, sei das Bauvorhaben an sich zu begrüßen. „Es ist eine krasse Sache, dass das Haus der Jugend gebaut werden soll. Seit 2017 ist es nur eine Traumschloss-Idee der Politiker:innen gewesen“, sagt Paul.
Bis zum Einzug werden die Jugendzentren in ihren Übergangsstandorten ihre Angebote weiterführen. In der Potse gibt es ein wechselndes Programm: montags Zirkus, mittwochs Trommeln, donnerstags Plena von antifaschistischen Gruppen, freitags Filmabend, sonntags Sport; an den Dienstagen halten die Jugendzentren ihre eigenen Plena ab.
Das Drugstore im Rockhaus versammelt montags eine Spielgruppe und hier können, anders als in der Potse, auch Konzerte stattfinden. Für die nächsten Jahre bleibt nur auf einen guten Austausch zwischen Jugendzentren und Nachbarschaft zu hoffen.
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