Russlands Rückkehr in den Weltsport: Fechten unter der Kriegsflagge
Die Jugend aus Russland und Belarus darf wieder international mitmischen. Bei den Olympischen Jugendspielen soll alles sein wie vor dem Krieg in der Ukraine.
R ussland und Belarus kehren auf die olympische Bühne zurück – mit Fahne, Hymne und allem nationalen Klimbim, der eben dazu gehört zu internationalen Sportwettkämpfen. Nein, bei den anstehenden Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo ist es noch nicht so weit. Da dürfen nur ein paar handverlesene Athletinnen und Athleten aus den beiden kriegführenden Ländern als sogenannte Neutrale an den Start gehen.
Bei den Olympischen Jugendspielen im Sommer im senegalesischen Dakar sollen die Fahnen der Russischen Föderation und von Belarus indes gehisst werden. Es wäre das erste Mal seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022, dass die beiden Länder ihre Nationalsymbole wieder in der olympischen Arena zeigen dürfen.
Neue Regeln bis zum Sommer
Auf Vorgabe der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees wurde auf dem sogenannten Olympic Summit Anfang Dezember die Empfehlung beschlossen, künftig Jugendsportlerinnen und -sportler aus Russland und Belarus wieder zu internationalen Wettbewerben zuzulassen. Den Empfehlungen dieses Einladungsgremiums, dem neben IOC-Präsidentin Kristy Coventry und ihren Stellvertretern ausgewählte Chefs nationaler Olympiakomitees und internationaler Sportverbände wie Oberleichtathlet Sebastian Coe und Fifa-Boss Gianni Infantino angehören, wird in der Sportwelt für gewöhnlich Folge geleistet.
Die Erwartung, dass die Sportfachverbände die neuen Regeln bis zu den Jugendspielen im Sommer umgesetzt haben, geht aus der Mitteilung des IOC unmissverständlich hervor. Was den Erwachsenensport betrifft, bleibt es erst mal bei den Vorgaben des IOC, die dazu raten, nur russische und belarussische Athletinnen und Athleten, die nach einer Prüfung nicht als Propagandasprachrohre oder Militärangehörige zu identifizieren sind, unter neutraler Flagge starten zu lassen.
Und für Belarus gab es noch ein besonderes Schmankerl vom IOC. Während in Russland weiterhin keine internationalen Sportereignisse ausgetragen werden sollen, darf Belarus künftig die Sportwelt wieder zu sich einladen. Während die Zulassung der Nachwuchssportlerinnen und -sportler vom IOC damit begründet wurde, dass diese „nicht für Handlungen ihrer Regierungen verantwortlich gemacht werden sollen“, gibt es für den speziellen Belarus-Bonus keine spezielle Erklärung.
Vielleicht hebt das Land ja seine Hand, wenn es um die Neuvergabe der Fecht-EM geht, die eigentlich im kommenden Sommer in Estland stattfinden soll. Dem Land des Olympiasiegerinnenteams von 2021 im Degenfechten könnte das Gastgeberrecht wieder entzogen werden, weil sich Estlands Regierung weigert, Fechterinnen und Fechtern aus Belarus Visa auszustellen.
„Die Regierungsposition ist klar: An Athleten aus den Aggressorstaaten werden keine Visa ausgegeben“, heißt es aus dem Außenministerium. Allen Qualifizierten die Anreise zu ermöglichen, ist aber eine der Voraussetzungen bei der Vergabe von Turnieren der European Fencing Confederation.
Deren internationaler Mutterverband, die FIE, hat derweil die neuen IOC-Empfehlungen schon umgesetzt und jugendliche Fechterinnen und Fechter aus Russland und Belarus wieder zu Wettbewerben zugelassen. Alle nationalen Symbole sollen dabei erlaubt sein. In der Ukraine ist man über diesen Schritt entsetzt.
Säbelfechterin und zweifache Olympiasiegerin Olha Charlan, die wegen ihrer zwei Olympiasiege und ihrer kompromisslosen Haltung gegenüber Russland als nationale Ikone gilt, schrieb Ende Dezember auf Instagram: „Als Sportlerin aus der Ukraine kann ich das nicht akzeptieren. Ich vertrete ein Land, das 1.399 Tage Vollinvasion hinter sich hat und fast 12 Jahre Krieg, Töten, Besatzung, Entführungen und Terror. All das geschieht unter ebenjener Flagge und Hymne.“
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