Anarchist*innen in der Ukraine: „Wir hoffen, dass so viele wie möglich überleben“
Wie geht politischer Aktivismus im Krieg? Die Aktivist*innen von Solidarity Collectives haben sich für praktische Solidarität entschieden.
Foto: Solidarity Collectives
taz: Mira, wie hat sich für Sie als antiautoritäre Linke die Sichtweise auf Antimilitarismus seit der Invasion der Russen in die Ukraine verändert?
Mira: Ich kann nicht sagen, dass sie sich groß verändert hat, ich war nie Pazifistin. Viele andere und ich haben erkannt, dass der einzige Weg, mit der Situation umzugehen, zu kämpfen ist.
38, ist Teil der Medienabteilung von Solidarity Collectives.
taz: Wie verhält man sich als politischer Mensch im Krieg?
Mira: Ich denke, aus politischer Sicht sollte man versuchen, nicht die individualistische Entscheidung zu treffen, sondern die für das Gemeinwohl. Wenn Krieg herrscht, sieht man viele Menschen leiden. Und wenn man die psychischen und physischen Kapazitäten hat, ihnen zu helfen oder sie zu schützen, dann sollte man das auch tun.
taz: Welche Art von Unterstützung bietet Solidarity Collectives an?
Mira: Wir haben vier Abteilungen. Die wichtigste ist „Militarna“. Sie kümmert sich um einzelne Soldat*innen. Die fragen ganz unterschiedliche Dinge an, aber hauptsächlich geht es um Schutzausrüstung. Außerdem bauen wir Drohnen. Das ist ebenfalls für Genoss*innen, die im Einsatz sind. Dann gibt es noch die Medienarbeit. Wir helfen auch Zivilist*innen aus den Dörfern nahe der Front, wo die Menschen bereits in Kellern leben. Die Lage ist sehr schlimm.
taz: Welche Rolle spielen Ihre politischen Ansichten bei dieser Unterstützung, die Sie leisten?
Mira: Wir unterstützen antiautoritäre Genoss*innen, die sich entschlossen haben, zu kämpfen. Bei Zivilist*innen machen wir keinen Unterschied. Aber wir versuchen zu zeigen, wer wir sind und welche Ansichten wir vertreten und diese auch zu verbreiten. Manchmal klappt das.
taz: Warum ist es Ihnen wichtig, Genoss*innen zu unterstützen, die bei den Streitkräften sind?
Mira: Wir wollen die Bewegung am Leben erhalten. Wir hoffen, dass so viele wie möglich von ihnen überleben. Ich würde gerne mehr Menschen unterstützen, aber wir haben nicht die Kapazitäten dafür.
taz: Wie gedenken Sie als Gruppe der Genoss*innen, die gestorben sind?
Mira: Man kann das neue Fanzine ansehen, das wir zum Thema Gedenkkultur gemacht haben. Wenn sie Ukrainer*innen sind, entscheiden die Familien, wo die Genoss*innen begraben werden. Aber manchmal gibt es keine Überreste, keinen Leichnam.
Dokumentarfilm „Anti-Authoritarians at War“ mit ukrainischen Anarchist*innen von Solidarity Collectives: Mo, 20. Juli, 20 Uhr, Rote Flora, Hamburg, Eintritt frei
taz: Was passiert dann?
Mira: Für diesen Fall haben wir eine Tradition ins Leben gerufen, die es zum Beispiel auch in der kurdischen Bewegung gibt: Wir pflanzen Bäume. Meist auf demselben Hügel in Kyjiw. Begonnen haben wir mit dem Baum für Dmitri Petrow, einen Genossen aus Russland. Und dann gibt es noch diejenigen, über die nicht gesprochen wird, weil sie aus Belarus stammen und das Regime die Familien bestrafen kann.
taz: Wie hat sich Ihr politischer Aktivismus durch den Krieg verändert?
Mira: Veränderung und Revolution sind greifbarer geworden. Auch die Gefahr einer Katastrophe und des Faschismus ist greifbarer geworden. Wir wissen, was passiert, wenn Russland die Städte einnimmt. Wir wissen, dass es völlig unmöglich ist, auf positive Veränderungen zu hoffen. Die Bereitschaft der Menschen, wirklich Risiken einzugehen, ist zwar viel größer geworden. Aber von einem theoretischen Standpunkt hat sich nicht viel verändert. Wir wussten bereits, dass das Leid im Krieg normalerweise die Armen trifft.
taz: Was hat sich praktisch verändert?
Mira: Vor dem Krieg sind wir zu Demonstrationen gegangen und haben andere Aktivitäten organisiert. Der Krieg hat die Lage für die Gesellschaft als Ganzes verändert, nicht nur für Aktivist*innen. Es gibt immer noch Nazis, gewalttätige Auseinandersetzungen und soziale Probleme. Aber es ist härter und realer geworden. Ich würde sagen, dass Aktivismus sich von einem Hobby zu einem Vollzeitjob gewandelt hat.
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