An der Westküste Kanadas: Menschen aus der Muschel

Unser Autor hat Geschichten vom Reisen gesammelt. Jetzt helfen sie, damit wir nicht vergessen, warum wir gereist sind. Und wieder reisen werden.

Auf einem Tuch gemalte Vögel im typischen Haida Stil

Typische Haida Kunst im Museum in Skidegate, Kanada Foto: Imago

Mein Vater liebte es, zu verreisen. Von jeder Tour brachte er ein volles Notizbuch mit nach Hause. „Geistige Notration für schlechte Zeiten“, erklärte er, und wir Kinder schüttelten den Kopf. Als er alt wurde, saß er Tag für Tag an seinem Schreibtisch, studierte seine Aufzeichnungen und durchlebte glücklich jede Fahrt ein zweites Mal. Auch heute herrschen ungute Zeiten in Sachen Reisen. Doch auch ich habe über die Jahre Notrationen gesammelt. Und ich teile sie gern. Damit wir nicht vergessen, warum wir gereist sind. Und wieder reisen werden.

„17 Totempfähle ragen aus dem Gras hervor, manche fünf, sechs Meter hoch mit gut erkennbaren Schnitzereien, andere nur noch verwitterte Stumpen, und alle sind sie über 100 Jahre alt. Aufgereiht wie Telefonmasten bildeten sie einst das Gesicht des Dorfes. Anhand der Figuren darauf – Adler, Orcas, Grizzlys – konnte jeder Besucher beim Näherkommen erkennen, welches der Häuser seinem Clan, den Adlern oder den Raben, nahestand. In fünf verlassenen Gemeinden im Süden von Haida Gwaii stehen solche Pfähle in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Denn die Haida beschlossen, dass keiner restauriert werden darf.

Haida Gwaii, „Inseln der Menschen“, das sind an die 400 Inseln im Pazifik vor der Westküste Kanadas. Darauf leben 4.800 Menschen, von denen etwa die Hälfte Haida sind, Ureinwohner, eine der First Nations Kanadas.

Eine Bootsfahrt zwischen den Inseln, die auch „Galapagos des Nordens“ genannt werden, der unterschiedlichen Pflanzen und Tiere wegen, erweist sich als Wundertüte, aus der täglich neue Überraschungen purzeln. Weißkopfseeadler sitzen manchmal im halben Dutzend in Bäumen am Ufer. Geysire dampfen überm Meer, gefolgt von den schwarz glänzenden, auf- und niedergehenden Halbmonden der dazugehörigen Buckelwale. Von einem Felsen dringt ein Grunzen, Röhren und Bellen herüber, als hätte eine Herde Schafe die Nacht davor heftig durchgezecht. Schimmernde Speckrollen robben sich behände die Felsplatten hoch, rangeln, quengeln, schrubben sich am Fels und aneinander. Die Steller’schen Seelöwen haben erst vor ein paar Wochen geworfen, der Fels ist wie übersät von propperen, hellbraunen Maden.

Die Geschichte vom Raben

Höhepunkte dieser Tage aber sind die Ausflüge an Land zu den Überresten der Dörfer. Die Natur hat einen dicken, grünen Teppich über eingestürzte Trägerbalken und Dachsparren gebreitet, Moos überzieht auch die ein Meter tief in die Erde gegrabenen Wohnräume der Langhäuser, von denen manche so groß waren wie Turnhallen. Und rundum kämpfen Zedern, Douglasien, Edeltannen und Zuckerkiefern um Raum und Licht, zauselige, blassgrüne Moosbärte wehen von den Ästen.

Es sind die zwei oder drei Wächter, die diese Orte der Stille und des Verfalls mit dem Leben von einst und der Geschichte der Haida füllen.

An manchen Abenden, verrät Ken Hens auf Taanuu, saß er fünf Stunden lang zu Füßen seines Onkels und hing gebannt an seinen Lippen. Der erzählte dann etwa die Geschichte vom Raben, der am Strand von Rose Spit eine riesige Muschel entdeckte, sie neugierig öffnete und ein Gewimmel winziger Wesen freisetzte – so fanden die Menschen in die Welt.

In der darauffolgenden Nacht musste Ken wieder vor seinem Onkel antreten und nunmehr diesem die Geschichte vom Vortag erzählen. Stimmten zu viele Einzelheiten nicht oder übertrieb er es mit Ausschmückungen, stand am Tag darauf der nächste Versuch an, so lange, bis die Geschichte genau so saß, wie die Vorfahren sie seit Generationen weitergaben. So wurde Ken zum Träger des Gedächtnisses seines Volkes, denn aufgeschrieben wurden Mythen und Historie damals nicht.

Am letzten Morgen lässt die „Maple Leaf“ gestochen scharfe, bläuliche Bergzüge hinter sich, die ein paar Nebelschleier umgeworfen haben. Die Aufbauten an Deck sind noch nass von der Nacht. Es riecht nach Kaffee, ein Fisch springt. Und dann taucht aus dem Dunst der kompletteste doppelte Regenbogen auf, der sich je über eine Meeresenge gespannt hat. Er bringt doppeltes Glück, meinen die Haida. Die Reise zwischen ihren Inseln steht unter einem guten Stern.“

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