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Ambros Waibel übrigensEin Delfin, der die Kuh Venedig weiter melken will

Foto: privat

Venedig bekommt einen neuen Bürgermeister. Das ist von Interesse, weil Venedig ja irgendwie allen Menschen gehört, als Welterbe schlechthin. Der neue Mann heißt Simone Venturini – und das ist das Langweiligste an ihm. Wobei er entgegen dem Klischee, dass Politiker sich doch erst mal im wirklichen Leben bewährt haben sollen, auch so schon einen enorm unspannenden Lebenslauf hat.

Er ist in Marghera geboren, dem alten Industriehafen von Venedig, kommt also vom Festland, wo inzwischen 200.000 der insgesamt ca. 250.000 Einwohner Venedigs leben. Mit nur 22 erwirbt er seinen Jura-Abschluss, im benachbarten Padua. Die Doktorarbeit dreht sich um: genau, Verwaltungsrecht. Gleich darauf steigt er in die Politik ein, wird – noch immer erst 22-jährig – in den Stadtrat gewählt.

Fünf Jahre später ist er Referent für Infrastruktur und Wirtschaft, weitere fünf Jahre später kommt die Zuständigkeit für Tourismus dazu, der – in der inzwischen klassischen Formulierung des italienischen Soziologen Marco d’Eramo – „Schwerindustrie des 21. Jahrhunderts“. Und in der Tat lassen ja die Menschenströme, die sich aus dem Bahnhof Santa Lucia ergießen, an die ikonischen Fotografien der Fabrikarbeiter des 19. Jahrhunderts denken. Venturini, das ist auch noch wichtig, ist der Dauphin des scheidenden Bürgermeisters Luigi Brugnaro, was er aber nicht gern hört. Der einzige Delfin in der Gegend sei ein seit einiger Zeit munter die Lagune durchschwimmendes Tierchen.

Ambros Waibel

arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.

Venturini hat die Wahl gleich im ersten Durchgang gewonnen. Er sagt, das liege daran, dass er sich um die Themen kümmere, die den Bürgern tatsächlich am Herzen lägen, nicht um solche Dinge wie die Biennale-Bestückung mit Kriegsverbrecherkunst: „Das sind Themen, die dem kleinen Kreis der linken Medienintelligenz am Herzen liegen. Die Menschen machen sich Gedanken um ihre Wohnung, ihre Arbeit, den Nahverkehr und die Sicherheit.“

Venturini ist der Mann, der das Eintrittsgeld für Venedig erfunden hat

Was er hier nicht sagt, ist das Entscheidende, das Geld, gli schei, wie der Venezianer die Moneten nennt. Venturini, der das Eintrittsgeld für Venedig erfunden hat, wurde gewählt, damit die Schwerindustrie Tourismus weiter liefert oder, wenn man idyllischere Vergleiche schätzt: die Kuh Venedig weiter gemolken werden kann – von einem Delfin, der mit allen Wassern­ der Lagune gewaschen ist.

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