: AmanderenUfer
Narva liegt ganz im Osten Estlands, unmittelbar an der russischen Grenze. Wie lebt es sich in einer Stadt, über die es immer wieder heißt, sie sei „als Nächstes dran“? Und was braucht es, um die Menschen dort zusammenzuhalten?
Aus Narva Juli Schulz
Nach Narva kommt man nicht zufällig. Es gibt nur eine Bahnlinie, die den Westen mit dem Osten Estlands verbindet. Der Zug aus Tallinn schiebt sich Dorf für Dorf durch die flache Landschaft – vorbei an ein paar wenigen Häusern, Kiefernwäldern, Mooren. Je näher man gen Osten kommt, desto geradliniger wird es. Lange Straßen, breite Alleen, gesäumt von grauen Plattenbauten.
Es ist Mitte März 2026. Der Schnee ist weg, die Sonne steht noch winterlich tief. Auf den Straßen sind nur vereinzelt Menschen zu sehen, obwohl es rund 52.000 sind, die hier leben. Narva ist die östlichste Stadt Estlands, wird nur durch den gleichnamigen Fluss von Russland getrennt. Rund 95 Prozent der Menschen sind russischsprachig. Die Stadt ist EU-Grenzposten, Nato-Ostflanke und steht immer wieder als mögliches Einfallstor für Putin im Fokus.
Knapp die Hälfte der Menschen in Narva besitzt die estnische Staatsbürgerschaft, rund 30 Prozent die russische. Etwa 20 Prozent sind staatenlos oder haben andere Pässe. Die staatenlosen Menschen – die Inhaber:innen des sogenannten grauen Passes – sind überwiegend sowjetische Zuwander:innen. Für die estnische Staatsbürgerschaft müssten sie einen Sprach- und Integrationstest bestehen, der für viele eine große Hürde darstellt. Der graue Pass geht mit Wohnrecht, Sozialleistungen und visafreiem Reisen in den Schengen-Raum und nach Russland einher.
Trotz des hohen Anteils estnischer Staatsbürger:innen ist Narva sprachlich und kulturell klar russischsprachig geprägt. Die Stadt ist somit weniger ein Ort verschiedener Lager, sondern einer des Arrangements. Sprache, Identität und Staatsbürgerschaft bilden eine komplexe Gemengelage.
Mitte März wird greifbar, wie fragil dieses Arrangement sein kann: Pro-russische Kanäle rufen auf Plattformen wie Telegram und Vkontakte die „Volksrepublik Narva“ aus. Memes zeigen eine veränderte Grenzziehung, eine eigene Flagge. Sie propagieren die Einnahme der russischsprachig dominierten Städte Narva, Sillamäe und Kohtla-Järve. Die Rhetorik der Social-Media-Kampagne erinnert an die Annexion der Krim 2014. Eines der Bilder trägt die Aufschrift: „Von Narva bis Püssi (im Nordosten Estlands; Anm. d. Red.) erstreckt sich das russische Land.“
Die Betreiber:innen des estnischen Antipropagandablogs Propastop sprechen von gezielter Desinformation. Der estnische Auslandsgeheimdienstchef beschwichtigt, es gebe keine Hinweise auf konkrete Invasionspläne. Sicherheitsexpert:innen warnen dennoch vor einer volatilen Lage. Darunter Carlo Masala, Professor für Sicherheitspolitik an der Universität der Bundeswehr in München und Autor des Buches „Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario“. Das Szenario: Russische Truppen erobern im März 2028 Narva. Masala wirft in seinem Buch Fragen nach einer unzureichenden Aufrüstung Europas auf und danach, wie die Nato auf diesen Angriff reagieren würde. Mitte März hält er die Kampagne im Gespräch mit der taz nicht für ein unmittelbares Angriffssignal, verweist aber auf steigende Unsicherheiten: „So eine Kampagne macht man natürlich nur, wenn es auch einen Resonanzraum dafür gibt.“
Laut Masala ist sie Teil einer hybriden Kriegsführung Russlands und reiht sich in eine Reihe von Provokationen ein. Grenzbojen im Fluss Narva verschwinden, die Grenze im Fluss wird von russischen Grenzschutzbeamt:innen mit dem Boot überquert, immer wieder halten sich russische Kampfjets im estnischen Luftraum auf.
Narvas Bürgermeisterin Katri Raik zeigte sich noch vor wenigen Wochen ermüdet von den erneuten Spekulationen über einen möglichen bevorstehenden militärischen Konflikt. Auf Facebook schreibt sie, die Desinformationskampagne löse in ihr und der Stadtgesellschaft Unverständnis, Trotz und Abscheu aus, zugleich wachse Unmut darüber, dass das Ereignis medial noch verstärkt werde. Denn „eigentlich sorgen sich die Narvaner vor allem um ihr tägliches Auskommen, steigende Preise, den Mangel an Arbeit.“
Seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine ist Estlands Politik gegenüber Russland sowie den russischen Staatsbürger:innen in Estland deutlich konfrontativer geworden: Sowjetische Denkmäler wurden aus dem öffentlichen Raum entfernt, eine Schulreform wird den Unterricht vollständig auf Estnisch umstellen, nicht europäische Staatsbürger:innen, also auch die mit „grauem Pass“, sollen ihr Kommunalwahlrecht verlieren.
Bürgermeisterin Raik, die eine klare proestnische Haltung vertritt, steht seit ihrer knappen Wiederwahl im Dezember 2025 unter Druck. Oppositionelle Kräfte, darunter Vertreter:innen der russischsprachigen Bevölkerung Narvas – versuchten wiederholt, die Machtverhältnisse im Rat zu kippen. Sie werfen Raik unter anderem vor, die Belange der estnischen Bürger:innen stärker in den Blick zu nehmen als die der russischen. Im März 2026 steht Raik für ein Gespräch nicht zur Verfügung, sagt kurz per SMS ab: „Sehr schwere politische Situation“, sie müsse sich entschuldigen.
Die Kampagne zur „Volksrepublik Narva“ erinnert an den Sommer 1993: Die Lage in Ida-Virumaa, dem Landkreis Estlands zu dem auch Narva gehört, ist damals angespannt. Die Regierung unter Maart Laar setzt eine strikte Staatsbürgerschaftspolitik um, die viele Zuwander:innen aus der ehemaligen UdSSR ausschließt und Unmut auslöst; ehemalige Funktionäre wollen Einfluss zurück.
Im Narvaer Stadtrat wird daraufhin ein Referendum initiiert: Mitte Juli soll in Narva und Sillamäe eine Volksabstimmung stattfinden – mit dem Ziel, den Städten Autonomie zu gewähren. Auch in Kohtla-Järve ist eine Abstimmung geplant. Die lokalen Behörden verweigern sich. Wie ein dunkler Schatten hängt über Estland die Frage: Könnte sich ein Teil von Ida-Virumaa abspalten und erneut in den Einflussbereich Russlands geraten?
Wenige Wochen später beteiligen sich knapp über die Hälfte der Menschen in Narva an der Volksabstimmung. 97 Prozent von ihnen stimmen für die Autonomie. In Sillamäe sind die Zahlen ähnlich. Der Oberste Gerichtshof in Estland erklärt das Referendum für verfassungswidrig – nur das estnische Parlament dürfe über eine regionale Autonomie entscheiden.
Und jetzt die Kampagne zur „Volksrepublik“. Wieder Narva, Sillamäe und Kohtla-Järve. Masala meint, Narva sei heute ein anderes als noch vor einigen Jahren: „Bis ungefähr 2023 hätte ich immer gesagt, ‚Narva is next.‘“ Über die vergangenen anderthalb Jahre habe die estnische Regierung aber sehr viel getan, um Narva und die Grenze abzusichern.
Estland investiert massiv in seine Sicherheit – errichtet eine Verteidigungslinie mit Bunkern und Panzersperren entlang der Grenze zu Russland, plant einen neuen Militärstützpunkt in Narva. Seit dem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens sind zudem neue Möglichkeiten für die Verstärkung des Baltikums im Krisenfall jenseits der traditionellen Route durch die Suwałki‑Lücke entstanden, dem schmalen Korridor zwischen Polen und Litauen. „Im Ostseeraum hat sich die Sicherheitsarchitektur zugunsten der Nato verändert“, so Masala. Dennoch müsse man unbedingt wachsam bleiben.
Doch wie sind die geopolitischen Spannungen im Alltag der Narvaner:innen spürbar? Was spaltet die Menschen? Und was bringt sie zusammen?
Sergei Poljatšihhin ist zuständig für Bürgerdialog am Vaba Lava, dem freien Theaterhaus in Narva. „Interessanterweise erinnern sich viele hier gar nicht mehr an das Referendum von damals. Aber heute, über dreißig Jahre später, sind diese ganzen Fragen immer noch da“, sagt er. Die Fragen, die Poljatšihhin meint, sind solche nach Identität und geografischen Grenzen, Fragen nach der Zukunft. Und sie sind lauter denn je. Hier am freien Theaterhaus haben sie deshalb gerade einen Dokumentartheaterabend aus historischen Dokumenten und persönlichen Erinnerungen über das Referendum von 1993 entwickelt. „Kuum Suvi ’93“.
Sergei Poljatšihhin trägt eine schwarze Brille, Pulli, Turnschuhe und wirkt wie jemand, der die Themen der Stadt aufmerksam beobachtet. Er kommt aus der estnischen Universitätsstadt Tartu, wo er 1989 in eine russischsprachige Familie geboren wird. „Russisch ist meine Muttersprache. Das macht es hier leicht für mich.“ Nur wenige Monate nach dem russischen Überfall auf die Ukraine arbeitete Poljatšihhin am Projekt „100% Narva“ des deutschen Theaterkollektivs Rimini Protokoll mit. Das Projekt versammelte hundert Einwohner:innen Narvas auf der Bühne, die zu ihren Haltungen und Lebenserfahrungen befragt wurden.
„In einer der Proben haben wir gefragt: Unterstützt ihr die Aggression Russlands gegen die Ukraine – ja oder nein?“, erinnert sich Poljatšihhin. Die Situation eskaliert. „Die Menschen waren verärgert, verstanden nicht, warum sie diese Frage beantworten sollten. Viele sind dann erst mal raus, zum Rauchen. Wir dachten, okay das war’s. Aber sie haben zu Ende geraucht und kamen zurück auf die Probe.“ Das Team verallgemeinert die Frage, löst sie vom konkreten Konflikt. Stattdessen wollen sie wissen, ob die Teilnehmer:innen es gutheißen, dass politische Entscheidungen durch Aggression gegen andere Länder durchgesetzt werden: „Niemand von ihnen hat das unterstützt.“
Vor dem Krieg gegen die Ukraine hätten sie hier oft mit Regisseur:innen aus Russland zusammengearbeitet, sagt Poljatšihhin. Das sei vorbei. „Es fühlt sich für uns ethisch nicht vertretbar an.“
Die Grenze zwischen Estland und Russland verlaufe längst auch zwischen den Menschen: „Du lebst im selben Haus, isst zusammen an einem Tisch. Aber dann kommt das Thema Russland auf und da ist dieser tiefe Graben. Die russische Invasion in die Ukraine ist ein völkerrechtswidriger Angriff. Und die große Frage, die mich beschäftigt, ist: Wie konnten wir zu so unterschiedlichen Ansichten und Perspektiven kommen?“ In Narva ist russische Propaganda für viele Menschen Teil des Alltags. Über das Fernsehen, Radio und die sozialen Netzwerke sind sie an die politische Einflusssphäre Russlands angedockt.
Einer Umfrage der estnischen Regierung aus dem Jahr 2023 zufolge unterstützen vier bis acht Prozent der jüngeren russischsprachigen Menschen in Estland den Krieg gegen die Ukraine, bei älteren sind es sechs bis fünfzehn Prozent. 36 Prozent von ihnen gaben an, darauf nicht antworten zu wollen.
Trotz der Gräben, die sich durch manche Familien ziehen, glaubt Poljatšihhin nicht, dass die Menschen einen Konflikt wollen: „Die wollen einfach ihr Leben leben. Zur Arbeit gehen, Zeit mit ihrer Familie verbringen. Viele sind mit der estnischen Regierung nicht zufrieden, aber niemand braucht Russland hier. Die Leute wollen kein Spielball der Politik sein. Sie wollen einfach ihre Ruhe.“
Narva ist eine Stadt, aus der die Zukunft abwandert. Nach der Schule gehen viele an die Universitäten in Tallinn, Tartu oder gleich ins Ausland – und kommen selten zurück. Narva schrumpft, weil die Jobs fehlen. Die Arbeitslosenquote ist mit 11,3 Prozent so hoch wie in keiner anderen Region des Landes.
Dabei war Narva mal ein bedeutender Industriestandort: Die ansässige Textilfabrik Kreenholm mit ihrer Baumwollspinnerei und Weberei gehört im 19. Jahrhundert zu den größten Industrieunternehmen Europas. In Spitzenzeiten arbeiten hier 10.000 Menschen an den Spindeln und Webstühlen.
Doch es ist still geworden. Zwischen Backsteinfassaden mit zerbrochenen Fenstern rankt Efeu, wuchern Büsche.
Die Kreenholm-Manufaktur wird 1857 von dem Bremer Kaufmann Ludwig Knoop gegründet, sie produziert Baumwoll- und Leinenstoffe. Ihre Blütezeit erlebt die Fabrik zwischen 1880 und 1910: Rund die Hälfte der Einwohner:innen Narvas ist in der Fabrik beschäftigt, darunter über zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung.
Auch Olga Homakova hat in Kreenholm gearbeitet. Von 1988 bis 1990 stellte sie in der Fabrik Textilien her. Ihr Haar ist kurz, sie trägt eine Brille mit markantem schwarzen Rahmen und die Spuren eines Arbeitslebens, das früh begonnen hat. Als Homakova anfing, war sie erst 14. In Kreenholm sei sie schnell erwachsen geworden, sagt sie heute: „Ich habe dort meine erste Zigarette geraucht, als ich mit den Mädchen in die Pause ging. In Kreenholm habe ich verstanden, was Arbeit bedeutet. Ich habe begriffen, was es heißt, eigenes Geld zu verdienen.“
Über Generationen hinweg arbeiten mehrere Frauen aus ihrer Familie in der Fabrik. „Meine Tante und meine Großmutter waren in Kreenholm. Du konntest dort Mutter sein und trotzdem arbeiten.“ Auf dem Fabrikgelände gibt es Kindergärten, ein Krankenhaus und Kulturhäuser – eine Stadt in der Stadt.
Inzwischen ist Olga Homakova 51 Jahre, pendelt tageweise zwischen Narva und Tallinn. In Tallinn arbeitet sie in der Produktion von Abschminkpads, in Narva kümmert sie sich um ihre Mutter. Die Zeit in Kreenholm ist ihr immer noch sehr präsent: „Wenn die Leute morgens aus den Bussen ausstiegen, war das wie eine große Wolke, die über das Gelände zog und in der Fabrik war es laut, staubig. Es war Knochenarbeit.“
Während der Sowjetzeit ist Kreenholm die einzige Textilfabrik, die exportiert. Wenn Homakova mit ihrem Hund an Kreenholm vorbeigeht, überkommt sie Melancholie: „Man spürt diesen Verlust in der Stadt noch immer.“
Nach dem Zerfall der Sowjetunion passt sich die Wirtschaft an den Kapitalismus an, ganze Industriezweige bauen Arbeitsplätze ab. Da ist Homakova 16 Jahre alt: „Ich habe diese politischen Umstände damals nicht verstanden. Meine Großmutter hat fast 47 Jahre lang als Weberin gearbeitet. Es war sehr schwer für sie, ihre Arbeit zu verlieren. Wir haben gute Arbeit geleistet. Immer.“
Kirill Bagrin, Journalist
1994 wird Kreenholm privatisiert. Über die Jahre schrumpft die Belegschaft durch Übernahmen und Insolvenzen erst auf 500 später auf 31 Beschäftigte. Narva verliert damit seinen industriellen Mittelpunkt und den gemeinsamen sozialen Bezugspunkt, der die Stadt über Generationen geprägt hat. Wo früher Fabrikalltag eine Identifikation stiftete, ist eine Lücke entstanden. An Kreenholm wird sichtbar, wie eng in Narva der wirtschaftliche Systemwechsel nach 1991 mit Fragen von Identität und Zugehörigkeit verknüpft ist.
Wer von Narvas Stadtzentrum nordwärts der Landstraße folgt, immer am Grenzfluss Narva entlang, erreicht den kleinen Kurort Narva‑Jõesuu. Die Strecke kennt Daniil Doronin auswendig. In seinem orangefarbenen Fiat Punto hängt Jesus neben dem Duftsäckchen am Rückspiegel. Und hat offenbar schon bessere Tage gesehen. „An seinen Lenden ist ein Stück herausgebrochen. Deshalb konnte ich das Kruzifix nicht woanders verwenden.“
Doronin gestikuliert beim Reden, nimmt den Blick von der Straße, die Hände vom Lenkrad, gibt Gas, dreht die Musik auf: Der Chor der Heiligen Dreifaltigkeit des Kyjiwer Ioninsky-Klosters unter der Leitung von Dmitry Bolgarsky.
Daniil Doronin ist Priester der estnisch-orthodoxen „Kirche der Kasaner Ikone der Gottesmutter“ in Narva‑Jõesuu, die zur russisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats gehört.
1992 wird er in Kyjiw geboren, schlägt dort zunächst eine Laufbahn als klassischer Musiker ein, studiert Violine. Nach dem Studium nimmt Doronin eine Assistentenstelle in einem orthodoxen Kloster an, verfolgt seinen ursprünglichen Plan, Priester zu werden. Dann kommt das Jobangebot aus Narva‑Jõesuu. „Das war Wunder Nummer eins“, erzählt er. Elf Jahre ist das jetzt her.
Den Fiat Punto hat er auf Facebook gefunden, sein Wunder Nummer zwei: „600 Euro“, sagt er begeistert. „Wegen der Kinder brauchten wir ein zweites Auto. Als sie nur zum Kindergarten mussten, hat ein Auto gereicht. Aber jetzt spielen sie Schach, Fußball, gehen schwimmen.“ Mit seiner Frau, einer Tierärztin, hat er hier innerhalb von zehn Jahren vier Kinder bekommen. Eine Tochter, drei Söhne.
Daniil Doronin hält am Straßenrand, steigt aus, zieht sich seine braune Steppjacke über das schwarze Riasa, das bodenlange Priestergewand. „Ich wollte immer Priester sein. Schon als Kind. Und dann kam ich 2015 aus Kyjiw hier an und dachte, wo sind all die Menschen hin?“ Narva-Jõesuu wirkt dörflich, fast abgeschieden. Doronin deutet auf ein Blockhaus in Kirchenform. Es hat Bauplanen in den Fenstern, steht zwischen den Fichten: „Das ist meine Kirche.“
Doronins Kirche hat eine tragische Geschichte. Zweimal steht sie in Brand. Im Februar 2021 das erste Mal. Die Ermittler gehen von Brandstiftung aus. Teile des Innenraumes werden schwer beschädigt. Die mutmaßlichen Täter können fliehen. Nur wenige Monate später, im Juni desselben Jahres, bricht ein zweites Feuer aus. Die Holzkonstruktion des Daches wird zerstört. Wieder wird Brandstiftung vermutet. „Die Polizei konnte die Täter nie überführen“, berichtet Doronin. Die Fallakte wird schließlich geschlossen.
Inzwischen seien sie in den letzten Zügen der Sanierungsarbeiten. Solange die Kirche nicht fertig ist, arbeitet Daniil Doronin in dem kleinen Häuschen nebenan: Er hat sich provisorisch eingerichtet – ein Altar, goldene Kerzenständer, Kreuze und Ikonen. Der Raum ist klein, kann nur eine Handvoll Menschen fassen.
Landesweit gehören 16 Prozent der Bevölkerung in Estland zu den orthodoxen Christ:innen. Die meisten von ihnen zur russisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. In Narva ist es fast jeder Zweite. In Narva‑Jõesuu sind es etwas weniger. Die russisch-orthodoxe Kirche ist traditionell die Heimatreligion der russischsprachigen Menschen, die während der Sowjetzeit kamen. Und doch stellt Doronin fest: „Hier gibt es viele Leute, die Probleme mit ihrem Glauben haben. Das bezieht sich nicht mal auf eine bestimmte Glaubensrichtung. Die Sowjetvergangenheit hat in Estland eine tiefe Narbe hinterlassen. Ich spüre, dass es kein Fundament gibt – wie ein Haus, das auf Sand gebaut ist.“
In der Sowjetunion herrscht eine aggressive Politik des Staatsatheismus. Kirchen, Moscheen und Synagogen werden zerstört, Geistliche verfolgt, religiöses Leben in den Untergrund gedrängt.
Doronin berichtet, seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, bewege er sich in seiner Arbeit als Priester auch zwischen politischen Fronten. Er versuche, eine Gemeinde zusammenzuhalten, in der Menschen gegensätzliche Haltungen zum Krieg vertreten: „Meine Kirche ist eine Insel. Ich muss die Politik draußen lassen, sonst kann ich es nicht“, sagt er. „Ich bin Ukrainer. Die Kirche ist der Ort, an dem wir die Grenze zwischen politischen Ansichten und Nationalitäten brechen müssen.“ Wenn er die Menschen in gut und böse einteilen würde, dann sei das nicht das Prinzip Gottes. „Und ja, es ist schwer und man fragt sich, wie die Liebe von Gott dieselbe sein kann, hier und da.“ Doronin zeigt in Richtung der anderen Flussseite.
In seiner Kirche kämen Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen. „Ich habe letztes Jahr auf Englisch, Deutsch, Estnisch, Russisch und Slowenisch getauft und beerdigt. Es ist wichtig, dass die Menschen ihre Sprache hören, dass sie mich verstehen – eine Gemeinschaft zu schaffen, unabhängig von der Herkunft.“ Doronins Kirche ist ein fragiler Ort der Verständigung, während im Außen die Spannungen schwer aufzulösen sind. „Meine Kinder haben mich neulich gefragt: ‚Haben wir auch bald überall Löcher von den Bomben, so wie in der Ukraine?‘ Jeden Abend sprechen wir mit den Kindern zu Gott. Wir beten, dass der Krieg in der Ukraine endet und in Estland nicht anfängt.“
Jetzt muss er los, steigt in seinen Fiat Punto. „Wenn es hier ruhig bleibt, ist das ein schöner Platz zum Leben.“ Doronin fährt davon.
„Was macht Narva für dich besonders?“: An einer der Hauptverkehrsstraßen Narvas steht Kirill Bagrin und stellt Passant:innen die immer gleiche Frage. Die Menschen sprechen ins Mikrofon und ziehen dann weiter – Bagrin hält ihre Gedanken in Videos für den Instagram-Kanal „SeeOnNarva“ fest.
„Meine Mutter lebt hier, sonst nichts.“ „Wir haben einen sehr guten Hausmeister und ein ruhiges Treppenhaus.“ „Ich arbeite hier. Die Leute sind nett.“ „Wahrscheinlich, dass Russland ganz in der Nähe ist.“
Bagrin ist 23 Jahre alt, Videoproduzent, spricht ruhig und bedacht. Erst seit letztem September betreibt er mit seinem Kollegen Daniil Volotskoi den Kanal. „Was ich hier sehe, ist, dass die Menschen nach Osten – Richtung Russland – schauen. Mit unserem Projekt wollen wir herausfinden, warum Narva so anders ist als alle anderen estnischen Städte. Wir fragen die Leute zum Beispiel: ‚Was denkst du, was in Narva fehlt?‘ Wir wollten auch die jüngeren Altersgruppen erreichen. Und wir wurden schnell sehr erfolgreich.“
Kirill Bagrin ist hier geboren. Seine Familie ist russischsprachig, seine Mutter stammt aus Narva. „Mein Vater hatte den russischen Pass, aber er hat Estnisch gelernt, um estnischer Staatsbürger zu werden. Zu Hause haben wir russisch gesprochen. Uns war aber immer klar, wenn wir hier in Estland bleiben wollen, dann müssen wir uns anpassen. Das war das Mindset in meiner Familie. Aber zuallererst bin ich ein russischsprachiger Este.“
Zwischenzeitlich hat Bagrin in Tallinn gewohnt. Seine Perspektive auf Narva hat das geschärft: „Ich sehe die Unterschiede zwischen anderen Orten in Estland und Narva – wie die Menschen leben, wie die Atmosphäre in der Stadt ist.“ Für Narva findet er deutliche Worte: „Wir brauchen uns nichts vormachen. Wenn es zu einem militärischen Angriff kommt, dann ist hier die Frontlinie. Das ist uns allen klar.“
Narva, das nächste Ziel eines russischen Angriffs? So berechtigt es ist, diese Frage zu stellen, so sehr wirft sie in Narva selbst auch die Frage nach journalistischer Verantwortung auf: Welche Geschichten werden erzählt und welche Perspektiven dadurch möglicherweise verengt? „Ich würde mir wünschen, dass Journalisten aufhören, die immer gleichen Fragen zu stellen. Über eine mögliche Invasion, über einen möglichen Krieg, über unsere Beziehung zu Russland. Weil es die Haltung in den Köpfen der Menschen verstärkt, die sich sowieso schwer tun, nicht mehr zu Russland zu gehören“, sagt Kirill Bagrin. Es sei wichtig, den Blick nach vorn zu richten: „Journalisten könnten stattdessen fragen, was Narva zu Europa beizutragen hat, wie es einen Weg in eine gute Zukunft finden kann.“
Vielleicht zeigt sich gerade an gespaltenen Orten wie Narva, was es braucht, um die Menschen zusammenzuhalten: einen gemeinsamen Dialog, Arbeit, Zukunftsperspektiven und Orte der Begegnung. „Die russischsprachigen Menschen, die hier aufgewachsen sind, sind viel mehr estnisch als russisch“, glaubt Bagrin. Es fehle an vermittelnden Strukturen im Alltag, an Stadtteilprojekten, Integrationsarbeit, die helfen können Lebenswelten zusammenzuführen: „Es gibt so viel mehr, das Esten und Russen hier verbindet, als das sie trennt. Das Problem ist, dass der Mittelsmann fehlt, der ihnen sagen könnte, wie ähnlich sie sich eigentlich sind.“
Schon bald wird der tiefe Graben zwischen Estland und Russland so sichtbar sein wie selten im Jahr: Wenn in Narva und der gegenüberliegenden russischen Stadt Iwangorod der 9. Mai begangen wird. An diesem Tag feiert Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Für Estland markiert dieser Tag den Beginn einer erneuten sowjetischen Besatzung. Vom russischen Ufer aus werden Militärmusik und Reden über den Fluss Narva schallen. Am estnischen Ufer wird man den Europatag feiern – als Zeichen für Frieden und Zusammenarbeit zur Überwindung von Kriegen in Europa.
Juli Schulz schreibt Reportagen und Radiofeatures. Zuletzt war sie Stipendiatin der Summer School on Investigative Reporting in Riga. Ihre Recherchen führen sie regelmäßig ins Baltikum, vor allem in die Grenzgebiete zwischen Estland und Russland.
Quelle: Google Earth
Quelle: Estnisches Grenzschutzamt
Quelle: Estnisches Innenministerium
Quelle: DIGAR
Quelle: Hall’s Journal of Health
Quelle: shortl.ee
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