Alternative Italienreise: Hier also blühen sie

Die italienische Amalfiküste ist berühmt für ihre aromatischen Zitronen, aber das Leben dort ist längst nicht so süß wie deren Fruchtfleisch.

Luigi Aceto trägt einen Korb mit Zitronen

Die Zitronenplantage der Familie Aceto Foto: Gianni Cipriano/NYt/Redux/laif

Steile Felsen, enge Buchten, Terrassen voller Wein und Zitronen, kleine Städtchen, Paläste, Kirchen und in den Berg geschlagene Klöster – die vierzig Kilometer lange Amalfiküste ist das real existierende Italienklischee. Schon in den 50er Jahren war die Gegend ein touristischer Hotspot, im Laufe der Zeit wuchs ihre Beliebtheit sogar noch: Vor der Pandemie kamen Hunderttausende Touristen pro Jahr an den Küstenstreifen nahe Neapel, darunter viele aus den USA, aber auch aus Deutschland. Über die enge, kurvige Küstenstraße mit ihren imposanten Ausblicken auf das Tyrrhenische Meer und das Lattarigebirge quälen sich täglich zahllose Reisebusse. Darin: Tagestouristen, die für ein paar Stunden die hübschen Ortschaften fluten.

Das gesamte Gebiet umschließt 11.231 Hektar zwischen dem Golf von Neapel und dem Golf von Salerno und wird von der Unesco als Weltkulturerbe geschützt. Das Rückgrat dieser felsigen Kulturlandschaft sind die Terrassen, auf denen Wein und Zitronen wachsen. Die Anbaufläche in Hanglage muss seit Generationen gehegt, gepflegt und kultiviert werden: Trockenmauern aus Tuffkalk geben dem Hang Stabilität, damit es nicht zur Erosion kommt. „Wir sind die letzten Verteidiger der Umwelt hier“, sagt Salvatore Aceto. „Immer ist etwas zu tun. Wenn man nicht eingreift, stürzen die Mauern ein.“

Aceto ist Zitronenbauer in sechster Generation. Die Steilhänge der Amalfiküste seien eine Herausforderung, das Zitronenpflücken anstrengende Handarbeit. „Es ist ein harter Job, den die Italiener nicht mehr machen wollen“, sagt er. Ukrainer leisten bei ihm die Schwerarbeit. Die aufwendige Pflege und Ernte der Zitronen macht diese teuer, der Ertrag ist überschaubar.

Um wirtschaftlich überleben zu können, hat Aceto daher ein zweites Standbein: Er führt Touristen durch die Terrassen, seine Frau bewirtet die Gäste im Zitronenhain. Die gelbe Zitrone hat das Bild der Amalfiküste geprägt, sie ziert Stoffe, Decken, Porzellan. Die Schale ist etwas dicker, das Weiße nicht bitter, sondern voller Aroma. Die Amalfizitrone ist purer Saft mit einer süßlichen Note, genau wie ihr Verkaufsschlager: der Limoncello, ein Zitronenlikör.

Authentisch muss es sein

Zwei Eiswürfel, ein Schuss Limoncello, die dreifache Menge Prosecco, bei Bedarf noch Mineralwasser und etwas Zitronenmelisse als Deko – fertig ist der Limoncello Spritz. Valentino Esposito mixt den Sommerdrink in seinem Limoncello-Geschäft oberhalb von Positano. Das, so versichert er, sei der authentische Geschmack der Amalfiküste.

Salvatore Aceto, Zitronenbauer

„Es ist ein harter Job, den die Italiener nicht mehr machen wollen“

Und authentisch muss es sein, das ist das neue touristische Ideal. Schon länger haben die Reisenden genug von überfüllten Orten und Sehenswürdigkeiten, durch Corona wurden sie zusätzlich sensibilisiert. Unter dem Namen „Authentic Amalfi Coast“ will nun ein Netzwerk aus Dutzenden privaten Unternehmen, Veranstaltern von Wandertouren, Gastronomen, Olivenölproduzenten, Biobauern und kommunalen politischen Akteuren – bereits 14 Gemeinden sind dabei – nachhaltige Reiseangebote entwickeln.

Es ist der Versuch, den Tourismus zu diversifizieren und breiter aufzustellen. Das soll zu einer besseren Verteilung der Reisegäste in der Region führen und mehr einheimische Produzenten auch im Hinterland mitverdienen lassen. Wanderungen, Fahrradtouren, Kulturreisen, Kulinarisches oder Tierbeobachtung setzen verschiedene Schwerpunkte.

Wie mehr Nachhaltigkeit erreicht werden soll, erklären zwei einflussreiche Bürger der Region: Andrea Ferraioli, Hotelier in Praiano und Präsident der lokalen Vereinigung für Tourismusentwicklung, und Daniele Milano, der Bürgermeister von Amalfi. Sie sind sich einig: Der Verkehr ist die Achillesferse einer neuen Tourismuspolitik. Und die dringlichste Aufgabe. In Hunderten Kurven windet sich die Amalfi­tana von Positano nach Vietri sul Mare. Sie ist die einzige Straße, die die Küste entlangführt, eine enge Achterbahn über steilen Abhängen, auf der nicht nur die waghalsigen Motorradfahrer Unfälle bauen. In der Hochsaison ist zudem der alltägliche Stau im Zitronenhimmel vorprogrammiert.

Ohne Reservierung keine Zufahrt

Angedacht sei nun ein Konzept für ein Parkleitsystem und ein Monitoring entlang der Küste. Es solle nur noch denjenigen Zutritt zur Amalfita­na gewährt werden, die verbindlich einen Parkplatz reserviert haben, sagt der Bürgermeister. Außerdem wolle man den Verkehr verstärkt auf emissionsarme Fähren umlegen. „Bei uns herrscht viel Individualismus“, sagt Andrea Ferraioli auf die Frage, wie weit es mit der konkreten Umsetzung sei. Doch inzwischen sei der Leidensdruck sehr groß. „Wir sind dabei, ernsthaft neue Wege zu diskutieren“, versichert er.

„Wir brauchen ein Netz aus Wanderwegen. Damit diese nicht in Sackgassen enden, sondern die Leute auf ausgeschilderten Wegen von Dorf zu Dorf laufen können“, sagt der Wanderführer Peter Hoogstaden. Das beende zwar nicht den katastrophalen Verkehr auf der Küstenstraße, aber es sei ein Schritt in Richtung eines anderen touristischen Angebots. Allerdings sei es ihm in den vergangenen Jahren kaum gelungen, einzelne Lokalpolitiker für kleinere Landschaftsprojekte zu begeistern, fügt er skeptisch hinzu: „Hier und da wurde ein Naturpfad beschildert. Doch ist ein Weg erst eingeweiht, interessiert sich keiner mehr für seinen Zustand.“

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Der Niederländer lebt seit Jahren an der Amalfiküste. „Wir sollten die Saumpfade der Bauern nutzen. Darein muss man investieren“, sagt er. Wandertourismus liege im Trend, er sei längst keine Nische mehr. Inzwischen hätten auch die politisch Verantwortlichen das Problem zumindest erkannt: Hoogstaden ist beauftragt, zusammen mit Experten einen Plan zur Entwicklung und vor allem auch zum Erhalt der Wanderwege auszuarbeiten.

Beim Wandern Wildrauke und Rosmarin sammeln

Der 40 Jahre alte Giacomo Miola führt seine Gäste auf dem „Pfad der Götter“ – vorbei an abstürzenden Terrassen, die niemand mehr pflegt – hinauf zum Kloster San Domenico mit weitem Blick aufs Meer. Der treppenreiche Weg schlängelt sich von Praiano weiter bis Positano. „Gastronomic Trekking“ nennt Miola seine Touren, auf denen er Salbei, Wildrauke und Rosmarin sammelt, um diese später gemeinsam mit seinen Gästen zu köstlichen Gerichten zu verarbeiten.

Miola ist in Montepertuso geboren und dann wie viele zum Studium nach Norditalien gezogen. Aus der Ferne habe er die Schönheit seiner Heimat schätzen gelernt. Er kam mit neuen Ideen zurück, ist heute Vizepräsident von Slow Food Italia. Mit seinem Angebot will er vor allem die Produzenten von Käse und Wein und die lokalen Fischer und Bauern fördern und stärker in das Tourismusgeschäft einbeziehen.

„Der Tourismus sollte im Austausch mit den lokalen Produzenten stehen“, sagt er. „Nur so ergibt er Sinn für eine Region. Wir dürfen nie vergessen, dass wir von der Landwirtschaft kommen.“ Heute komme ein Großteil des Käses aus Deutschland, Fisch werde importiert. Landwirtschaft und Fischerei seien für die wenigsten hier rentabel. Das müsse sich ändern.

Und eigentlich müssten die verbliebenen Terrassenbauern wie Salvatore Aceto, die mühsam ihre Anbauflächen kultivieren, als Landschaftspfleger vergütet werden. Denn sie sind es, die die über Jahrhunderte gewachsene Schönheit der Amalfiküste erhalten.

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