Eine Frau mit Mundschutz tanzt mit einem alten mann

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Altenpflege in Zeiten von Corona:Wenn Nähe töten kann

Pflege ist die intimste Dienstleistung – nun ist sie gefährlich. Angehörige, Pflegekräfte und Heimleitungen müssen bittere Entscheidungen treffen.

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7.4.2020, 11:20 UHR

Wenigstens die beiden Papageien sind noch da. Mia und Jaco stolzieren frei in der Wohnung der Sommers herum. „Die Haustiere sind meine Freude“, sagt Gabriele Sommer, „jeden Morgen gehen sie in Wilfrieds Zimmer, schauen nach ihm. Jaco setzt sich auf seine Bettkante.“ Die knallbunten Vögel sind der einzige Lichtblick, denn jetzt ist für Sommer durch das Coronavirus, „alles an Hilfe weggebrochen. Die extreme Isolation, dass sich keiner mehr kümmert, das ist das Schlimmste“, sagt die 67-jährige Heilpraktikerin aus Tübingen.

Sommer pflegt ihren Mann und ihre Mutter in der Wohnung im dritten Stock eines Hauses ohne Aufzug. Sie führt einen von Zehntausenden Pflegehaushalten in Deutschland, in denen durch das Virus die Infrastruktur zusammengebrochen ist. Wie organisiert man Dienstleistungen, die Körpernähe erfordern, in einer Zeit, wenn gerade diese Nähe tödlich für die Schwerkranken sein kann?

Wilfried Sommer, 71, ein ehemaliger Fotojournalist, ist seit einem Herzinfarkt mit Herzstillstand vor zehn Jahren ein Pflegefall, Pflegegrad 5, das ist der höchste Grad. Er ist nicht dement, er kann sprechen und reagieren. Wenn im Fernsehen die politische Satire-Sendung „Die Anstalt“ läuft, scheint er manche der Sketche zu verstehen, sagt seine Frau.

Doch Sommer hat Spastiken in Armen und Beinen, sitzt im Rollstuhl, ist oft desorientiert, ist inkontinent, kann nicht alleine sein. Auch um ihren Mann zu schützen, möchte seine Frau nicht, dass das Ehepaar mit seinem richtigen Namen in der Zeitung steht.

Hände in Schuzhandschuhen waschen alte Hände

Pflege lebt auch von körperlicher Nähe Foto: Ute Grabowsky/photothek/imago

Gabriele Sommer, die früher einmal zwei gut gehende Praxen als Heilpraktikerin führte, gab den Beruf auf, um sich ganz der Pflege ihres Mannes zu widmen. Vor vier Jahren kam noch ihre Mutter, heute 88 Jahre alt und bettlägerig, als Pflegefall hinzu. Kinder haben die Sommers nicht.

Die Tagespflege ist dicht

Immer gab es auch HelferInnen. Zweimal in der Woche kam der Physiotherapeut ins Haus, machte mit Wilfried Sommer Steh- und Gehübungen. Ein Ergotherapeut erschien ebenfalls zweimal in der Woche, trainierte Gedächtnis und Koordination. Einmal wöchentlich klingelte der Fahrdienst und hievte Sommer und seinen Rollstuhl drei Stockwerke die Treppen hinunter, dann ging es ab in die Tagespflegestelle, eine willkommene Abwechslung.

Eine Person vom Betreuungsdienst schaute für hauswirtschaftliche Hilfen regelmäßig vorbei. Und „ganz, ganz wichtig“, so Sommer, war die Dame vom Hospizdienst, jede Woche kam sie, eine zugewandte, geschulte Ehrenamtliche. Sie hörte der Ehefrau zu, ohne Ratschläge zu geben. „Da konnte ich meine Wut und meinen Frust ausdrücken. Ich konnte ihr erzählen, wie toll mein Mann sein kann, aber auch wie unendlich schwierig“, sagt Sommer. Vorbei, vorbei.

Die Bedürftigen: In Deutschland gibt es 3,4 Millionen pflegebedürftige Menschen, so das Statistische Bundesamt im Jahre 2018 in der zweijährlich erscheinenden Pflegestatistik. Eine neuere Statistik liegt noch nicht vor.

Pflege daheim: 2,59 Millionen dieser Pflegebedürftigen wurden zu Hause versorgt. Davon wurden 1,76 Millionen allein durch Angehörige gepflegt, manchmal mit Unterstützung von osteuropäischen privat finanzierten Pflegekräften. Die Zahl der HelferInnen aus Osteuropa in Privathaushalten wird auf 150.000 bis 300.000 geschätzt. 830.000 Pflegebedürftige wurden zu Hause mithilfe oder vollständig von ambulanten Pflegediensten (Sozialstationen) versorgt, deren Leistungen über die Pflegeversicherung abgerechnet werden. Es gibt 14.100 ambulante Pflegedienste.

Pflege im Heim: Rund 800.000 Menschen leben in Heimen. Dazu stehen in der Bundesrepublik 14.500 Pflegeheime zur Verfügung. (taz)

Die Tagespflegestelle ist wegen Corona geschlossen. Der Physiotherapeut kommt auch nicht mehr, der Ergotherapeut bleibt weg, denn beide „verfügten über keinerlei Schutzausrüstung“, sagt Sommer. Sie hatte Angst, dass die Helfer das Virus einschleppen könnten und bat sie, nicht mehr zu erscheinen. Auch die Frauen vom Betreuungsdienst sind verschwunden. Und die Dame, die so gut zuhören konnte, hat vom Hospizdienst die Anweisung erhalten, ihre Besuche einzustellen. „Wir bekommen nichts, keinen Mundschutz, keine Desinfektionsmittel, nicht mal Informationen“, sagt Sommer. Auch die Reporterin kann aufgrund der Pandemie nicht ins Haus kommen, sondern nur telefonieren.

„Die pflegenden Angehörigen werden übersehen, auch jetzt in der Coronakrise“, sagt Elke Zacharias. Sie gehört zum Verein der „Pflegenden Angehörigen“ mit Sitz im bayerischen Amberg und hilft, eine Petition zu verbreiten. Der Gesundheitsminister ignoriere, dass für Millionen von sorgenden und pflegenden Angehörigen durch Corona viele Hilfen, wie die Tagespflege und Haushaltshilfen, wegbrächen, dass Mundschutz, Desinfektionsmittel, Handschuhe ausgingen und dass die Angehörigen „unglaubliche Ängste“ um die Pflegebedürftigen ausstünden, die ja zur Hochrisikogruppe gehörten, heißt es in der Petition, die vor allem als Mahnung zu verstehen ist.

Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen stecken tief im Dilemma: Sie brauchen Hilfe, doch genau die kann auch tödlich sein. Diese Ängste kennt Christoph Girlich, gelernter Krankenpfleger und Pflegedienstleiter in der Caritas-Sozialstation Pankow Nord in Berlin, nur zu gut. „Es gibt Klienten, die die Pflegekräfte nicht mehr reinlassen, wenn sie ohne Mundschutz kommen“, berichtet Girlich. Vor Corona war ein Mundschutz unüblich in der ambulanten Altenpflege. Einmalhandschuhe gehören immerhin schon zum Standard.

Christoph Girlich, Caritas Berlin

„Es gibt Klienten, die die Pflegekräfte nicht mehr reinlassen, wenn sie ohne Mundschutz kommen“

Manche Pflegehaushalte haben Leistungen der Sozialstation gekündigt, die nicht überlebensnotwendig sind, wie etwa Hilfe beim Baden, im Haushalt, schildert der Pflegedienstleiter, der über 50 MitarbeiterInnen verfügt. Die KundInnen haben Angst, dass die HelferInnen das potenziell tödliche Virus in die Wohnung bringen könnten. „Nahezu alle unsere Klienten gehören zur Risikogruppe, wir haben niemanden, der jünger ist als 75 Jahre“, sagt Girlich. Doch es gibt auch die andere Seite: Viele KlientInnen sind „froh, dass wir überhaupt noch kommen“, erzählt Girlich. Die PflegerInnen könnten ja auch wegen Corona ausfallen.

Auch in der Sozialstation werden Desinfektionsmittel, Handschuhe und Mundschutz knapp. Der Vorrat reiche nur noch für 7 bis 14 Tage, berichtet Girlich. Die Pflegeverbände haben dramatische Appelle an die Politik gerichtet, weil es bei den ambulanten Diensten und in Heimen an Schutzmaterial mangelt.

Private Spender, die noch selbst Desinfektionsmittel oder Einmalhandschuhe übrig hatten, etwa nach einem Todesfall, brachten diese nach einem Aufruf bei Girlichs Sozialstation vorbei. Ehrenamtliche bieten an, Masken zu nähen. „Ich bin dabei, Stoffe zu besorgen“, erzählt Girlich. Er fand ein Kurzwarengeschäft in der Nachbarschaft, das noch Baumwollstoff vorrätig hatte, kochfest, gut geeignet. In Notzeiten ist Improvisation gefragt.

Die einfachste Maske ist ein Mund-Nasen-Schutz, auch MNS genannt, ein in Falten gelegtes Vlies vor Mund und Nase, wie man es aus Arztfilmen kennt. Er verhindert nur, dass die Pflegekraft ihre Kundin anhusten oder durch ein paar Tröpfchen Spucke oder Nasenschleim infizieren könnte. Der Schutz bewahrt die TrägerInnen nicht davor, sich das Virus selbst einzufangen und auf irgendeine andere Weise weiterzugeben.

Notstand im St. Elisabeth-Stift

„Niemand möchte selbst zum Überträger werden“, sagt Petra Roth-Steiner, Pflegedienstleiterin im St.-Elisabeth-Stift in Berlin-Prenzlauer Berg. In dem Haus mit 100 Betten und 68 MitarbeiterInnen legen die MitarbeiterInnen in der direkten Versorgung jetzt den Mundschutz an, was früher unüblich war. Nach den Todesfällen in Seniorenheimen in Würzburg, Wolfsburg und anderswo, wo sich Sars-CoV-2-Virus rasend verbreitete und Dutzende von alten Menschen starben, stehen die Heime unter ganz besonderem Druck.

Der Lieferant habe einen Engpass in der Schutz­ausrüstung gemeldet, berichtet Roth-Steiner. Das St.-Elisabeth-Stift setzt jetzt auf Hilfe und Verteilung von Schutzmaterial durch den Träger, die Stephanus-Stiftung. Ehrenamtliche haben auch hier angeboten, in Heimarbeit Masken zu nähen.

Der einfache Mund-Nasen-Schutz ist allerdings etwas anderes als eine komplette Schutzausrüstung, die Träger und Patienten gleichermaßen und umfassend vor einer Infektion bewahrt. In einem solchen Schutzanzug trägt man eine Schutzbrille und Schutzmasken der Kategorie FFP 2 oder FFP 3 mit dichtem Filterstoff und eingebautem Ventil. Wer eine FFP-3-Maske aufzieht, spürt sofort, dass das Atmen schwerer fällt.

Die normale Pflege von Dutzenden PatientInnen quasi prophylaktisch mit FFP-2-Masken, Schutzbrillen und Einmalkitteln durchzuführen, die beständig gewechselt oder desinfiziert werden müssten, ist ein Ding der Unmöglichkeit, zumal das Material dafür gar nicht vorhanden ist. Manchen Demenzkranken macht es schon jetzt Angst, wenn eine Pflegerin mit Mundschutz auftaucht. Das St.-Elisabeth-Stift verfüge über zwei komplette Schutzausrüstungen, die aber nur zum Einsatz kämen, falls jemand tatsächlich Symptome zeigt und eine komplette Isolierung notwendig sei, sagt Roth-Steiner. Dies ist bisher in dem Heim noch nicht geschehen.

Petra Roth-Steiner, Pflegedienstleitung

„Wir versuchen Telefonanrufe zu arrangieren, so dass die Bewohner die Stimme des Angehörigen hören“

Folgenreich ist die Kontaktsperre auch für die Angehörigen. In der Anfangsphase von Corona wurden Besuche nur eingeschränkt, doch jetzt, nach den Todesfällen in mehreren Einrichtungen, sind Besuche in Heimen fast überall komplett untersagt, auch im St.-Elisabeth-Stift. Eine Ausnahme wird hier nur für Sterbende gemacht.

„Das ist auf der emotionalen Ebene sehr schwierig“, sagt Roth-Steiner, „wir versuchen, Telefonanrufe zu arrangieren, so dass die Bewohner die Stimme des Angehörigen hören.“ Es gebe auch Versuche, über Skype einen Kontakt zu Angehörigen herzustellen. Manche Demenzkranken, die oft schon im Alltag genug Probleme haben, ihre Tochter oder den Sohn zu erkennen, könnten mit einem kleinen Bild auf dem Tablet aber nichts anfangen.

Angehörige verstehen zum Teil nicht, warum sie nicht die alte Mutter im Rollstuhl mal eben abholen können für eine Runde durch den Park. „Wir können leider keine Ausnahmeregeln zulassen“, sagt Roth-Steiner. Das Risiko, schon über eine Berührung könne das Virus eingeschleppt werden und unter den Hochrisikopatienten ein Massaker anrichten, wiegt einfach zu schwer.

„Die Einrichtungen entscheiden sich im Zweifelsfall für die weitestgehende Auslegung des Besuchsverbots“, sagt David Kröll, Sprecher des Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA) mit Sitz in Bonn. Der Verband hat eine noch unveröffentlichte Umfrage unter 500 Angehörigen der Pflegebedürftigen zu diesem Thema durchgeführt.

80 Prozent der Befragten erklärten, vor dem Verbot mehrmals in der Woche oder sogar täglich zu Besuch in die Einrichtungen gekommen zu sein. 67 Prozent befürchteten, dass das Personal „die erforderliche Pflege und Betreuung nicht leisten“ könne ohne die Unterstützung durch die Angehörigen.

Ein Zettel mit einem Stoppschild hängt an einer Glastür

Kein Eintritt für die engsten Verwandten:Aushang an einer Pflegeeinrichtung in Würzburg Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Kröll berichtet von einer Tochter, die ihrer Mutter in der Einrichtung immer abends beim Essen und Trinken geholfen hat. Die Unterstützung beim Essen und Trinken, also Brot kleinschneiden, Löffel darreichen, Becher ansetzen, ist die aufwendigste Arbeit im Heim, oft fehlt dem Pflegepersonal dazu die notwendige Zeit. Angehörige, die dabei regelmäßig mithelfen, sind normalerweise hochwillkommen.

Die Tochter darf wegen des Kontaktverbots nicht mehr erscheinen. Einige Tage später kam ihre Mutter vom Heim ins Krankenhaus auf die Intensivstation, erzählt Kröll. Die alte Dame war vollkommen ausgetrocknet.

Dem BIVA erzählten die Angehörigen von ihren Sorgen, nun nicht mehr zu wissen, wie es der hochaltrigen Mutter im Heim ergehe. Manche BewohnerInnen gehen ans Fenster, wo die Angehörigen von draußen versuchen, sich rufend mit ihnen zu verständigen. So verwandelt Corona die Heime in Gefängnisse.

Ehrenamtliche fallen aus

Das Pflegepersonal gerät durch das Kontaktverbot noch mehr in Stress als ohnehin schon. Die Ehrenamtlichen in den Heimen fallen weg. Die ängstlichen BewohnerInnen müssen beruhigt werden, und nun muss man auch noch aufgebrachte Angehörige besänftigen. Und das alles mit der Sorge, als Pflegekraft bloß nicht selbst zum Überträger zu werden und den GAU zu verursachen, nämlich das Einschleppen des Virus. Dabei fahren PflegerInnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit, sie gehen einkaufen, versorgen ihre eigene Familie zu Hause.

Nur im engsten Kontakt mit einer immer gleichen Pflegeperson, die sich selbst isoliert, könnten PatientInnen relativ sicher sein. Diese Isolation zu zweit existiert in manchen Pflegeverhältnissen, nämlich dann, wenn Betreuerinnen aus Osteuropa in deutschen Haushalten leben. „Die Betreuerinnen und die Pflegebedürftigen bilden gewissermaßen eine Einheit“, sagt Renata Föry. Sie ist Geschäftsführerin von seniocare24, einer Agentur mit Sitz im pfälzischen Kandel, die Hilfskräfte vor allem aus Polen in deutsche Haushalte vermittelt.

Viele dieser Hilfskräfte sind in Schwarzarbeit ohne jeden Versicherungsschutz tätig. Tausende werden aber auch als „entsandte“ Kräfte über Agenturen vermittelt und genießen damit zumindest einen Sozialversicherungsschutz, in manchen Fällen sogar bei einer deutschen Krankenversicherung.

Als die Coronakrise kam, kehrten manche dieser Pflegekräfte überstürzt in ihre Heimat nach Polen oder Rumänien zurück, um bei ihren Familien zu sein und nicht unter möglichen Grenzsperrungen zu leiden. „Etwa zehn Prozent der Pflegekräfte sind einfach abgereist“, berichtet Föry, die aktuell über ihre Agentur etwa 2.000 dieser Helferinnen in der Vermittlung hat.

Die polnischen Pflegekräfte bleiben weg

Normalerweise wechseln die Frauen im Turnus von einigen Monaten und gehen so immer wieder vorübergehend in die Heimat zurück, während andere nachkommen. Doch die Einreise nach Deutschland ist schwierig geworden. Früher reisten neun Frauen in einem Kleinbus, jetzt sitzt nur noch eine in einer Dreierreihe, wegen der Ansteckungsrisiken, erzählt Föry. „Wir appellieren jetzt an die Frauen, die schon da sind, dass sie länger bleiben.“ Eine Art Corona-Bonus von 300 Euro soll die Betreuerinnen in den Familien halten. Um die 2.000 Euro im Monat und mehr kostet eine solche Hilfskraft über eine Agentur, inklusive Vermittlungsgebühr.

Föry führt jetzt Wartelisten, denn viele Haushalte fragen bei ihr an, weil eine Versorgung durch die billigeren Schwarzarbeitskräfte schwierig geworden ist. Die Grenzbehörden fordern von den Einreisenden genauere Angaben, wo und für wen sie in Deutschland arbeiten, das schreckt Illegale ab. Auch möchten viele Frauen wegen der Infektionsgefahr nicht mehr nach Deutschland kommen.

Wer sich eine private Pflegekraft aus Polen wünscht, muss sich auf die neue Situation einstellen. „Wir sagen den Anfragenden, dass sie vielleicht Kompromisse machen müssen. Wenn sie nur eine Dame mit Führerschein und perfektem Deutsch akzeptieren, können wir jetzt nicht immer helfen“, berichtet Föry.

Die Agenturchefin schaltet in Polen Werbung, um neue Betreuer und Betreuerinnen zu gewinnen. Durch die Coronakrise verloren auch dort viele Menschen ihre Arbeit. Für manche SaisonarbeiterInnen in der Ernte ist die Arbeit in Deutschland schwierig bis unmöglich geworden. An sie richtet sich die Werbung. „Wir aktivieren auch Männer“, sagt Föry. Schließlich gibt es viele Haushalte mit männlichen Pflegebedürftigen, die Hilfskräfte des gleichen Geschlechts akzeptieren. „Das Problem ist die Schulung“, erklärt die Agenturchefin. Sie ist mit Pflegediensten darüber im Gespräch.

„Corona bringt viel zutage“, sagt Gabriele Sommer aus Tübingen, die ihren Mann und ihre Mutter pflegt. Sie kennt die Vorschläge, den Corona-Spuk dadurch zu beenden, indem man den Jüngeren wieder alle Freiheiten lässt, ihre Infektionsrisiken hinnimmt und die Alten dazu anhält, sich länger streng zu isolieren. „Ich halte das für fragwürdig“, sagt Sommer, „wenn mehr Jüngere infiziert sind, steigt das Risiko für Ältere und Vorerkrankte.“ Die müssen dann noch mehr Angst haben vor jedem Kontakt nach draußen. Und die Isolation ist doch schon jetzt ihr größtes Problem.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

wir pausieren vorübergehend die Kommentarfunktion: Wir freuen uns darauf, bald wieder von Euch zu hören.

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Bis dahin wünschen wir Euch eine gute Zeit!
Eure taz