Alltag mit Migrationshintergrund: Moritz Moppelpo böllert nicht

Meine Kinder erfüllen die Erwartungen, die an ihren Migrationshintergrund gekoppelt sind, oft nicht. Alltägliche Diskriminierung erlebe ich trotzdem.

Ausgebrannte Böller und Raketen liegen in der Duisburger Innenstadt auf der Strasse.

Böller am 1.1.23: wer auch immer ihn angezündet hat – der Migrationshintergrund spielte keine Rolle Foto: dpa | Thomas Banneyer

Die Jungs mit Migrationshintergrund, mit denen ich zusammenwohne, wollten dieses Jahr gar nicht böllern. Ich war ein bisschen enttäuscht, weil ich – entgegen aller ökologischen Vernunft und Empathie für unsere Haustierchen – eine heimliche Schwäche für Verschwendung und bunt explodierendes Zeug habe. In unserem Viertel hat es trotzdem ganz ordentlich gerummst.

Und das mit dem Migrationshintergrund erwähne ich nur hier, weil es mein allerliebstes Beispiel dafür ist, wie schwachsinnig diese Kategorisierung ist. Der gängigen Definition nach haben sie den aber: Der Papa wurde nicht in Deutschland geboren, das reicht schon. Wann immer sich also so eine Kita-Leiterin oder Grundschullehrerin hinstellte und etwas von 85 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund im aktuellen Jahrgang schwadronierte und so tat, als müsste sie dafür eigentlich eine Erschwerniszulage bekommen – dann wusste ich, da werden sie mit reingerechnet, meine Jungs.

Man merkte das dann auch immer in den allerersten Elterngesprächen, wenn diese Pädagoginnen überschwänglich ihren großen Wortschatz und ihr exzellentes Ausdrucksvermögen lobten, weil sie etwas anderes erwartet hatten.

Jeder Wutanfall wurde allerdings quittiert mit: „Nun ja, das Temperament …“, obwohl wir uns familienintern nicht ganz sicher sind, wessen nationales Erbe das nun eigentlich ist. Mir war vor meiner Heirat ja gar nicht klar, wie oft italienischen Männern unterstellt wird, dass sie besser fühlen als denken können. Also vor allem von Menschen, die ihre eigenen cholerischen Werturteile für total rational halten. Aber das ist ein anderes Thema.

Was genau halbiert sich beim Halb-Deutsch-Sein?

Die Freude über den Wortschatz legte sich in der Regel schnell wieder: Schon im zweiten oder dritten Elterngespräch fragte man eher, ob ich zu Hause viel herumdiskutieren würde. Das war natürlich eher als Kritik denn als Frage gemeint. Die Antwort „Nö, bei uns macht eh jeder, was er will“ finden Pädagoginnen übrigens nicht so lustig wie ich.

Wirklich verblüfft hat mich einmal eine Kinderärztin, bei der wir vertretungshalber waren. Wir sprachen übers Töpfchentraining, während mein Sohn interessiert in einem Bilderbuch blätterte. Und die Frau sagte tatsächlich (ganz langsam und betont deutlich): „Sehen Sie, man kann ja auch einmal so ein Buch vorlesen.“

Ich muss sie ein ganze Weile verwirrt angeglotzt haben, weil ich wirklich nicht begriff, was sie meinte, hatte ich doch das Bild der überquellenden Ikea-Regale zu Hause im Kopf, in denen sich selbstverständlich nicht nur regalmeterweise Erziehungsratgeber, sondern auch „Der kleine Klo-König“, „Moritz Moppelpo braucht keine Windel mehr“ und „Pipileicht, mein Töpfchenbuch“ befanden. Aber sie hatte mich eben als junge, bildungsferne ­Migrantenmutti eingestuft, was ihr schon kurz darauf unsäglich peinlich war.

Es ist natürlich auch ein Privileg, solche Dinge höhnisch weglachen zu können – weil mein ehemals angeheirateter Migrationshintergrund vergleichsweise chic ist und ich mich im Zweifel zu wehren weiß. Co-Mütter, die Belgin, Hanife, Fatma, Jekaterina oder Ljudmila heißen, können sich diesen Luxus nicht leisten. Deren Söhne trifft die alltägliche Diskriminierung auch härter.

Einmal habe ich einen AfD-Politiker gefragt, was genau sich denn da eigentlich halbiert, wenn meine Söhne in seinen Augen nur als „halbe Deutsche“ gelten. Die Antwort war: Wenn der Bürgerkrieg kommt (!), können die ja einfach abhauen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht glaube, dass Loyalität am Genom oder Pass klebt: Irgendwie tröstlich der Gedanke, dass so eine Zweitkultur vielleicht wenigstens davor schützt, neben totalen Vollidioten zum Kanonenfutter zu werden.

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Niedersachsen-Korrespondentin der taz in Hannover seit 2020

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