: Allgemeingut an der frischen Luft
Aus dem Netz auf die Buchseite: Andrea Möller, die Frau hinter dem „Kunstflâneur“, stellt 63 Kunstwerke im öffentlichen Hamburger Raum vor
Foto: Enver Hirsch
Von Bettina Maria Brosowsky
Kostenlos, barrierefrei und rund um die Uhr zugänglich: Der „Kunstflâneur“ ist laut eigenen Worten „das einzige Online-Magazin für zeitgenössische Kunst und Baukultur in Hamburg und Norddeutschland“. Neben Social-Media-Bespielung und einen Newsletter alle 14 Tage tritt zum fünfjährigen Jubiläum nun ein gedrucktes Buch: In „Kunst entdecken im öffentlichen Raum“ stellt Andrea Möller 63 persönliche Hamburger Lieblingsorte vor.
Alle Kunstwerke im Buch (und einige mehr) hatte sie in ihrem Newsletter vorgestellt. Neu ist die visuelle Präsentation durch Enver Hirsch, der die meisten Orte und Objekte mehrmals aufgesucht hat. Aus der Flâneurs- also Fußgängerperspektive, aber auch aus teils stark erhöhtem Standpunkt erfasst er in präziser Totale wie in verdichtenden Details das Charakteristische jedes Objekts. Mitunter sind vereinzelte, manchmal verpixelte, in der Regel aber gar keine Menschen mit im Bild, was den Fotos eine etwas entrückte Aura verpasst.
Mit Künstler:innen am Bau ging es los
Kunst im öffentlichen Raum hat in Hamburg Tradition. Ab den 1910er-Jahren zog Oberbaudirektor Fritz Schumacher (1869–1947) stets lokale Künstler:innen für die Ausgestaltung öffentlicher Bauten hinzu. Definitorisch war das Kunst am Bau; dafür listet das Buch nun auch einige sehr viel jüngere Beispiele, etwa Suse Bauers Arbeit „Blister“ (2018) in den denkmalgeschützten „Stadthöfen“ – bekannter unter der Bezeichnung „Stadthaus“ und einst Hamburgs Gestapo-Zentrale.
Im Jahr 1981, bewusst als Schritt in eine demokratische Stadtkultur, startete Hamburg das Bewerbungsprogramm „Kunst im öffentlichen Raum“ und löste damit den verpflichtenden Auftrag zur Kunst am Bau ab. 2013 stellte die Kulturbehörde dann erstmals eine „Stadtkuratorin“ vor, die in konkreten Projekten städtische und gesellschaftliche Fragestellungen ausloten soll.
Aber nicht nur das: Vier internationale Gartenbauausstellungen ab 1953, Festivals zu Street Art und urbanen Künsten, Freiluftprogramme verschiedener Institutionen, auch der Architektursommer hinterließen ihre Relikte im öffentlichen Raum. Manchmal auch ganz beiläufig, etwa die Pflanzeninseln von Tita Giese aus dem Jahr 2000. Daneben fand humorvoll Irritierendes wie der hochbeinige „Direktor (Herrentasche)“ von Erwin Wurm in der Einkaufsmeile Mönckebergstraße den Weg ins Buch, die vier Bojenmänner von Stephan Balkenhol auf Hamburgs Gewässern und die Posse um den einzigen Banksy Hamburgs, entstanden 2002.
Auch kommemorative Plastik, die der Schrecken des NS-Regimes gedenken will, führt Möller an: das „Mahnmal gegen Faschismus, Krieg und Gewalt“ von Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz in Harburg, Lilli Fischers Installation „Kinder vom Bullenhuser Damm“, die schwarze Wand von Sol LeWitts „Black Form – Dedicated to the Missing Jews“ vor dem Rathaus Altona. Oder Thomas Schüttes „Tisch mit 12 Stühlen“ in einer Niendorfer Grünanlage, am nördlichen Stadtrand: Elf backsteinerne Throne tragen die Namen ermordeter Widerstandskämpfer, der freie zwölfte Platz lädt zur Selbstreflexion ein. „Überaus gelungen“, so die Autorin – wenngleich „leider recht wuchtig und wenig einladend“.
Ein seltener Anflug von Kritik. Aber das Buch ist Teil der Reihe „Wochenender“, Ausflugs-, Hotel- und Restauranttipps verpflichtet. So lenkt es den Blick auf oft Unbemerktes und fördert das entschleunigte „Flânieren“ als zutiefst städtische Mobilitätsform. Und es fordert dazu auf, das große künstlerische Allgemeingut einmal wirklich ernsthaft zu würdigen.
Andrea Möller: „Kunst entdecken im öffentlichen Raum. Mit dem Kunstflâneur durch Hamburg“. Wochenender-Buch/Frenz Verlag, Hamburg 2026. 192 Seiten (Texte auch in Englisch), 24 Euro
Ausstellung „Auf Dauer nur wir selbst. 40 Jahre Harburger Mahnmal gegen Faschismus“: seit 8. 10., Archäologisches Museum Hamburg/Planet Harburg, Herbert-und-Greta-Wehner-Platz Bettina Maria Brosowsky
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