Algerien kappt Beziehungen zu Marokko: Es knirscht im Maghreb

Algerien hat die diplomatischen Beziehungen zu Marokko gekappt. Nicht nur der Westsaharakonflikt treibt die beiden Länder auseinander.

Zwei Männer stehen vor einer Feuerwand

Algerien macht Marokko mitverantwortlich für die Waldbrände im Land Foto: Abdelaziz Boumzar/reuters

BERLIN taz | Der Konflikt schaukelt sich seit Wochen hoch, nun ist es offiziell zum Bruch gekommen: „Algerien hat sich entschieden, die diplomatischen Beziehungen mit dem Königreich Marokko von heute an zu beenden“, gab Außenminister Ramdane Lamamra auf einer Pressekonferenz am Dienstag bekannt. Marokkos Außenministerium bedauerte die Entscheidung und bezeichnete den Schritt als „völlig ungerechtfertigt“.

Die Nachbarländer liegen in vielerlei Hinsicht im Clinch, allen voran im Streitfall der von Marokko besetzten Westsahara. Algeriens Vorwürfe gehen jedoch darüber hinaus. Schon letzte Woche hatte Algier behauptet, Marokko habe bei den jüngsten Waldbränden in Algerien die Finger im Spiel gehabt.

Demnach sollen terroristische Gruppen, die teilweise von Marokko unterstützt würden, die Brände gelegt haben. Die Feuer waren in der ersten Augusthälfte ausgebrochen und haben Zehntausende Hektar Wald vernichtet sowie mindestens 90 Menschen das Leben gekostet. „Das marokkanische Königreich hat seine Feindseligkeiten gegen Algerien nie eingestellt“, kommentierte Lamamra.

Bei den beschuldigten Gruppen geht es unter anderem um die „Bewegung für die Autonomie der Kabylei“ (MAK), deren Ziel die Autonomie der nordalgerischen Provinz ist, in der Algeriens Berberminderheit einen Großteil der Bevölkerung ausmacht. 2010 hatte die MAK eine provisorische Regierung der Kabylei ausgerufen, die ihren Sitz im Pariser Exil hat.

Zum Ärger der algerischen Regierung hatte Marokkos UN-Botschafter, Omar Hilale, im Juli erklärt, dass „das tapfere Volk der Kabylen es mehr als jedes andere verdient, sein Recht auf Selbstbestimmung in vollem Umfang zu genießen“ – der Höhepunkt der „marokkanischen Provokation“, wie Lamamra nun befand.

Tatsächlich dürfte die Bemerkung vor allem eine Retourkutsche gewesen sein für Algeriens Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario in der Westsahara. Doch der sich zuspitzende Konflikt zwischen Algier und Rabat hat auch eine regionalpolitische Dimension, die deutlich über die gegenseitige Unterstützung von Unabhängigkeitsbewegungen im jeweils anderen Land hinausgeht.

Streitpunkt Israel

Jüngste außenpolitische Erfolge Marokkos werden in Algier offenbar als Provokation empfunden und lassen die beiden Länder zunehmend zu Widersachern werden. Die Regierung in Rabat kann als großen Erfolg verbuchen, dass die USA unter Ex-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr Marokkos Souveränität über die Westsahara anerkannt haben – eine historische Kehrtwende der US-Außenpolitik.

Im Gegenzug hat Marokko begonnen, seine Beziehungen zu Israel zu normalisieren, was Trump wiederum als außenpolitischen Erfolg für sich verbucht hat. Algerien blieb bei der Entwicklung außen vor und hält an der Position fest, weder Marokkos Herrschaft über die Westsahara zu akzeptieren noch Israel anzuerkennen, solange der Nahostkonflikt nicht gelöst ist.

Vor zwei Wochen hatte Israels Außenminister Yair Lapid erstmals Marokko besucht. Während des Besuchs hatte er sich auch besorgt gezeigt über Algeriens Rolle in der Region sowie über eine fortschreitende Annäherung zwischen Algerien und Iran.

Mit Marokko dagegen baut Israel die Sicherheitskooperation aus – auch dies ein Dorn im Auge Algeriens: So beschwerte sich Lamamra am Dienstag auch über „systematische Spionageakte“ Marokkos. Im Zuge der Pegasus-Recherchen war bekannt geworden, dass Marokko hochrangige algerische Di­plo­ma­t*in­nen und Po­li­ti­ke­r*in­nen mit israelischer Spähsoftware ausspioniert hat, darunter auch Lamamra selbst.

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