Aktivistin von Ende Gelände zu Protesten: „An die Orte der Zerstörung gehen“

Ende Gelände und Fridays for Future mobilisieren wieder für Streiks und Blockaden. Wie soll das zu Coronazeiten funktionieren?

Umweltaktivisten im weissen Overalls werden von der Polizei eingekesselt. Rund 50 Kohlegegner hatten am Braunkohletagebau Garzweiler gegen einen weiteren Kohleabbau protestiert.

Proteste gehen wieder los, hier am Samstag am Tagebau Garzweiler Foto: dpa

taz: Fridays for Future hat für den 25. September zum globalen Massenstreik aufgerufen, Ende Gelände lädt für das Wochenende danach ins Rheinland. Ist die Zeit der Onlineproteste vorbei?

Kim Solievna: Ja und nein. Wir haben lange überlegt und verschiedene Szenarien geprüft. Letztlich haben wir uns für eine Massenaktion entschieden, aber es wird anders als in vergangenen Jahren ablaufen.

Können Sie eine Massenaktion verantworten?

Das Hygienekonzept steht bei uns an erster Stelle. Wir entwickelt es derzeit noch, aber es sind ja noch zwei Monate bis zur Aktion. Wir müssen sehen, wie sich die Zahlen und Bestimmungen bis dahin entwickeln und unser Konzept anpassen.

Was wird in diesem Jahr anders laufen?

„Dezentral“ ist das Stichwort für alles. Es wird nicht ein riesiges Camp geben, sondern etwa zehn kleine Anlaufpunkte, wo man sich informieren, organisieren und schlafen kann. Auch die An- und Abreise soll dezentral laufen, die Aktionsgruppen werden kleiner sein als in anderen Jahren, auch die Finger, in die sich die Protestzüge aufteilen, werden deutlich kleiner sein.

Klingt nach viel Organisation. Lohnt sich das?

Es ist ein wesentlich größerer Aufwand und erfordert viel Abstimmung. Unsere Kommunikation findet größtenteils noch digital statt. Das ist sehr herausfordernd. Aber physische Präsenz verleiht Protesten immer mehr Stärke. Die Zeit im Lockdown war spannend hinsichtlich der Frage, wie wir uns trotzdem organisieren können. Aber wir mussten feststellen, dass Protest im digitalen Raum viel leichter überhört wird. Für Ende Gelände ist es außerdem wichtig, an die Orte der Zerstörung zu gehen und zu zeigen, wo Ungerechtigkeiten passieren.

Kim Solievna, 27, kommt aus dem Ruhrgebiet und ist seit 2018 bei Ende Gelände.

Der Kohlekompromiss ist in trockenen Tüchern, Datteln 4 ist im Regelbetrieb. Gibt es im Rheinland überhaupt noch was zu gewinnen?

Indem wir wieder ins Rheinland gehen, stellen wir uns hinter den Widerstand in den Dörfern, die durch die Tagebaue bedroht sind. Da darf keine weitere Kohleabbaggerung stattfinden. Der sogenannte Kohlekompromiss ist absurd. Das Kohleaustiegsgesetz schreibt die angebliche Notwendigkeit des Tagebaus Garzweiler fest, obwohl die bereits wissenschaftlich widerlegt worden ist. Deswegen müssen wir klar machen, dass dieses Gesetz klimapolitischer Wahnsinn ist.

Einige fordern, dass reiche Industrieländer, die die Klimakrise maßgeblich verursacht haben, Reparationen an ärmere Länder zahlen, die die Folgen ausbaden müssen. Fordert Ende Gelände das auch?

So konkret nicht, aber wir weisen immer auf globale Ungerechtigkeit und koloniale Strukturen hin, die wir zerstören müssen. Im Konflikt um Datteln 4 etwa haben wir Blutkohle in den Fokus gerückt und aufgezeigt, welche Ungerechtigkeiten dieses Kraftwerk auf globaler Ebene reproduziert. Die Steinkohle, die dort verbrannt wird, kommt zum größten Teil aus dem sibirischem Kuzbass und Nordkolumbien, wo die Regionen unter dem Abbau leiden.

Während der Sommer für die Klimabewegung eher ruhig war, hat Black Lives Matter Massen auf die Straße gebracht. Welchen Einfluss hat das auf die überwiegend weiße Klimabewegung?

Die Debatte, dass wir zu weiß sind, haben wir schon länger. Antirassismus ist eine Grundkomponente der Klimagerechtigkeit, wir beschäftigen uns schon lange damit und haben zum Beispiel interne Antirassismus-AGs. Über die Proteste von BLM haben wir uns sehr gefreut. Klimagerechtigkeit kann es nur in einer antirassistischen Gesellschaft geben.

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