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Aktivistin über Zustand des Wattenmeers„Die Nordsee wird zunehmend industrialisiert“

Anrainer sichern auf der Wattenmeerkonferenz den Schutz des fragilen Ökosystems zu. Doch der Schutz ist kaum was wert, sagt Aktivistin Tanja Schlampp.

Welterbe unter Nutzungsdruck: Der Strom von Offshore-Windkraftanlagen kommt nur über Kabeltrassen durchs Watt an Land Foto: Onno K. Gent/dpa

taz: Frau Schlampp, das Fazit-Statement der Wattenmeerkonferenz 2026 verspricht, den „außergewöhnlichen universellen Wert“ des Unesco-Weltnaturerbes Wattenmeer zu bewahren. Wie klingt das für Sie?

Tanja Schlampp: Nach allem und nichts. Was viele nicht wissen: Die trilaterale Wattenmeer-Kooperation war nie als reine Naturschutzorganisation konzipiert. Sie versucht, Naturschutz, Schifffahrt, Fischerei, Energieversorgung, Tourismus und Küstenschutz miteinander zu vereinbaren. Sie schützt das Watt nicht vor Eingriffen, sie managed sie lediglich.

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taz: Die Kooperation besteht seit 48 Jahren. Was hat sie seither erreicht?

Schlampp: Sie hat dazu beigetragen, dass das Wattenmeer als zusammenhängendes Weltnaturerbe wahrgenommen wird. Zudem haben wir jetzt ein einheitliches wissenschaftliches Monitoring. Aber der Titel Unesco-Weltnaturerbe ist kein Selbstgänger, den hat man ja nicht für immer und ewig. Nimmt der Druck auf das Wattenmeer nicht ab, könnte es schon bald auf der Liste des gefährdeten Weltnaturerbes landen. Der aktuelle Unesco-Bericht nennt die dort laufenden Infrastruktur- und Energieprojekte ausdrücklich als potenzielle Risiken.

taz: Die Weltnaturschutzunion hat dem Wattenmeer im vergangenen Jahr nur noch das Prädikat „gut, mit einigen Bedenken“ gegeben, eine Verschlechterung nach „gut“ in 2020. Deckt sich das mit Ihrer eigenen Beobachtung?

Schlampp: Das sehe ich auch so. Es gibt eine Langzeitstudie der Universität Hamburg und des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels, die zeigt: Seit 2010 sind die Bestände aller Fischarten im Mündungstrichter der Elbe vor Cuxhaven um über 90 Prozent gesunken. Das zeigt, wie schlecht es um das Ökosystem Wattenmeer bestellt ist.

Bild: privat
Im Interview: Tanja Schlampp

59, Diplom-Kauffrau, Mitbegründerin der Bürgerinitiative Rettet-das-Cux-Watt und Betreiberin von Wattenmeer-Schutz.de, arbeitet aktuell an einem Fachbuch über die „ökonomische Absurdität“ der aktuellen Hafenpolitik.

taz: Der Nutzungsdruck auf das Wattenmeer wächst, von der Öl- und Gasförderung bis zur Fluss- und Hafenschlick-Verklappung. Was sind da die Schutzversprechen der Wattenmeerkonferenz wert?

Schlampp: Ja, das muss man sich wirklich fragen. Nehmen wir allein die Offshore-Windparks. Die stehen zwar nicht im Watt, aber ihr Bau verursacht Rammschall und die Kabeltrassen, die ihren Strom an Land bringen, werden zwangsläufig durch das Wattenmeer verlegt. Die Nordsee wird zunehmend industrialisiert.

Im Mündungstrichter vor Cuxhaven wird das Watt von beiden Seiten durch Schadstoffeintrag belastet und in seiner Dynamik eingeschnürt

taz: Man sei entschlossen, beteuert die Konferenz, „die natürlichen Werte, die Vielfalt, die Kohärenz und die Dynamik“ des Wattenmeeres „zu erhalten, zu stärken, weiterzuentwickeln“, unter Berücksichtigung von dessen „multifunktionaler Nutzung“. Müsste man nicht besser sagen: Weg mit dieser Nutzung?

Schlampp: Ganz genau! Stattdessen erhalten Wirtschaftsinteressen regelmäßig Vorrang.

taz: Im Fazit der Konferenz heißt es, es gelte, eine „kontinuierliche Verbesserung der Naturschutzbemühungen“ zu unterstützen, durch Forschung, Monitoring. Ist das mehr als nur ein frommer Wunsch?

Schlampp: Das sind leere Worthülsen. Die anderen Absichten überwiegen und die haben gravierende Auswirkungen. Ein Beispiel: Neben der Elbvertiefung haben wir es jetzt auch mit der Weservertiefung zu tun, auch da werden gewaltige Schlickmengen anfallen, und all das lässt sich nicht an Land entsorgen oder exportieren.

taz: Sondern?

Schlampp: Ich fürchte, das landet dann auch im Mündungstrichter vor Cuxhaven. Das Watt hier wird also von beiden Seiten durch Schadstoffeintrag belastet, in seiner Dynamik eingeschnürt. Priele verlanden, auch sie sind eine Kinderstube der Fische. Setzt sich das fort, haben wir hier bald kein Watt mehr.

taz: Die Naturschutzorganisation WWF hat anlässlich der Konferenz ihre Forderung erneuert, die Gas- und Ölförderung im und am Wattenmeer bis spätestens 2030 komplett einzustellen, fordert die Naturverträglichkeit von Windparks, Küstenschutz der „stärker mit der Natur arbeitet“ und „ausreichende fischereifreie Zonen und ungestörte Bereiche“. Wie realistisch ist das?

Schlampp: Ein Problem ist: Die Umweltverbände sehen die Offshore-Windparks als Mittel der Energiewende. Aber das geht nicht umweltverträglich, vor allem nicht in der geplanten Größenordnung. Das sind ja riesige Baumaßnahmen. Entweder macht man hier draußen Naturschutz oder man baut Energieinfrastruktur. Beides passt nicht zusammen.

taz: Was sehen Sie, wenn Sie im Watt unterwegs sind? Eine sterbende Landschaft? Oder haben Sie noch Hoffnung?

Schlampp: Es gibt noch Hoffnung. Aber dazu müssten sich einige Rahmenbedingungen ändern.

taz: Welche?

Schlampp: Vom Gesetz her ist das Wattenmeer gut geschützt. Aber dieser Schutz wird nicht ausgeführt. Hilfreich wäre, die Umweltministerien des Bundes und der Bundesländer so zu stärken, dass sie sich gegen die Wirtschaftsministerien besser durchsetzen können. Auch die Bundesanstalt für Gewässerkunde müsste weit freier agieren dürfen.

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