piwik no script img

Aktionsplan „Queer leben“ Fortschritt – aber bitte für alle

Kommentar von

Nicole Opitz

Die FDP sollte überlegen, was Freiheit eigentlich bedeutet. Der Aktionsplan zu queerer Vielfalt muss möglichst progressiv umgesetzt werden.

N un gibt es ihn, den bundesweit ersten „Aktionsplan für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“. Damit sollen die Rechte von LGBTIQ+ geschützt und erweitert werden. Sven Lehmann (Grüne), der Queerbeauftragte der Bundesregierung, lächelte am Freitag stolz, als er seinen Aktionsplan bei der Bundespressekonferenz präsentiert. Nicht ganz zu Unrecht, der Aktionsplan ist mit allen Ressorts der Bundesregierung und queeren Vereinen abgestimmt. Er werde darauf achten, dass auch Ergebnisse erzielt werden, so Lehmann.

Dabei werden die Maßnahmen im Aktionsplan als „vorgeschlagene Maßnahmen“ präsentiert – besonders bindend klingt das nicht. Lehmann betont zwar, dass sich alle Ressorts zum Ak­tions­plan verpflichten, doch es gibt Kritik an einzelnen Maßnahmen wie der Änderung des Abstammungsrechts.

Momentan muss ein Kind, das in die Ehe zweier Frauen geboren wird, von der Frau, die es nicht geboren hat, adoptiert werden. Das soll sich mit der Änderung des Abstammungs- und Familienrechts zwar ändern. Unklar bleibt aber, in welcher Hinsicht die Reform Regenbogenfamilien betrifft, in denen die Eltern nicht zwei verheiratete Frauen sind.

Die Sorge von Verbänden ist berechtigt: Wohl könnte die FDP die Reform des Abstammungsrechts bremsen. Eckpunkte dazu will Justizminister Marco Buschmann (FDP) im kommenden Jahr vorstellen.

Im Mai verkündete er bereits, dass in einem „ersten schnellen Schritt bei den etwas unproblematischeren Fällen“ der attestierten Samenspenden das Abstammungsrecht angepasst werden soll. Was mit dem Rest passiert, zum Beispiel für Familien mit Kindern aus privaten Samenspenden, ist unklar. Man kann nur hoffen, dass die FDP sich wenigstens in dieser Hinsicht überlegt, was Freiheit eigentlich bedeutet und für wen sie gelten soll. Eine selbsternannte „Fortschrittskoalition“ sollte einen Aktionsplan zu queerer Vielfalt möglichst progressiv umsetzen – und auch LGBTIQ+ mitdenken, die sich eine Samenspende nicht leisten können.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Nicole Opitz Redakteurin

seit 2019 bei der taz, schreibt über Gesundheit, Feminismus und soziale Ungleichheit. BVHK-Journalismuspreis 2023, Nina Grunenberg Fellow 2025, IJP Fellow 2025 (Ägypten).
Mehr zum Thema
Stilisierter Packshot der wochentaz mit Handy daneben, in dem das wochentaz-Logo und die taz-tazze zu sehen ist. Daneben die Abbildung der Prämie: ein Jockstrap in Weiß und Rot mit taz-Logo

10 Wochen wochentaz + limitierter taz-Jockstrap

Fest an der Seite der queeren Community seit 1978: Mit unserem Pride-Abo der wochentaz gibt's jede Woche progressiven taz-Journalismus in den Briefkasten.

  • Seit ihrer Gründung nimmt die taz kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, für die Belange von queeren Menschen einzustehen
  • Unser Pride-Abo bietet dir diesen taz-Journalismus jede Woche neu in der wochentaz, unserer progressiven Wochenzeitung
  • Du bekommst 10 Ausgaben der gedruckten wochentaz und eine einmalige Prämie als Dankeschön
  • Unser Dankeschön: Der streng limitierte taz Jockstrap – elegant, minimalistisch und ausdrücklich für alle Geschlechter gestaltet

Probeabo & Prämie für nur 25 Euro

Jetzt Angebot sichern

2 Kommentare

 / 
  • casio

    Freiheit beudetet für mich als queere Person, dass bei Anbruch der Dunkelheit in deutschlands Großstädten von jugendlichen Gruppen keine Gefahr ausgeht.

    • Tentacle_Therapist Lalonde

      @casio:

      Freiheit bedeutet für mich als queere Person deutlich mehr als das. Dass in meinem Pass nicht mal mein richtiger Name stehen darf ist nicht die Schuld "jugendlicher Gruppen". Dass überlebensnotwendige medizinische Leistungen für mich erst nach monatelanger Zwangstherapie zugänglich sind, ist auch nicht auf dem Mist "jugendlicher Gruppen" gewachsen. Dass ich keinen im Grundgesetzt verankerten Schutz vor Diskriminierung habe, das haben sich auch keine "jugendlichen Gruppen" ausgedacht. Dass ich beim Blutspenden unter Generalverdacht stehe, promisk in der Gegend herrumzuv*geln, geht ebenso wenig auf deren Kappe wie der Umstand, dass weite Teile der deutschen Publizistik immer noch ihren Hass auf Menschen wie mich als Monstranz vor sich hertragen dürfen.

      Und um mal nicht weiter vom Artikelthema abzulenken: Dass Familien mit lesbischen Müttern gesetzlich diskriminiert werden, haben sich auch keine "jugendlichen Gruppen" ausgedacht.

      Natürlich kann und muss man mit Aufklärungsarbeit in den Schulen und in der Sozialarbeit gegen Queerfeindlichkeit unter Jugendlichen vorgehen. Aber das ist nur ein Baustein einer notwendigerweise größer angelegten Strategie, zu der es unbedingt auch gehört, dass man den Widerstand immer noch offen queerfeindlicher Bastionen wie bspw. der CDU bricht.

      Darum bin ich mit jedem Projekt solidarisch, dass die Rechte von Menschen aus der LGBT-Community ausbaut. Auch mit diesem hier, obwohl es mich mangels Kinderwunsch nicht persönlich betrifft. Wer nur seine eigenen Interessen artikulieren kann und selbst die nur rein emotional, der sollte sich bei politischen Themen einfach mal bedeckt halten.