Ahmad Mansour „Haltung ohne Hass“: Mit geöffneten Armen
Mansour schildert in vielen Anekdoten aus seiner Beratungspraxis in Schulen oder Gefängnissen. Er sieht Streit mit Andersdenkenden als wichtiges Element.
Foto: Frank Hoermann/Sven Simon/imago
Zwist um politische Grundsätzlichkeiten zieht sich seit Langem durch Familien, Freundeskreise und andere Nahbereiche menschlichen Lebens, nicht erst seit Fragen um Corona, den russischen Krieg gegen die Ukraine, Israel bzw. Gaza und Migration.
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Viele plädieren inzwischen, um des lieben Friedens willen, für die Tugend des Beschweigens: starke Differenzen im Weltanschaulichen unausgesprochen zu lassen. Der in Berlin lebende, Talkshow-bekannte Psychologe und Buchautor Ahmad Mansour spricht sich für das Gegenteil aus: Streit. Nicht als Tugend, sondern als notwendige Voraussetzung, um überhaupt aus den eigenen, wie er es in seinem Buch „Haltung ohne Hass“ nennt, „Echokammern“ hinauszugelangen.
Mit allen reden, auch wenn es ungemütlich ist, hilft, so Mansour, der eigenen Bequemlichkeit Unruhe zu gönnen. Der Autor schlägt dies auch in eigener Sache vor, denn tatsächlich wird der aus der politischen Linken kommende und als palästinensischer Israeli aufgewachsene Spezialist für Extremismen aller Art, vor allem des islamistischen, als Diskussionspartner gern gemieden. Das schildert er, ohne Hass und ohne namentlich zu werden, in einigen Passagen seines erfrischend coolen Buches, eindrücklich: Er möchte mit allen reden – aber diese (etwa aus den Kulturszenen) nicht mit ihm.
Ahmad Mansour: „Haltung ohne Hass. Eine Aufforderung“. Berlin Verlag, Berlin 2026, 208 Seiten, 22 Euro
Fruchtbar vielstimmig
Das ist auch deshalb schade, weil Mansour in vielen Anekdoten aus seiner Beratungspraxis in Schulen oder Gefängnissen schildert, wie fruchtbar Vielstimmiges sich auf das eigene Denken auswirken kann. Er verwahrt sich strikt gegen Generalverdächtigungen und kommt deshalb umso intensiver auf die blinden Flecken der aktivistischen Linken zu sprechen: im religiös anmutenden Wahn gerade Jugendlicher, der islamistisch drapiert wird, Kerne von Verzweiflung, Wut, Auswegsarmut zu erkennen.
Die titelgebende „Haltung“, die er, der als junger Mann selbst in islamistischen Milieus Sinn suchte, als innere Grundlage für nötig hält: Anerkennung für das Andere, Fremde; Verzicht auf den Anspruch auf letzte Wahrheiten, Zumutungen aushalten.
Mansour, wie man ihn von Podien kennt, lebt diese Ansprüche vor. Sein Buch transportiert gelungen die Idee, die eigenen Arme zum Willkommen geöffnet zu halten. Jan Feddersen
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