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Abschied von Dolly Parton Die Lady war kein Tramp

Kommentar von

Jenni Zylka

Authentizität trotz äußerlicher Artifizialität war das Markenzeichen von Dolly Parton. Nachruf auf eine große Musikerin und opulente Feministin.

D olly Parton war 20 Jahre alt, als sie die Zeilen für ihr 1966 erschienenes Debütalbum schrieb: „Just because I’m blonde / Don’t think I’m dumb / 'Cause this dumb blonde ain’t nobody's fool“.

Das Coverfoto unterstreicht ihre Aussage – ein Lächeln umspielt den Mund, sie schaut das Gegenüber direkt an. Das Bild war eventuell die letzte Chance, Dollys bereits damals eindrucksvoll aufgetürmtes Echthaar zu sehen. Danach trug sie in der Öffentlichkeit überdimensionale, weißblond schimmernde Vamp-Perücken, sie sagte einmal: „Die Haare sind mein größtes Brandrisiko.“

Authentizität trotz äußerlicher Artifizialität und Hyper-Weiblichkeit – das führt oft zu Fehleinschätzungen. Die Hamburger Rapperin Shirin David, die ihre Haare und ihren Körper ähnlich offensiv-weiblich gestaltet, channelte Parton noch vor zwei Jahren in ihrem mal als feministisch, mal als das Gegenteil wahrgenommenen Hit „Bauch Beine Po“, in dem es heißt „Ich bin schlau, aber blond und supermegahot“. Das kleine Wörtchen „aber“ beweist es: Blond alias attraktiv und schlau geht in den Köpfen vieler Menschen einfach nicht zusammen.

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Dabei war Dolly Parton nicht nur schlau, blond, supermegahot, musikalisch, humanistisch und „fun to be with“, sondern lebte einen einzig von ihr allein definierten Feminismus.

Selbstermächtigung mit Dekolleté

Schon früh bewies sie, dass Selbstermächtigung in der autarken Gestaltung des Lebens und damit auch der eigenen Erscheinung liegt. Ihr Stilvorbild in ihrem prekären Umfeld, dem ländlichen Tennessee, bevölkert von kinderreichen, ansonsten armen Familien, nannten die anderen Dorf­be­woh­ne­r:in­nen „Town Tramp“ – eine Dame mit High Heels und Lippenstift, mit Dekolleté und engen Kleidern.

Für Parton war diese Nachbarin „einfach schön“, weil sie sich von den hart arbeitenden Kinder-Kirche-Küche-Frauen in der Umgebung unterschied. Lange Fingernägel erkor Parton so zu einem aus der erlebten Armut herrührenden weiblichen Statussymbol: Wer sie hat, verbringt seine Zeit nicht auf dem Feld oder in der Waschküche. Dass man mit ihnen dennoch malochen, sie nämlich wie zehn blutrote Plektren einsetzen kann, zeigte Partons Versiertheit an der Gitarre.

Auch dem mit einem flamboyanten Äußeren oft einhergehenden „Tramp“- und damit Schlampen-Vorwurf, der grundlegend misogynen Angst also, dass eine stark zurechtgemachte Frau „Männer stehlen“ wolle, nahm Parton durch ihr Verhalten den Wind aus den Segeln: Sie selbst war Zeit ihres Lebens glücklich mit demselben Mann.

Nebenbei gibt es viele, die im Text zu Partons Hit „Jolene“ heimliche queere Anziehung vermuten – so bewundernd klänge die Erzählerin, so bildhaft beschreibe sie die berückende Jolene: „Your beauty is beyond compare / With flaming locks of auburn hair / With ivory skin and eyes of emerald green“. Eine im Internet kursierende, queere Version ändert mit wenigen Worten diesbezüglich die Bedeutung: Statt „Please don’t take my man“ wird „Please just leave your man“ gesungen.

Nichts vom „Trad Wife“-Style

Parton, die ihren Status als „gay icon“ stets umarmte, wird auch das recht gewesen sein. Die Musikerinnen, die sie 2023 auf ihr Duett-Album „Rockstar“ einlud, sprechen Bände: Stevie Nicks, Debbie Harry, Lizzo, Pink, Joan Jett oder Linda Perry bildeten eine solide Front der selbstbestimmten Frauen, nicht wenige von ihnen sind LGBTQ+-Aktivistinnen und -Ikonen.

Die vestimentären Aussagen Partons, das „Big Hair“ gepaart mit notorischem Make-up und körperbetonter Kleidung, vor allem aber die Selbstverständlichkeit und Offenheit, mit der sie ihren Körper auch operativ nach ihren Regeln „optimierte“, mögen vielleicht oberflächlich an den „Trad Wife“-Style der Alt-Right-Frauen erinnern.

Doch im Gegensatz zu denen sprach Dolly Partons Erscheinungsbild stets von großer Freude am Sich-Schmücken, von Glamour, Glitter und außerweltlicher Opulenz. Die sich politisch selten äußernde Parton wollte aus der Masse herausstechen, um ihre Botschaft vom liebevollen, toleranten Zusammenleben der Menschen zu verkünden. Das Auftreten der grell geschminkten, eingeschnürten Alt-Right-Barbies ist dagegen von fast karikaturesker Uniformität, ihre Intention ist eine andere.

In einem Auftritt bei einer Fernsehshow 1978 sitzt Dolly in schwarzem Kleid auf einem weißen Sofa, mit Cher sitzt eine weitere Muse der absoluten Selbstbestimmung im komplementären Outfit neben ihr.

In einem irrwitzigen Dialog aus Songtext-Versatzstücken machen sich die beiden über das Leben, die Liebe und die Sicht auf Frauen lustig: „You talk with personality, you smile with personality, you’ve got great big … heart“, sagt Cher zu ihrer Freundin. „Look, it’s my party and I cry if I want to“, sagt Dolly. Ihre Party geht nun woanders weiter.

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