Abiy Ahmed bekommt Friedensnobelpreis

Anerkennung zur richtigen Zeit

Die Auszeichnung für den äthiopischen Premier Abiy Ahmed würdigt den ehrgeizigsten Reformer Afrikas – und die gesamte junge Generation des Kontinents.

Junge Frau zeigt einen Sticker, der Premierminister Ahmed winkt

Abiy ist der Star der aufstrebenden jungen Generation, die Afrika lebenswert für Afrikaner machen will Foto: Thomas Lohnes/epd/imago

Was für ein Triumph. Der Friedensnobelpreis für Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed bedeutet eine hochverdiente globale Würdigung für den derzeit ehrgeizigsten Reformer Afrikas. Abiy ist der Star der aufstrebenden jungen Generation des Kontinents, die Afrika endlich lebenswert für Afrikaner machen will.

Abiy ist erst seit April 2018 im Amt, aber in seinen anderthalb Jahren an der Macht hat der heute 43-Jährige schon mehr erreicht als andere Staats- und Regierungschefs in ihrem Leben. Er hat Tausende Regimegegner aus der Haft entlassen, das große Foltergefängnis der Hauptstadt in ein Museum verwandelt, verfolgte Exilanten zurück in der Heimat willkommen geheißen und sein Land mit dem Nachbarn und Erzfeind Eritrea versöhnt.

Auch hat er wichtige erste Schritte zur Beilegung der zahlreichen und blutigen inneren Konflikte des Vielvölkerstaats Äthiopien mit seinen 110 Millionen Einwohnern unternommen und insgesamt die politische und wirtschaftliche Liberalisierung auf die Tagesordnung gesetzt.

Für all das würdigt ihn das Nobelpreiskomitee. Und diese internationale Anerkennung kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn gute Nachrichten aus Afrika sind immer noch die Ausnahme und nicht die Regel.

Das Produkt eines autokratischen Systems

Das ist die Sonnenseite. Die Schattenseite darf aber nicht übersehen werden. Von wirklich freien Wahlen ist Äthiopien noch weit entfernt. Die Zahl der Binnenflüchtlinge infolge lokaler Machtkämpfe steigt. Eine gefährliche Ethnisierung der Politik ist im Zuge der allmählichen politischen Öffnung nicht zu übersehen.

Und grundsätzlich bleibt Abiy ein Produkt eines autokratischen Systems: Sein politischer Aufstieg erfolgte innerhalb des Militärapparats, mehrere Jahre lang leitete er Äthiopiens gefürchteten Geheimdienst. Und seinen Posten als Regierungschef verdankt er den alten Generälen, die angesichts zunehmender Proteste und Unruhe im Land ihre Rettung in einem frischen, jungen Gesicht sahen.

Noch ist Äthiopiens Reform- und Friedenspolitik nicht unumkehrbar. Sie ist allzu eng mit der Person Abiy und seinem Charisma verknüpft und zu wenig in einer tatsächlichen Veränderung der Institutionen verankert. Abiy muss sich langfristig gegen seine Förderer durchsetzen, um zu bestehen – und er wäre nicht der erste Reformer, der an diesem Dilemma scheitert. Der Friedensnobelpreis befördert diese Personalisierung weiter, und das ist bedenklich. Zugleich aber stärkt die Auszeichnung Abiy gegenüber den Beharrungskräften in seinem Land – was zu begrüßen ist.

Ein großes Land, stolz und glücklich

Das Nobelpreiskomitee knüpft mit Abiy Ahmed an die Ehrung Barack Obamas an: gewürdigt wird die Erwartung und nicht nur die Leistung, die Hoffnung und nicht nur der Erfolg. Zu hoffen bleibt, dass sich dieser Nobelpreis nicht als der Moment erweist, in dem Afrikas Obama zum gefeierten Weltstar wird, nur um abzuheben.

Man kann diesen Preis aber auch weniger kompliziert sehen. Äthiopien ist die letzte der mehrere Tausend Jahre alten Weltzivilisationen, die noch nie mit einem Nobelpreis geehrt worden war: Ein großes Land, und mit ihm ein ganzer Kontinent, wird jetzt einfach stolz und glücklich sein.

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Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

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