Abgehängt als Touri in der Schweiz: Finanzpolitik am Tresen

Auf dem Splügenpass kurz vor Italien, im Nebel und Nieselregen zwischen Berghängen ging nichts mehr. Ein teurer Zwischenstopp.

Der Splügenpass im Nebel

Der Splügenpass im Nebel Foto: Dirk Wüstenhagen/imago

Der Rezeptionist ist ein netter Mann. Wir teilen unsere Abende mit ihm in einem Schweizer Hotel einer Billigkette, er hinter dem Tresen, wir die einzigen Leute an der Bar. Er serviert uns zu stolzen Preisen aufgewärmte Fertigmenüs, ein Stück weiches, lauwarmes Schnitzel unter Tomatensoße, das auf der Karte Steak heißt und 22 Franken kostet. Draußen stürmt und regnet es ununterbrochen, es ist eine Szenerie wie aus einer Bar in einem US-Midwest-Kaff. Der Rezeptionist und wir führen immer dasselbe Gespräch. Wir klagen, wie teuer es in der Schweiz sei. Er versucht sich an aufhellenden Worten.

Auf dem Splügenpass kurz vor Italien, im Nebel und Nieselregen zwischen Berghängen, waren wir hängen geblieben. Mein Freund sagte trocken: „Wir brennen.“ Tatsache, das Getriebe unseres Wohntrucks ging gerade in Flammen auf. Ich rettete mechanisch Pässe, Handys, die Landkarte, für Alpenüberquerung oder so was. In einem Wink des Schicksals hatten wir kurz vorher Feuerlöscher montiert, der Wagen überlebte. Dann holte uns in einer denkwürdigen Aktion ein sehr geschäftstüchtiger Abschleppdienst für eine vierstellige Summe die Serpentinen runter. Und damit begannen wir, sehr viel Geld in der Schweiz zu lassen.

Der Rezeptionist fand, es hätte schlimmer kommen können. In Italien, das sei un’ altra mentalità. „Da könnt ihr froh sein, wenn ihr den Wagen aus der Werkstatt wiederkriegt und er nicht zu Onkel Giuseppe nach Sizilien wandert. Und immer ist entweder Wochenende oder Feiertag, Santa Maria oder San Giuseppe.“

Es war unterhaltsam. Einmal kam ein Anruf, er erzählte: „Das war die Konkurrenz. Die geben sich als italienische Kunden aus, um rauszufinden, wie unsere Preise gerade sind.“ Dazu fiel ihm die legendäre Weihnachtsfeier im Hotel ein, wo eine ganze Firma verschwand, ohne zu bezahlen. „Es gibt viel zu viele verrückte Leute.“

Irgendwann fällt uns auf, wie schräg unser Gejammer über Preise ist. Für Deutsche soll Ausland billig sein. Ob Polen oder Portugal, Thailand oder Tunesien, überall kost ja nix. Jeden Abend im Restaurant essen, na und? Viersternehotel, komm, passt schon. Zum ersten Mal bekommen wir eine Ahnung, wie es ist, im Ausland nicht König von Mallorca zu sein, und schämen uns ein bisschen für die Erkenntnis. Manchmal wirkte der Rezeptionist still genervt von den geizigen Deutschen. Dann wieder verkündete er ungetrübt: „Der Euro macht sowieso nicht mehr lang.“ Lieber sollten wir in Pfund investieren.

Er erzählte uns, er habe sich an jedem einzelnen Kiosk in Liechtenstein beworben. Erfolglos. „Die nehmen nur Liechtensteiner, damit das Geld da bleibt.“ Liechtenstein, der Spitzenprädator der Wirtschaftsmigration. Und wir und der Schweizer Rezeptionist im fehlenden Gelde vereint. Wohin emigrieren eigentlich Liechtensteiner?

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Jahrgang 1991, macht für die taz seit 2015 Sport, und das vor allem in Berlin. Wenn sie nicht gerade im Stadion sitzt, schreibt sie auch fürs Reise-Ressort.

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