ARD-Doku über Familie: Bravo, ARD!

Das deutsche Fernsehen sei zu weit weg vom Leben der Leute, heißt es immer. Eine Doku über Familien beweist nun das Gegenteil.

Eine Mutter sitzt mit ihrer Tochter am Tisch und macht Hausaufgaben

Die Dokumentation „Mütter, Väter, Kinder im Stress“ zeigt, was wirklich los ist Foto: WDR/bunt.schoen.laut

Den Medien wird gern vorgeworfen, die Lebenswirklichkeit der Bevölkerungsmehrheit nicht mehr im Blick zu haben. In der Fernsehfiktion lebt stressresistentes, perfekt geföhntes Pflegepersonal in spektakulären Lofts mit Dachterrasse. Und in den Dokus wird zum Ausgleich ganz besonders speziellen Exoten hinterhergespürt. Oder es werden nur die gezeigt, die ganz am Rande der Gesellschaft leben.

Natürlich stimmt das wie immer nur ein bisschen. Trotzdem ist eine Doku wie „Mütter, Väter, Kinder im Stress“, die am Montagabend im ARD-Ersten lief, leider immer noch die Ausnahme. Denn hier ging es richtig rein ins wahre Leben. Und, nein, die Krankenschwester und alleinerziehende Mutter Sonja wohnt nicht im Loft, und von Dachterrasse war auch nichts zu sehen. Sie saß vielmehr zum Glück der Realität entsprechend deutlich vor 7 Uhr früh ungestylt beim hektischen Frühstück.

Familie ist wie Kunst: schön, aber anstrengend. Der gesellschaftliche Halbwandel hat dazu geführt, dass heute auch die Mehrheit der Frauen für einen „richtigen“ Job unterbezahlt wird. Blöderweise schwächelt aber das auf die voll bezahlten Jobs abonnierte angeblich starke Geschlecht. Weshalb das Gros der Haus- und Kinderarbeit weiter an Mama und ganz allgemein an den Frauen hängt. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Mütter mit Burnout, Schlafstörungen, Angstzuständen und chronischen Kopfschmerzen um 40 Prozent gestiegen, sagt in der Doku die Chefin des Müttergenesungswerks.

Dieser Institution möchte man(n) schon deshalb um den Hals fallen, weil sie seit 70 Jahren so heißt und sich noch nicht in irgendeinen suchmaschinen­optimierten Anglizismus umbenannt hat. Wenn jetzt noch Corona dazukommt, das belegt der sehr sehenswerte Film von Diana Löbl und Peter Onneken mit zahlreichen neuen Studien, wird’s ganz düster.

Dass eine Doku wie „Mütter, Väter, Kinder im Stress“ immerhin im Ersten läuft und nicht erst nach, sondern eine Viertelstunde vor 23 Uhr, muss man ja allen Ernstes schon als Fortschritt verbuchen. Und dass sogar in „Brisant“ darauf hingewiesen wird, ist prima. Anders als im Film erklärt da im Teaser natürlich ein Mann die Welt, aber geschenkt.

Wenn jetzt auch noch „Anne Will“ & Co. das Thema aufgreifen statt wie am Sonntag mit dem US-Experten Armin Laschet Belanglosigkeiten über die Wahl und Donald Trump zu debattieren, wäre viel gewonnen. Wobei, sagt die Mitbewohnerin, es natürlich nicht reicht, Alltagsthemen zu nehmen und dann zu zerquatschen. Die ewigen Polit- und Promigäste und alle anderen Verantwortlichen müssen endlich machen und zum Beispiel in Sachen Teilzeit und Ehegattensplitting liefern. Mal sehen, ob sich die Talkbuden der Republik diesem Stresstest unterziehen und sich der Blick fürs wahre Leben öffnet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de