65. Jahrestag des Mauerbaus: Ein Sprung über die Mauer zur Ostalgie
Vor 65 Jahren wurde Berlin durch den Bau der Mauer geteilt. Bei einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag warnen CDU-Politiker vor einer Verklärung der DDR.
Foto: Jens Kalaene/dpa
Es ist eine Stimme vom Band, die am Donnerstag durch die kleine Kapelle an der Gedenkstätte Berliner Mauer hallt: „Die 7.000 Westberliner müssen nun sehen, wie sie ohne ihren Pfarrer fertig werden.“ Es sind die Worte von Pfarrer Jörg Hildebrandt, der hier im September 1961 in der damaligen Versöhnungskirche kurz nach dem Bau der Berliner Mauer seine letzte Predigt hielt. Nur wenig später war die Kirche dann auch für Ostberliner nicht mehr zugänglich, denn das Gebäude aus rotem Backstein stand mitten im Todesstreifen. Mitte der 80er wurde die Versöhnungskirche dann gesprengt.
Heute steht auf ihrem Fundament die ovale Kapelle der Versöhnung, in der nun 65 Jahre nach dem Mauerbau die Gedenkveranstaltung zum Jahrestag stattfindet. Neben Politikern sitzen im Publikum auch der Sohn des damaligen Pfarrers – der Journalist Jörg Hildebrandt und die beiden Enkeltöchter.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) erinnerte an die über 140 Menschen, die an der Mauer getötet wurden. Die Mauer sei nicht einfach nur eine Mauer gewesen: „Hinter dieser Mauer war ein Todesstreifen. Schießbefehl. Selbstschussanlagen. Minenfelder.“ Das SED-Regime sei ein „Unrechtsstaat“ gewesen und dieser Teil der deutschen Geschichte dürfe niemals verharmlost werden. Eine Verharmlosung sehe er von Extremen rechts wie links, sagte Wegner im Anschluss an seine Rede der taz.
Verklärte Ostalgie
Diskussionen um die Bewertung der DDR als Unrechtsstaat sind nichts Neues. So hatte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) etwa 2019 gesagt, sie würde den Begriff nicht verwenden, weil er als Herabsetzung der Lebensleistung von Ostdeutschen empfunden werden könne.
In den vergangenen Jahren hat allerdings auch die extreme Rechte gefallen an der „Ostalgie“ gefunden und weiß sie geschickt zu nutzen. Der rechtsextreme Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke lässt sich gern auf den Mopeds der ostdeutschen Kultmarke Simson fotografieren – obwohl die Nachfahren der jüdischen Gründerfamilie des Unternehmens sich Anfang des Jahres von der AfD distanzierten: „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens.“
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) fragte sich am Donnerstag auf der Gedenkveranstaltung zum 65. Jahrestag des Mauerbaus: „Warum konnte eigentlich die Mauer als Bauwerk so schnell verschwinden und dennoch teilen wir dieses Land so häufig noch in Ost und West?“ Es gebe nach wie vor junge Menschen, die sich als Ostdeutsche fühlten.
Björn Höcke fabulierte im Juni in einem Interview mit der Schweizer Zeitung Weltwoche davon, dass Ostdeutsche noch Deutsche seien. Im Westen lebten hingegen deutsch sprechende Amerikaner. Zuletzt sorgte der Kabarettist Uwe Steimle für Aufsehen, als er die DDR-Nationalhymne auf einer AfD-Veranstaltung anstimmte.
Auch Kulturstaatsminister Weimer (parteilos) warnt vor einer Verklärung der DDR: „Links- wie Rechtsextreme versuchen derzeit, die DDR gezielt zu verharmlosen.“ Doch das SED-Regime sei eine brutale Diktatur mit Todesstreifen an der Mauer gewesen.
Klöckner plädierte bei der Gedenkveranstaltung am Donnerstag dafür, einander zuzuhören. Für Westdeutsche habe sich durch die Wende kaum etwas geändert, für Ostdeutsche nahezu alles: „Im Westen begann die Demokratie mit dem Wirtschaftswunder. Im Osten mit Massenarbeitslosigkeit.“ Für alle gelte: „Wir müssen verstehen wollen.“
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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