piwik no script img

30 Jahre gegen den Strich

Das Motto des diesjährigen taz lab könnte nicht besser dazu passen, wofür auch die Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ steht. Auf dem Kongress präsentiert sie ihre vielen Seiten

Von Dorothee D'Aprile

Seit 30 Jahren erscheint die Monatszeitung Le Monde diplomatique (LMd) in einer deutschen Übersetzung unter dem Dach des taz-Verlags. Im Gegensatz zur taz – und deshalb ergänzen sich die beiden Publikationen auch so gut – ist LMd keine Debattenzeitung für Pros und Contras. Es werden dort auch keine Interviews oder Beiträge von aktiven Po­li­ti­ke­r:in­nen veröffentlicht. Auf den Punkt gebracht beleuchtet LMd aus einer dezidiert linken Perspektive die historischen Hintergründe und aktuellen politischen wie ökonomischen Interessenkonflikte von Kriegen und Konflikten.

Dabei ist LMd viel mehr als eine Zeitung. Lange war die „Atlas der Globalisierung“-Reihe, die wir seit 2003 produzieren, sogar viel bekannter und beliebter als die Monatszeitung. Auf dem taz lab können Sie erstmals unserem Atlasmacher Adolf Buitenhuis bei der Arbeit zuschauen. Seit 2006 betreut er in einer Art Personalunion aus Datendetektiv und Gestalter den „Atlas der Globalisierung“. Auf der Veranstaltung „Lügen mit Infografiken“ (Bunter Raum, 9 Uhr) können Sie seiner skeptischen Ausführung über die Manipulation bei der visuellen Darstellung angeblich neutraler Zahlen lauschen. Sein Untersuchungsgegenstand hat vor fünf Jahren die Gemüter erhitzt: der Kampf gegen die Coronapandemie. Dabei konnte man ein vielsagendes Phänomen beobachten. 95 Prozent der von Impfgegnern auf Twitter verbreiteten Infografiken waren irreführend oder falsch. Bei den Befürwortern der erstaunlich schnell zugelassenen Impfstoffe waren es 62 Prozent – so das Ergebnis einer Studie von 2023. Die offensichtliche Frage lautet: Stimmen diese Zahlen? Und: Was war denn eigentlich falsch? Adolfs vielfältige und je nach Inhalt anders gestaltete Infografiken sind – vom Flussdiagramm bis zur Tree Map – auch visuell ein Erlebnis.

Genauso wie, aber natürlich ganz anders, die Comic-Kunst, die seit nunmehr 20 Jahren auf der letzten Seite von Le Monde diplomatique erscheint. Eigens für die Zeitung gezeichnet, werden hier Bildergeschichten erzählt, die Themen aus Politik und Alltag aufgreifen: meist frech, oft absurd, zuweilen melancholisch. An einem Küchentisch im Besselpark befragt LMd-Redakteurin Anna Lerch unsere Layouterin und Comic-Redakteurin Karoline Bofinger zu ihrer Arbeit (Küchentisch Grün, 13 Uhr).

Auf einer weiteren Veranstaltung stellen wir unter der Überschrift Making Le Monde diplomatique (Juwelen-Agora, 14 Uhr) die deutschsprachige Ausgabe von LMd vor, die in Berlin (unter dem Dach der taz) und in Zürich (unter dem Dach der linken Wochenzeitung WOZ) erscheint. Wie ist es zu dieser deutsch-französischen Ausgabe gekommen? Und was hat sich in 30 Jahren gewandelt? Aus dem Team von Le Monde diplomatique stellen Anna Lerch, Jakob Farah und Dorothee D’Aprile aus Berlin sowie Camille Roseau und Daniel Hackbarth aus Zürich die weltweit größte Monatszeitung für internationale Politik vor und freuen sich über Ihre Fragen.

Last not least erscheint zweimal im Jahr die Editionsreihe von LMd: Im Frühjahrsheft geht es immer um ein Land oder eine Region, im Herbstheft um ein Querschnittsthema wie Aufrüstung, Energie oder Migration. Das brandneue Länderheft, das am 1. April erschienen ist, handelt von „Indien unter Modi“: Die aufstrebende Wirtschaftsmacht wird als „größte Demokratie der Welt“ bezeichnet. Doch das multireligiöse Land hat sich unter Premier Narendra Modi und seiner hindunationalistischen Partei BJP in den vergangenen zehn Jahren in einen autoritären Hindustaat verwandelt: Muslime werden Opfer von Hassverbrechen, politische Gegner werden kriminalisiert und die Spielräume von Presse und Zivilgesellschaft zusehends eingeengt. Die Demokratie ist bedroht wie nie. Aber es gibt Widerstand. Darüber spricht Sven Hansen, Asienredakteur der taz und Mitherausgeber der Edition, mit Debjani Bhattacharyya, Professorin für die Geschichte des Anthropozäns an der Universität Zürich, dem Künstler und Filmemacher Sarnath ­Banerjee und dem Anglisten und Indien-Kenner Dirk Wiemann (Rote Bühne, 15.15 Uhr).

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen