30 Jahre Einheit am Erfurter Kreuz: Die verlängerte Werkbank

Das Erfurter Kreuz ist das größte Industriegebiet Thüringens. Hier brummt die Wirtschaft, Spitzengehälter werden aber weiterhin woanders verdient.

Infografik: Illustration Michael Szyszka

ERFURTER KREUZ taz | Ein frischer Herbstwind bläst über die riesige Freifläche zwischen Arnstadt und der nächsten Gemeinde, Amt Wachsenburg. Vor wenigen Jahren noch wogte hier der Weizen. Nun schieben Bagger Erde vor sich her. Direkt nebenan wachsen neue Produktionshallen in die Höhe.

Fast zwei Milliarden Euro investiert der chinesische Fahrzeugbatteriehersteller CATL am Erfurter Kreuz, Thüringens größtem Industriegebiet. Im kommenden Jahr soll die Produktion anlaufen, bis zu 2.000 neue Arbeitsplätze werden entstehen.

Doch CATL ist nicht der einzige Bauherr im Industriegebiet. Ein Betonfertigteilwerk entsteht, ein Möbellogistiker baut, nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt feierte kürzlich ein Unternehmen Richtfest, das plastikfreie Lebensmittel- und Medikamentenverpackungen produzieren wird. Weitere Flächen werden gerade erschlossen. Fast 500 Hektar wird das Industriegebiet in naher Zukunft groß sein.

Die Standortwahl trafen die Unternehmer nicht zufällig: Das Erfurter Kreuz liegt mitten in Deutschland. Zwei Autobahnen führen hier vorbei, es gibt eine Bahnanbindung und Behörden, die Investoren ein Rundum-Wohlfühl-Paket anbieten. Dazu gehört es, sie mit Fördermittelgebern zusammenzubringen und ihnen viele Dinge abzunehmen, die ein Bauvorhaben sonst in die Länge ziehen.

Die Person: Britt Mandler, 45

Job: Stellvertretende Redaktionsleiterin der Lokalredaktionen Arnstadt und Ilmenau

Zeitung: Thüringer Allgemeine

Erscheinungsort: Die Hälfte des Freistaats

Auflage: 131.523 Exemplare, inklusive Teilauflage der Thüringischen Landeszeitung (Stand 2/20)

Der größte Coup Ihrer Zeitung: Mit unserer Unterstützung konnte nach langem Behördenkampf ein neuer Aussichtsturm auf dem Schneekopf errichtet werden, dessen höchster Punkt über 1.000 Meter liegt.

Region: Bach trat in Arnstadt seine erste Organistenstelle an, die Technische Universität Ilmenau lockt Menschen aus der ganzen Welt. Thüringens größtes Industriegebiet befindet sich hier und der Thüringer Wald. Ansonsten gibt es noch die Thüringer Bratwurst.

Wohin fahren die Menschen, wenn sie etwas erleben wollen? Erfurt, Gotha und Weimar sind nur einen Katzensprung entfernt. Doch auch vor Ort gibt es genug Abwechslung: Pilze sammeln, in glasklare Seen springen, Theater- und Konzertbesuche.

Autokennzeichen: IK, ARN und IL

„Denk ich an Deutschland im Jahr 2020“ … dann sehe ich ein Land, in dem es trotz aller Probleme und Sorgen vorwärts geht.

Mitmachen müssen aber auch die Kommunen, die mit Blick auf die wachsende Arbeitnehmerschar Bauland zur Verfügung stellen sowie Wohnraum und Kinderbetreuungsmöglichkeiten schaffen müssen. Die Agentur für Arbeit bietet zudem maßgeschneiderte Umschulungsprogramme für die künftigen Mitarbeiter an, sodass lange Einarbeitungszeiten entfallen.

Mittlerweile brummt die Wirtschaft am Erfurter Kreuz, die Industrieumsatzzahlen wachsen auf Rekordhöhen, auch wenn es schon heftige Krisen gab. So zogen sich gleich mehrere Anbieter aus der Solarbranche zurück, Hunderte Jobs entfielen. Lange arbeitslos blieben die Betroffenen indes nicht. Denn die meisten von ihnen sind gut ausgebildet. Maschinen- und Anlagenführer, CNC-Fräser, Elektriker, Handwerker aller Art – um solche Fachkräfte wird geworben.

In der Lohntüte machen sich die Erfolge aber nur bedingt bemerkbar. Dass Thüringen im Jahr 30 nach der Wende noch immer als Billiglohnland gilt, stößt den Menschen bitter auf. Es geht nicht nur um ein paar Euro, die man im Westen mehr verdient: Der Gehaltsatlas 2019 weist für Thüringen einen Durchschnittslohn von 36.450 Euro aus, das sind nur 81 Prozent des deutschen Durchschnittslohns. Im benachbarten Hessen liegt der Jahresdurchschnitt bei 51.345 Euro. Auch deshalb verlassen heute noch junge Menschen ihre Heimat, um im Westen ihr Geld zu verdienen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Löhne vor allem deshalb unterdurchschnittlich sind, weil es an Angeboten für Spitzenverdiener mangelt. Viele der Firmen am Erfurter Kreuz sind Filialen, die Hauptsitze der Unternehmen liegen in Westdeutschland oder im Ausland. Und dort befinden sich auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, in denen hoch bezahlte Ingenieure arbeiten.

Im Ilm-Kreis steht mit dem Erfurter Kreuz stattdessen die „verlängerte Werkbank“. Hier wird produziert, es werden Rekordumsätze erwirtschaftet, aber eben keine Spitzengehälter verdient.

Viele der Firmen hier sind Filialen, die Hauptsitze liegen in Westdeutschland oder im Ausland

Das zu ändern, ist ein langer Prozess. Immerhin: Die beiden Kommunen, auf deren Gemarkung das Industriegebiet liegt, der Landkreis und der Freistaat Thüringen agieren mittlerweile gemeinsam, setzen alles daran, auch Forschung und Entwicklung am Erfurter Kreuz zu etablieren.

Mit CATL gelang dies: Das Fraunhofer Institut eröffnete erst vor wenigen Wochen ein Batterie-Innovations- und Technologie-Center. Wichtigste Kunden sind derzeit die Chinesen, die mit Fraunhoferscher Hilfe ihre Produktionsprozesse optimieren wollen. Perspektivisch soll auch ein sogenanntes Transferzentrum entstehen: Wirtschaft und Forschungseinrichtungen arbeiten dann an gemeinsamen Projekten, so der Plan.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dieses im Bereich der Automobilzuliefererbranche angesiedelt sein. Geht der Plan auf, haben Ingenieure, die im nur wenige Kilometer entfernten Ilmenau ausgebildet werden, keinen Grund mehr abzuwandern: Sie finden dann direkt vor der Haustür eine berufliche Perspektive.

30 Jahre neues Deutschland: Was ist das heute für ein Land? Lokalredakteur*innen aus dem Norden, Süden, Osten und Westen erzählen ihre wichtigsten Geschichten – in der taz am Wochenende vom 02. Oktober. Aus Brandenburg berichtet Judith Melzer-Voigt über den Wandel einer ostdeutschen Kleinstadt vom grauen Einerlei zu Bunt. Aus Baden-Württemberg berichtet Peter Schwarz über den Amoklauf von Winnenden und Corona-Leugner. Aus Niedersachsen berichtet Kathi Flau über ein gutes Rezept gegen Identitätsprobleme. Aus Sachsen berichtet Josa Mania-Schlegel über bürgerliche Sympathien für die Hausbesetzer von Connewitz – und, und, und... Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Noch ist das, worüber Politik und Wirtschaft in Expertenrunden diskutieren, für die Bürger kaum greifbar. Transferzentrum – das ist ein hochtrabendes Wort. Erst wenn dieses Zentrum die Arbeit aufgenommen haben wird, wird es auch von der breiten Masse wahrgenommen werden.

Was die Menschen bewegt, ist noch immer der Blick in den Geldbeutel. Ganz so leer wie vor etlichen Jahren ist dieser nicht mehr. Was auch daran liegt, dass das Selbstbewusstsein der Bewerber deutlich gestiegen ist. Es gibt keinen Grund mehr, den nächstbesten Job anzunehmen, nur um eine Arbeit zu haben.

Das spüren auch die Arbeitgeber, die inzwischen mehr bieten müssen als den Mindestlohn. Extras wie Jobtickets, Unterstützung bei der Kinderbetreuung, Sportprogramme und vieles mehr sind inzwischen Standard. Denn anders lassen sich vakante Stellen kaum mehr nachbesetzen. Das spüren vor allem die vielen Logistiker, die sich angesiedelt haben. Bei ihnen arbeiten viele Ungelernte, klassische Geringverdiener also, die noch dazu häufig in Schichten oder an Wochenenden beschäftigt sind. Stimmt hier das Umfeld nicht, sind die Beschäftigten schnell wieder weg.

Also investieren die Firmenchefs – in ein nettes Arbeitsklima, aber auch in Löhne und Gehälter. Denn mit Niedriglöhnen sind auf Dauer keine Umsatzrekorde zu erzielen. Diese Erkenntnis ist 30 Jahre nach der Wende am Erfurter Kreuz allgegenwärtig.

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