1986 bis heute: die katastrophe und ihre folgen:
Die Kinder von Tschornobyl stehen heute in der Mitte ihres Lebens. Jene, die im April 1986 bei der größten Katastrophe in der Geschichte der zivilen Atomkraftnutzung Kids oder Teenager waren, übernehmen heute Verantwortung für ihre Generation. Wolodymyr Selenskyi war acht Jahre alt, als der GAU geschah, heute warnt der ukrainische Präsident vor einem Atomkrieg und mahnt, dass Europas größtes AKW Saporischschja noch immer in russischer Hand ist. Dort häufen sich Stromausfälle, es wird mit Notbesetzung betrieben. Auch Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko war noch jung, als der Reaktor explodierte, sein Vater war einer von rund 800.000 Liquidatoren (Unfallhelfern) und starb später an Krebs. Swetlana Tichanowskaja, belarussische Oppositionsführerin im Exil, war selbst eines der über eine Million „Tschornobyl-Kinder“, die zu Erholungsaufenthalten ins westliche Ausland gebracht wurden und über die wir in dieser Ausgabe berichten.
Im Osten, aber auch im Westen hat Tschornobyl eine ganze Generation geprägt und wirkt bis heute nach. Das bürgerliche Engagement etwa in Italien, Deutschland und den USA war in den Jahren nach Ende des Kalten Krieges immens. Die „Tschornobyl-Kinder“ trugen dazu bei, ein neues Ost-West-Vertrauen aufzubauen. NGOs, zivilgesellschaftliche Strukturen, Anti-Atom-Initiativen gründeten sich im Westen neu oder radikalisierten sich. In Deutschland wurde der Kampf unter anderem in Wackersdorf ausgetragen, wo die Wiederaufbereitungsanlage im Bau war. In Belarus und der Ukraine war Tschornobyl ein Impuls für die Zivilgesellschaft: Es formierten sich öffentliche Proteste, Eltern forderten Transparenz ein, vernetzten sich.
Davon ist etwas geblieben. Es ist wohl kein Zufall, dass es die Generation Tschornobyl war, die 2020 versuchte, den belarussischen Diktator Lukaschenka zu stürzen, und es ist auch diese Alterskohorte, die derzeit ganz wesentlich die Ukraine verteidigt. Die zivile Nutzung der Atomkraft und die kriegerische sind, das zeigt der Ukrainekrieg, nie ganz zu trennen. Atomkraftwerke sind Teil kriegerischer Handlungen, zugleich ist man in der gegenwärtigen Weltlage nie ganz sicher, ob nicht doch einer irgendwann den Atomkoffer öffnet.
Der Flirt mit der angeblich so sauberen zivilen Atomkraft bleibt auch in Deutschland und der EU reizvoll, Ursula von der Leyen, Jens Spahn und Markus Söder sind Fans. Und ausgerechnet das Land, das am stärksten vom Fallout betroffen war, Belarus, nutzt heute wieder Atomkraft. Lukaschenko will gerade ein neues Atomkraftwerk errichten. Dort ist Protest gerade kaum möglich, aber anderswo erinnern sich die Kinder von Tschornobyl vielleicht, wofür und wogegen sie damals gekämpft haben. Voneinander zu lernen, das war auch so ein postkatastrophischer Effekt. Wir lernen bis heute von und über Osteuropa, deshalb nutzen wir nun die Schreibweise „Tschornobyl“ (statt Tschernobyl), die auf der ukrainischen Sprache basiert und nicht auf der russischen.
Auch die taz ist ein Kind von Tschornobyl. Die Zeitung war damals sieben Jahre alt und wurde nach dem 26. April 1986 von einer kleinen linksradikalen Ökopostille schnell zum Massenblatt, erreichte neue Leserkreise außerhalb ihres Milieus. Denn so ausführlich und tiefgründig wie die taz berichteten andere Medien nicht über die Katastrophe. Und das tun wir bis heute, auch 40 Jahre danach. Jens Uthoff
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