1.000 Mal „Guten Morgen Eberswalde“: Wie kostenlose Kultur eine Stadt beleben kann
Am 5. September feiert eine Kulturreihe Jubiläum, die das Leben in Eberswalde geprägt hat. Für Bürger und lokale Wirtschaft brachte sie spürbare Verbesserungen.
Foto: Matthias Schäfer/Mescal
Wer an diesem Sonnabendmorgen bei kühlem, wechselhaftem Wetter den Weg nach Niederfinow auf sich nimmt, muss das wollen. Mehr als einhundert Menschen wollen und finden sich im Hof einer kleinen Brauerei, eine Autostunde nordöstlich von Berlin, ein. Es ist die 998. Ausgabe der Kulturreihe „Guten Morgen Eberswalde“, die heute außerhalb der Stadt am Finowkanal gastiert.
Eine Handvoll Künstler:innen sind in Tretbooten angereist und bespielen die improvisierte Bühne. Ihr „Festival der leisen Gesten“ verbindet Musik, Clownerie, Jonglage, Prosa, Pantomime und Tanz. Dieser Vormittag zeigt im Kleinen, was die Guten-Morgen-Reihe als Ganzes ausmacht: die allwöchentliche Portion Kunst aller Couleur im öffentlichen Raum in und um Eberswalde.
Die erste Ausgabe von „Guten Morgen Eberswalde“ liegt 19 Jahre zurück. An der Ursprungsidee hat sich seither nichts verändert. An ausnahmslos jedem Sonnabend um halb 11 wird kostenfrei Kultur geboten. „Wir haben eine Tageszeit gewählt, die es allen Bürgern ermöglicht, teilzunehmen. Dass Alte, die abends nicht mehr rausgehen, und Familien mit Kindern die Möglichkeit haben, vorbeizukommen“, sagt der Begründer der Reihe, Udo Muszynski. Das generationenübergreifende Programm ist sein Gegenentwurf zur Ausdifferenzierung von Kulturangeboten. Und außerdem, da ist er überzeugt, sei die Konzentrationsfähigkeit des Publikums am Vormittag am größten.
Wenn der 1961 in Ostberlin geborene Wahl-Eberswalder am Sonnabendvormittag ein Jazztrio, eine Autorin oder einen Puppenspieler ankündigt, spricht er mit leiser Stimme und ebenso leisem Humor. Auf der Bühne wirkt der großgewachsene Mann fast schüchtern und passt gerade deshalb nach Eberswalde.
Ruf der Stadt auf dem Tiefpunkt
In den 1990er Jahren war Eberswalde wie viele Städte auf dem Gebiet der untergegangenen DDR geprägt vom Dreiklang aus wirtschaftlichem Abstieg, Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Bahnwerk, Kranbau und Walzwerk hatten tausende Menschen beschäftigt; nach der Wende schrumpfen die Großbetriebe zu marktwirtschaftstauglichen Unternehmen zusammen. Hinzu kam der Ausländerhass. 1990 prügelten Neonazis den angolanischen Gastarbeiter Amadeu Antonio bewusstlos, Tage später erlag er seinen Verletzungen. Der Ruf der Stadt war auf dem Tiefpunkt.
Anfang der 2000er Jahre ändert sich das langsam. Und Kultur hat einen Anteil daran. Die Stadt gibt sich ein neues Zentrum, schließt Lücken, die der Zweite Weltkrieg geschlagen hatte. 2007 öffnet das Paul-Wunderlich-Haus, eigentlich ein Verwaltungsgebäude. Benannt wird es nach dem in Eberswalde geborenen Künstler. Dessen Dauerausstellung setzt einen Kontrapunkt zum trockenen Aktengewerbe. Und dann ist da mit „Guten Morgen Eberswalde“ eine Veranstaltungsreihe, die sich vorgenommen hat, Bürger:innen mit Kultur ins Stadtzentrum zu locken.
Gerade am Wochenende ist das nötig. Der Sonnabend ist für Händler:innen der umsatzschwächste Tag. „Guten Morgen“ kommt zur rechten Zeit, um das neue Zentrum zu beleben. Muszynski spricht rückblickend von einem Jahrzehnt des Aufbruchs zwischen 2005 und 2015, getragen von der Zusammenarbeit von Politik, Kultur und Bürgerschaft.
Foto: Matthias Schäfer/Mescal
Heute hingegen spricht der selbsterklärte Vermittler zwischen Künstler:innen und Publikum von Stagnation. Dabei steht die Stadt von außen betrachtet so gut da wie nie. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung lockt international junge Leute an, in der Genossenschaftskneipe trifft sich der queere Stammtisch, der Name des Bürgerbildungszentrums ehrt den zu Tode geprügelten Amadeu Antonio. Und: „Der Sonnabend ist ein umsatzstarker Tag geworden. Da haben wir vielleicht einen von mehreren Impulsen gesetzt“, so Muszynski.
Finanzierung jedes Jahr wieder offen
Trotz ihres zwei Jahrzehnte währenden Erfolgs stellt sich die Frage der Finanzierung der Reihe jedes Jahr neu. Zwar hat sich die Stadtverordnetenversammlung 2024 über alle Parteigrenzen hinweg einstimmig für die Reihe ausgesprochen. Ob sich das 2027 bei angespannter Finanzlage der Kommunen wiederholt wird, muss sich zeigen. Wichtig bleiben private Förder:innen aus Gastronomie und Einzelhandel sowie Spenden des Publikums.
Was solches Engagement bewirken kann, zeigen vier Wohnungsbaugesellschaften in Eberswalde. Fernab des Stadtzentrums fördern sie im Brandenburgischen Viertel die „Helle Stunde mit Kultur“ – das ist die „kleine Schwester“ der Guten-Morgen-Reihe, die Muszynski auf Impuls der städtischen Wirtschaftsförderung etabliert hat.
Das einst moderne Neubauviertel war nach 1990 von Tristesse geprägt. Wer konnte, zog weg. Heute arbeiten Quartiersmanagement und Wohnungsbau gezielt am Image des Viertels, legen Wohnungen zusammen, schaffen Spielplätze, lassen Hauseingänge von Künstler:innen gestalten. Und die „Helle Stunde“ sorgt in den Sommermonaten für Leichtigkeit am Mittwochvormittag. Damit erreicht sie nicht nur junge Familien, die heute wieder hierherziehen, sondern auch nichtberufstätige Bewohner:innen, Rentner:innen oder Kita-Gruppen.
Während die „Helle Stunde“ gerade 100 Ausgaben zählt, wird „Guten Morgen Eberswalde“ am 5. September die tausendste feiern. „Die wird ’n bisschen üppiger ausfallen“, erzählt Muszynski und kündigt langjährige Wegbegleiter:innen wie die „Saxpuppets“ an – jene kostümierte Marching-Band, die in der ersten Ausgabe am 14. Juli 2007 aufgespielt hatte.
Udo Muszynski hat mittlerweile ein kleines Team um sich gescharrt. Aber die Zukunft der Reihe steht und fällt mit ihrem Begründer. Der indes nähert sich dem Rentenalter. Was also tun? Muszynski: „Fit bleiben, so ’nen richtigen Plan habe ich nicht.“
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