100 Tage Klimacamp in Bremen: Weit weg vom Ziel

Seit mehr als 100 Tagen steht das Klimacamp vor dem Bremer Rathaus. Manche hier haben den Glauben an die Politik jedoch längst verloren.

Aktivisten tobias und simon sitzen auf palettenmöbeln vor den zelten des klimacamps vor dem bremer rathaus

Konsum und Protest in der City vereint: Tobias und Simon bevorzugen letzteres Foto: Alina Götz

BREMEN taz | Es ist Tag 102. Am Samstag wurde „gebührend gefeiert“, schrieb das Klimacamp Bremen bei Twitter. Gibt es denn etwas zu feiern? „Dass wir noch hier sind“, sagt Simon. „Das war eine große Herausforderung“; die ganze Organisation, die Besetzung des Camps, das im April errichtet wurde, um an das Pariser Klimaabkommen zu erinnern.

„Auf politischer Ebene gibt es noch keine Erfolge“, sagt Tobias. „Aber auf Bür­ge­r*in­nen­ebe­ne: Wir schaffen ein ständiges Bewusstsein.“ Die beiden Aktivisten gehören zum Kernteam von sechs, sieben Leuten, die fast dauerhaft im Camp wohnen. Eigentlich hatten sie sich gewünscht, dass mehr Menschen mitmachen, sagt Simon. Bleiben will man hier mindestens bis zur Wahl, am liebsten länger.

Simon, Aktivist im Klimacamp

„Eine Utopie wird im öffentlichen Diskurs nicht behandelt“

Direkt vor dem Rathaus, in dem Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) arbeitet, gegenüber des Doms, steht das Klimacamp. Dort, wo der Wind in der Regel für ordentlich Zug sorgt. Von hier aus lassen sich Wochenmarkt, Touris, Stadtführungen und Polizeipatroullien beobachten.

Die Gespräche mit Pas­san­t*in­nen können herausfordernd sein, erzählt Simon. Viele seien nicht gut informiert, dazu würden Menschen aus klimaskeptischen oder -leugnerischen Strömungen kommen. „Und die Vorstellung von einer Utopie, zu der wir uns hinentwickeln müssten, haben die wenigsten. Sie wird im öffentlichen Diskurs auch nicht behandelt.“ Einzelmaßnahmen, ja – „aber wie das alles zusammen geht und inwiefern auch ein Verzicht auf Verbrauch oder Mobilität in dieser Utopie enthalten sein muss, sind Fragen, die vom Politikbetrieb gescheut werden“.

Simon und Tobias sitzen auf bunt angemalten Palettenmöbeln unter dem Dach eines einfachen Pavillons; neben ihnen stehen ein großes und sieben kleine Zelte. An der Seite der vorbei flanierenden Pas­san­t*in­nen stehen ein Plakat, ein Hochbeet, Töpfe mit Pflanzen. „Bei euch sieht es ordentlicher aus als in Augsburg“, vergleicht eine Frau das Camp mit einem süddeutschen Pendant und fotografiert die Aufbauten gut gelaunt.

Auch andere Ur­lau­be­r*in­nen halten drauf: „Greta ist ihr Vorbild“, kommentiert eine Frau die Fotos ihrer Tochter. Ebenso interessiert sind Einheimische. Ein älterer Mann mit Rad schaut sich das Plakat an: „1,5 Grad-Ziel einhalten, festes CO2-Budget und klimaneutral bis 2032“ steht da drauf. Er ist schon öfter vorbei gefahren, jetzt bleibt er stehen. „Tja, vielleicht bringen viele Maßnahmen zusammen mal was.“ Auch ein anderer Passant glaubt, dass das Camp „gut ist, um Aufmerksamkeit zu generieren“.

Aufmerksamkeit, die Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) gar nicht lieb war: Er legte im Frühjahr Beschwerde ein gegen den Beschluss des Verwaltungsgerichts, das ein Verbot des Camps durch das Ordnungsamt gekippt hatte. Doch das Oberverwaltungsgericht entschied, dass das Camp durch die Versammlungsfreiheit gedeckt sei.

Frustriert, aber nicht ängstlich

Das sehen wohl nicht alle so: Man sei schon beschimpft, bespuckt und mit Eiern und Blumentöpfen beworfen worden, heißt es in der Mitteilung zum 100-tägigen Bestehen.

Manchmal ist es frustrierend, sagt Simon. Wenn Menschen immer wieder darauf hinweisen: „Wir brauchen die Wirtschaft, die Arbeitsplätze, den Flughafen.“ Diese „vereinfachten Sichtweisen“ und die fehlende Bereitschaft, „größer zu denken“ machten keine Hoffnung. Doch Tobias erlebt, dass selbst diese Menschen den Ak­ti­vis­t*in­nen mit Respekt begegnen. „Die wollen schon, dass sich was verändert.“

„Ja, aber was? Wenn die an Veränderung denken, denken die an ein bisschen mehr E-Mobilität und ÖPNV und weniger Plastik“, sagt Simon. Das führe zu einem „unrealistischen Optimismus“. Auch der von ihm beobachtete Wunsch vieler, in das „harmonische, routinierte Alltagsleben vor Corona“ zurückzukehren, stehe „konträr zu dem, was wir brauchen“. Entsprechend sieht die Zukunft für Tobias „düster“ aus. Angst haben die beiden nicht. „Aber um mich geht es nicht“, sagt Simon. „Ich habe schon ein Leben gehabt.“

Einige aus dem Camp haben bereits mit verschiedenen Bürgerschafts-Abgeordneten gesprochen. Am Mittwoch kommt sogar der Bürgermeister. Tobias glaubt nicht, dass diese Gespräche viel bringen. „Die Po­li­ti­ke­r*in­nen wissen ja, was sie da tun.“ Für Simon braucht es viel eher die Gesellschaft, die eine Veränderung wollen und tragen muss.

Währenddessen läuten die Domglocken. Das passiere die ganze Nacht, sagt Tobias, alle Viertelstunde. Müde sei er aber nur manchmal. Jetzt dröhnen sie gleich für mehrere Minuten über den Platz: Es ist kurz vor zwölf.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de