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Premiere „Der Teich“ an der VolksbühneWarten auf die Gewaltexplosion

Gisèle Vienne inszeniert Robert Walsers Kurzdrama „Der Teich“ als subtile Studie missbräuchlicher Familienverhältnisse. Das Grauen entsteht dabei aus Andeutungen.

Alles ist unerträglich. Der elektronische, viel zu laute Sound. Die wie Tote ins Publikum starrenden Puppen im weißen Raum. Die betonte, ja zärtliche Ruhe, mit der ein Techniker sie von der Bühne trägt. Und die Zeitlupe, mit der die beiden Schauspielerinnen auftreten. Diese klebrigen, stockigen Bewegungen, als seien sie selbst Puppen ohne Leben oder eher welche mit nur noch ein ganz bisschen Akku, der jedoch ausreichen muss, um den schmerzenden Abgrund der familiären Gegenwart zu überwinden.

Adèle Haenel und Julie Shanahan, die alle Rollen in Robert Walsers Kurzdrama „Der Teich“ in der Adaption Gisèle Viennes auf den Brettern der Berliner Volksbühne verkörpern, werden diese verlangsamte Unerträglichkeit den gesamten Abend nicht ablegen. Sie versetzen so die Zu­schaue­r:in­nen in einen konstanten Zustand des sprichwörtlichen „waiting for the next shoe to drop“, einer nervenaufreibenden Antizipation des nächsten Geräuschs, das einfach nur verschwinden soll, oder in diesem Fall: auf eine plötzliche Entgleisung der Gewalt, auf ein furchtbares Ereignis, auf unendlich viel Blut oder auf den plötzlichen Stillstand. Doch nichts davon tritt ein.

Auf nur gut zwanzig Seiten schrieb Walser 1902 die Familienhölle auf, in welcher der sich von seinen Eltern ungeliebt gefühlte Fritz seinen Suizid durch Ertränken im Teich vortäuscht, nur um sich danach der Welt noch entfremdeter zu fühlen. Gisèle Vienne inszeniert das Stück, das schon 2021 in Lausanne Premiere hatte und nun an der Berliner Volksbühne zu sehen ist, als subtile Studie missbräuchlicher Familienverhältnisse: Gewalt, Inzest und psychische Zersetzung lauern als permanente Möglichkeiten und werden doch nie gezeigt.

Meisterin des Impliziten

Haenel, die selbst vom Regisseur Christoph Ruggia als Kind zwischen 12 und 14 Jahren missbraucht wurde und mit ihren öffentlichen Vorwürfen und dem sich anschließenden Verfahren zu einer der führenden Personen der französischen Me-Too-Bewegung wurde, spielt dabei alle Kinderrollen, während Shanahan mit ihrem hautablösenden Lachen die der Eltern übernimmt. Es ist auch dieses Springen zwischen Charakteren, Stimmen und Stimmungen, was dem Stück seine psychotische Wirkung verleiht.

Vienne ist eine Meisterin des Impliziten. Ins Ekelerregende verstärkte Körpergeräusche, Drone-Sounds von Black Metal Ikone Stephen F. O’Malley (unter anderem Sunn O)))) und François J. Bonnet und eine brillante monochrome Lichtsetzung (Yves Godin) verschieben die anderthalb Bühnenstunden zusätzlich ins körperlich schwer zu Ertragende. Dass dabei explizite Gewalt weder ausgeübt noch ausgesprochen wird und die Katharsis lediglich im unversehrten Verbeugen der Schauspielerinnen beim Schlussapplaus zu finden ist, hinterlässt einen metallischen Geschmack im Mund. Und doch erhebt Vienne so das Schicksal des Individuums zur Stellvertretung der Struktur. Sie abzubilden, ohne sie nachzustellen, ist so schwer wie notwendig. Trotz und gerade aufgrund ihrer Unerträglichkeit.

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