SPD-Abgeordneter Lars Düsterhöft: Wer sich kümmert, bricht den Trend
Als einziger Sozialdemokrat hat Lars Düsterhöft ein Direktmandat fürs Abgeordnetenhaus geholt. Was ist das Rezept des SPD-Manns aus Treptow-Köpenick?
Foto: Sebastian Gollnow/dpa
„Erst mal herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl“, sagt die Frau Mitte 50, als sie das Wahlkreisbüro von Lars Düsterhöft betritt. Sie ist nicht zum ersten Mal im Büro des SPD-Politikers in Johannisthal, einem Ortsteil von Treptow-Köpenick. Das Thema, bei dem sie Hilfe braucht, sei noch immer nicht gelöst, sagt sie: Mehrere Äste eines großen Baums auf einer öffentlichen Parkanlage ragen in ihr Grundstück hinein. Düsterhöft hat schon vor Wochen an das bezirkliche Grünflächenamt geschrieben und keine Antwort erhalten. „Wir schreiben sie noch einmal an“, verspricht er der Frau, die das Büro zufrieden verlässt.
Lars Düsterhöft, 44, ist berlinweit der einzige SPD-Politiker, der am 20. September für die einstige Volkspartei ein Direktmandat im Abgeordnetenhaus geholt hat. Gegen den Trend konnte er 26 Prozent der WählerInnen in seinem Wahlkreis dazu bewegen, ihm die Erststimme zu geben. Bei den Zweitstimmen im Wahlkreis hat die SPD nicht einmal halb so viele Stimmen bekommen, Linke, AfD und CDU lagen vor ihr. Über eine Liste war Düsterhöft nicht abgesichert, man konnte ihn nur direkt wählen.
Wie ist es möglich, dass ein Sozialdemokrat gegen den Trend so stark gewinnt? „Der ist rührig“, antwortet die Johannisthalerin Annette V., und zählt auf: Er habe der Bahn Druck gemacht, dass der Bahnhof Schöneweide keine Dauerbaustelle bleibt. Er setze sich dafür ein, dass die Rampen der ehemaligen Brücke an der Wuhlheide, die nun ins Nichts führen, endlich abgerissen werden. Und im Moment kämpfe er darum, dass in einen geschlossenen Aldi wieder ein Supermarkt einziehen kann.
Woher sie das alles weiß? „Ganz regelmäßig“, sagt Annette V., verteile Düsterhöft eine Wahlkreiszeitung an alle Haushalte. Sie habe mit ihrer Zweitstimme das BSW gewählt, sagt sie, Düsterhöft bekam ihre Erststimme. „Damit er weiterhin für Johannisthal kämpft.“
Ansprechbar heißt die Wahlkreiszeitung, die Düsterhöft sechsmal im Jahr in alle Briefkästen seines Wahlkreises steckt. Ja: steckt, nicht stecken lässt. Er und seine Wahlkreismitarbeiterin schreiben die Artikel, eine Mischung aus Informationen aus der SPD und Lokaljournalismus, den sich viele Zeitungen nicht mehr leisten können. Sie schreiben über die voraussichtliche Dauer von Schienenersatzverkehr im Kiez, über neue Spielplätze und Pflanzungen von Straßenbäumen.
Mit Dialekt und Respekt
Düsterhöft und seine Mitarbeiterin produzieren das Blatt. Und die beiden verteilen die 12.500 Zeitungen ganz allein. „Die Ansprechbar ist Teil meines Erfolgs im Wahlkreis“, ist sich der SPD-Mann sicher. Der andere Teil: „Ich bin immer ansprechbar. Meine Telefonnummer steht auf allen Wahlplakaten und Werbemitteln. Ich beantworte Mails, die bei anderen Abgeordneten wohl im Papierkorb landen.“
Dass Düsterhöft eine einfache Sprache mit Berliner Dialekt spricht, ist da sicher nicht von Nachteil. Auch nicht, dass er den BewohnerInnen seines Wahlkreises mit Respekt gegenübertritt, auch wenn sich die politischen Meinungen unterscheiden.
Es ist gegen Mittag, als die taz Düsterhöft trifft. Und die Frau mit den Ästen auf ihrem Grundstück war bereits die dritte Person, die an diesem Tag mit einem privaten Anliegen zu ihm kam. „Eine andere Frau merkte an, dass eine Bushaltestelle zu weit entfernt sei von einer neu gebauten Schule. Da schreibe ich die BVG an. Und ein Bürger hat wegen des geschlossenen Supermarktes angefragt.“ Da sei er ja ohnehin dran. Oft bräuchten Bürger auch Hilfe beim Ausfüllen von Formularen. Er sei da eine Mischung aus Sozialarbeiter und Kiezbürgermeister, meint Düsterhöft.
Was man vielleicht nicht vermutet: Lars Düsterhöft hat eine typische Parteikarriere hingelegt: Nach sechs Jahren Arbeit in der Altenpflege und einem Studium der Politikwissenschaft arbeitete der gebürtige Berliner zuerst im Willy-Brandt-Haus, danach als Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten. Er war Juso-Vorsitzender im Bezirk und Bezirksverordneter, bevor er 2016 erstmals ins Abgeordnetenhaus einzog.
Heute hält er es nicht mehr so mit Parteiämtern. „Ich brauche diese Strukturen nicht, ich habe dafür keine Zeit“, sagt er der taz. „Für mich hat das Mandat Vorrang vor der Partei.“
Zurück in die Altenpflege?
Das ist ungewöhnlich in einer Partei, die in den 1970ern mal eine gute Million Mitglieder hatte und ihre innerparteilichen Strukturen seitdem kaum abgespeckt hat. Fast jeder wichtige Genosse muss daher mehrere Parteiämter auf Abteilungs-, Bezirks- und Landesebene bekleiden und viel Zeit in Sitzungen verbringen. Noch heute muss man sich in der SPD mit Parteiämtern für Plätze auf Kandidatenlisten empfehlen.
Mit seinem Erfolg im Wahlkreis kam Düsterhöft aber nicht um die vielen Fraktionsvizeposten im Abgeordnetenhaus herum. Das Politikfeld des ehemaligen Altenpflegers ist die Sozialpolitik. Nach einer Politikerkarriere kann er sich vorstellen, wieder in die Altenpflege zurückzukehren.
Nicht ans Krankenbett, aber ins Management eines gemeinnützigen Pflegeunternehmens. Dort übt der Politiker seit acht Jahren einen kleinen Nebenjob aus. „Diese Entscheidung habe ich getroffen, weil ich als Politiker nie wissen kann, ob es nach den nächsten Wahlen weitergeht. Unabhängig vom Wahlergebnis weiß ich aber, dass ich meine Familie auch nach der nächsten Wahl gut versorgt wissen möchte“, schreibt der Familienvater auf seiner Website.
Medien haben Düsterhöft nun schon öfter nach dem Erfolgsrezept seines Wahlkampfes gefragt. Wer nicht gefragt hat, sei seine Partei, sagt er der taz. Eine neue Abgeordnete gibt es da aber, die danach gar nicht zu fragen braucht: Julia Dittmer war zehn Jahre lang Düsterhöfts Wahlkreismitarbeiterin. „Da habe ich gelernt, wie Wahlkreisarbeit geht“, sagt sie.
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