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Eine Kulturgeschichte des Beifalls kann einen langen Bogen schlagen. Klatschen ist Grundbedürfnis – und wird von den Mächtigen sehr gern manipuliert
Foto: Nikada/getty images
Von Ambros Waibel
Kürzlich habe ich es mal wieder erlebt. Das Publikum klatschte, weil es die Leistung eines Funktionsträgers würdigen wollte. Oder war es Angstabfuhr, Katharsis, rein sentimentale Geste? Galt der Beifall des Publikums sich selbst? Oder war er ein Zeichen der Vorfreude auf das, was nun folgen würde?
Die Rede ist von der Landung eines Flugzeugs, eine in der Tat sehr sanfte Landung. Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung ist gegeben, das Publikum ist begrenzt, das Flugzeug entspricht dem geschlossenen Theaterraum – ein idealer Ort fürs Klatschen, möchte man meinen.
Der Theaterraum allerdings war in seinen Anfängen gar nicht geschlossen. Denn hinter dem antiken Amphitheater – referiert die Medienwissenschaftlerin Judith Pietreck in ihrem Buch „Zwischen Klatschen und Klickzahl. Eine Kulturgeschichte der Publikumsgeste Applaus“ – versammelte sich jenes Urpublikum, das, um im obigen Bild zu bleiben, nicht abheben durfte, das im Theater selbst nicht zugelassen war: Sklaven, Frauen, Arme.
Dieser „Pöbel“ saß auf einer hohen „Pappel“ (lat. Populus) und bildet das eigentliche „Publikum“; welches sich nämlich nicht anstands- und anstaltskonform verhalten muss, weil es eh nicht geladen ist und unkontrolliert klatschen und protestieren kann, wenn es seine Interessen, ja seine bloße Existenz auf der Bühne nicht angemessen vertreten sieht. Damit sind wir natürlich mitten im Shitstorm und bei den modernen sozialen Medien. Das letzte Kapitel von Pietrecks Buch widmet sich dann auch dem „Publikum im Internet“.
Liken wird hier als abgewandelte Form des Applauses begriffen. Wobei, wie schon angeschnitten, die Frage im Raum steht, ob wir nicht durch einen Social-Media_Like einfach „ein Verhältnis zu uns selbst gewinnen“ wollen und der Bekenntnischarakter im Vordergrund steht.
Wenn wir etwas kommentieren, schnappen wir uns das Privileg sogenannter großer Männer, die in Briefen und Büchern seit Jahrtausenden ihr ganz persönliches Verhältnis zur Welt hinausposaunen konnten.
Was im Englischen ein „user“ ist, was sich auch auf Drogeneinnahme beziehen kann, ist dabei im Deutschen ein „Nutzer“. Und wieder wie bei der Pappel kommen wir zu interessantesten etymologischen Spekulationen und Gedankensprüngen, wenn wir dem „abuse“, die „Abnutzung“ gegenüberstellen.
Die Digitalisierung, zitiert Pietreck Habermas, mache heute alle zu potenziellen Autoren, wie einst der Buchdruck alle zu potenziellen Lesern gemacht habe. Wer das dann alles lesen und noch dazu beklatschen soll?
In manchen Kontexten muss man sich diese Frage gar nicht erst stellen. Pietreck beschreibt die berüchtigte Berliner Sportpalastrede von Goebbels am 18. Februar 1943, unmittelbar nach der katastrophalen deutschen Niederlage gegen die Rote Armee in Stalingrad.
„Kein Stand, kein Beruf und kein Lebensjahr“, behauptete Goebbels im Sportpalast, „blieb bei der Einladung unberücksichtigt. Ich kann also mit Fug und Recht sagen: Was hier vor mir sitzt, ist ein Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volk an der Front und in der Heimat. Stimmt das? (Ja-Rufe, laute Zustimmung und starker Beifall).“
In einer anderen zitierten Quelle sagt Goebbels: „Es war das politisch bestgeschulte Publikum, das sie in Deutschland finden können.“
Auch auf hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung zählen dürfende Regime wie der Nationalsozialismus verließen sich also bei entscheidenden Kundgebungen nicht auf spontane Begeisterung. Natürlich braucht es den Zampano, der das Feuer anfacht, aber dass es im Saal schon glüht, dafür wird bis ins kleinste Detail vorgearbeitet.
Von Silvio Berlusconis Kampagnenleiter Antonio Palmieri ist die Aussage überliefert, dass mit Berlusconi die zeitgenössische politische Kommunikation beginne: die Personalisierung, der direkte Kontakt mit den Wählern, deren Wünsche und Ängste wie bei Konsumenten haarfein analysiert wurden.
Berlusconi habe dabei einerseits nichts dem Zufall überlassen, andererseits sich selbst, seinen Launen und Eingebungen vollkommen freie Leine gegeben.
Das hat den überraschenden Effekt, dass der zeitgenössische populistische Führer völlig originell und viel spontaner als die alte Funktionärsriege wirkt, obwohl seine Organisation das Publikum sehr viel mehr durchleuchtet und am Zügel hat als die traditionellen Parteien.
Trotz aller Manipulierungsversuche während der Rede gab sich Goebbels aber nicht zufrieden. „Er ließ für die Druckfassung Korrekturen wie ‚langanhaltender, stürmischer Beifall‘ an Stellen einfügen, die seiner Meinung nach in der Realität nicht genug beklatscht wurden“, schreibt Pietreck, um dann die überraschende Volte zu schlagen, dass die Sportpalastrede in ihrer Wirkung „überschätzt“ werde und wir sozusagen noch immer der Nazipropaganda auf den Leim gingen.
Die freie Presse im Ausland blieb unbeeindruckt, und auch in Nazideutschland selbst hieß es im Geheimdienstbericht, „dass sich die Wirkung der Berliner Propaganda-Inszenierung nicht per Rundfunk und andere Medien auf die allgemeine Bevölkerung im Lande übertragen ließ“.
Die Claque und die Inszenierung sind also nicht alles; und je lauter, drängender und pompöser sie werden, desto peinlicher sind sie auch. Je schriller der Endsieg verkündet wird, desto näher ist die Niederlage, auch der Trumps und Putins, der Siegmunds und Wagenknechts – so dürfen wir jedenfalls hoffen.
Pietreck hat ein trotz wissenschaftlichen Jargons höchst anregendes Buch geschrieben, das Sie allerdings angesichts des hohen Preises wohl am besten in der öffentlichen Bibliothek Ihres Vertrauens entleihen: eine Institution, die dann wirklich mal unseren uneingeschränkten, ja frenetischen Applaus verdient hat!
Judith Pietreck „Zwischen Klatschen und Klickzahl. Eine Kulturgeschichte der Publikumsgeste Applaus“, transcript Verlag, Bielefeld 2026, 276 Seiten, 52 Euro
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