Wandernde Arten: Die gefährlichen Reisen der Regenpfeifer und Trauerschnäpper
Klimawandel, Landwirtschaft und Siedlungsbau gelten als größte Bedrohungen für die Zugvögel. Ihr Schutz muss über Grenzen hinweg organisiert werden.
Foto: Mathias Schäf
Kranich, Mehlschwalbe und Trauerschnäpper stehen auf der Shortlist für die Abstimmung zum Vogel des Jahres des Naturschutzbunds Nabu. Doch sie eint noch mehr: Sie sind Zugvögel. Der Trauerschnäpper, ein kleiner, schwarz- und braun-weißer Singvogel etwa fliegt ins Winterquartier ins tropische Afrika. Die Sahara überquert er an zweieinhalb Tagen ohne Unterbrechung. Erst spät im Frühling kehrt er zurück – und weil dieser wegen der Erderwärmung früher einsetzt, sind seine Nistplätze häufig von Vögeln wie Meisen besetzt, die den Winter über hier verbringen.
Der Trauerschnäpper hat es schwer, und nicht nur er. Laut dem Bericht „State of the World’s Birds“ vom Dachverband BirdLife International gehen 45 Prozent der Bestände aller Zugvogelarten zurück, jede neunte ist vom Aussterben bedroht. Bei den Seevögeln ist es sogar jede Dritte. Der Bericht erscheint alle vier Jahre und wurde kürzlich in Nairobi vorgestellt. Neben 120 weiteren Naturschutzorganisationen aus aller Welt war als deutsche Vertretung auch der Nabu vor Ort.
Die größte Bedrohung sieht der Bericht im Klimawandel, in der Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft und dem Flächenschwund durch Bebauung. „Insbesondere Zugvögel können durch den Verlust von Gebieten beeinträchtigt sein“, sagte Vera Brust vom Nabu. Auf dem Zug selbst seien die Tiere widrigen Wetterbedingungen und Fressfeinden ausgesetzt. Das war schon immer so, aber heute setzen ihnen zusätzlich Straßenverkehr, Jagd, Hochspannungsleitungen, Glasfassaden und Windkraftanlagen zu.
Mehr als 2.200 Zugvogelarten gibt es weltweit. Die meisten Zugvögel bewegen sich im Herbst vom Norden in den Süden. Deutschland spielt dabei in dreifacher Hinsicht eine Rolle: als Transitland, als Ausgangspunkt für Vogelzüge, die in den Süden übersiedeln, und auch als Überwinterungsgebiet für Vogelarten, die den Sommer weiter nördlich verbracht haben. Etwa 150 Zugvogelarten brüten in Deutschland, 300 rasten oder überwintern hierzulande. Besonders wichtig sei es, Lebensräume wie das Wattenmeer zu schützen: „Zweimal jährlich wird es zur Drehscheibe des Vogelzugs für mehrere Millionen rastende Watvögel“, sagte Brust.
Internationale Zusammenarbeit gefragt
Dabei verenden See-, Meeres- und Küstenvögel zum Beispiel an Plastikabfällen, die sie fälschlicherweise für Nahrung halten. Über eine Million Seevögel sterben zudem als Folge von Beifang in der Fischindustrie. Eine weitere Million Wasservögel werden jedes Jahr in Europa durch Vergiftungen mit bleihaltigen Munitionsresten getötet, die als Abfallprodukte von der Jagd auf Vögel auf dem Boden landen und von den Tieren mit Futter verwechselt werden.
Erste Lösungsansätze stellt das Michael-Otto-Institut (MOIN) vom Nabu bereit: Aus der Erforschung des bedrohten Seeregenpfeifers wurde ein Nationales Artenhilfsprogramm für Strandbrüter entworfen. Das Programm wird vom Bundesamt für Naturschutz mit über einer Million Euro gefördert und läuft noch bis Februar 2027. Neben dem Seeregenpfeifer zählen auch der Sandregenpfeifer und die Zwergseeschwalbe zu den untersuchten Arten.
Seevögel besonders bedroht
Ziel des Projekts ist es, Rast- und Mauserplätze im Wattenmeer gezielt zu schützen. Mauserplätze sind Orte, an denen sich Vögel zum Mausern zurückziehen. Während sie ihr Gefieder wechseln, sind die Vögel über mehrere Wochen hinweg flugunfähig. Sie benötigen Ruhe, suchen im Schilf Schutz vor Fressfeinden und brauchen eine nahrungsreiche Umgebung, weil sie weniger Kräfte zur Verfügung haben.
Um die Strandbrüter zu schützen, werden sogenannte „Strandinseln“ eingerichtet, sagte Brust. Auch Elektrozäune werden erprobt, um Ratten, Katzen oder Hunde von Eiern und Jungtieren fernzuhalten. Eines der wichtigsten Überwinterungsgebiete der Seeregenpfeifer ist laut Brust das Saloum-Delta im Senegal. Dort finden in Zusammenarbeit mit senegalesischen Akteuren aktuell umfangreiche Untersuchungen zu den genutzten Lebensräumen und Gefährdungen vor Ort statt.
„Um Zugvögel ganzjährig zu schützen, müssen ihre Sommer- und Winteraufenthaltsorte und ihre Zugrouten bedacht werden“, meinte Brust. Die internationale Zusammenarbeit müsse dabei mit lokalen Partnern erfolgen. „Sie kennen die Gegebenheiten am besten und können vor Ort geeignete Maßnahmen und Kampagnen ausführen“, sagte Brust.
Die Wahl zum Vogel des Jahres etwa soll hierzulande die Aufmerksamkeit auf Zugvögel lenken. Noch bis zum 15. Oktober kann abgestimmt werden, und am Wochenende des dritten und vierten Oktober findet zum Höhepunkt des Vogelzuges das bundesweite Birdwatch-Wochenende statt. Da sind die Trauerschnäpper allerdings schon längst unterwegs nach Afrika – wahrscheinlich rasten sie gerade irgendwo in Spanien.
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