Olympisches Boxen: Dann muss es eben Nikita machen
Bei den Europameisterschaften hoffen die deutschen Boxer auf einen: den Superschwergewichtler Nikita Putilov. Ein Quereinsteiger mit Perspektiven.
Foto: Norbert Schmidt/imago
Sensible Gemüter könnte das eventuell unter Druck setzen, wenn sie an einem hochkarätigen internationalen Wettbewerb plötzlich der oder die letzte verbliebene Aktive ihres Landes sind – für Nikita Putilov ist das nur „ein doppelter Ansporn“. Der 23-jährige Athlet im Elitekader des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV) versteht mit Stress solcher Art „zum Glück relativ entspannt“ umzugehen, wie er von sich selbst sagt.
Das hat mehrere Gründe. Erstens ist er seit je „eher der ruhigere Typ“. Zweitens hat er gelernt, seinem eigenen, erkennbar großen Potenzial zu vertrauen, denn „Kampfsport ist eins gegen eins, da kann dir keiner direkt helfen.“ Und drittens hat er in der tragenden Rolle des „Last Man Standing“ inzwischen eine gewisse Übung.
„Jetzt ist nur noch Nikita da“ oder „Dann eben Putilov“: In diesem Sprech haben Trainer und Betreuer des DBV intern schon öfter den Wasserstand festgehalten, wenn es auf großer Bühne um Medaillen ging. So wie zuletzt im Juni, als der in Leipzig aufgewachsene Sohn russischer Zuwanderer beim Weltcup im chinesischen Guiyang Silber gewann; es war der einzige deutsche Podestplatz.
Nikita Putilov
Und wer weiß, ob es in Sofia nicht ähnlich kommt, wenn da 400 Boxer*Innen von Donnerstag an bei den Europameisterschaften um die Titel in allen Limits kämpfen. So hoch wie das Superschwergewicht mit dem imposanten physischen Format (1,97 Meter und etwa 106 Kilogramm) wird schließlich niemand der zwölf weiteren Aktiven im deutschen Team (acht Männer, vier Frauen) aktuell gehandelt.
Hoffnung auf und für Olympia
Der ehemalige Schwimmer, den ein Freund mit 14 Jahren ins Gym zog, hat sich nach eigener Darstellung gleich beim ersten Training „ins Boxen verliebt“. Er war schon damals so gut wie ausgewachsen und hat ganz allmählich noch etwas an Gewicht zugelegt.
So bewegt er sich heute mit auffälliger Geschmeidigkeit und erstaunlichem Tempo im Ring: ein schlagstarker Konterboxer, dem Trainer David Hoppstock mit viel Geduld die nötigen Finessen beigebracht hat. Die EM-Titel bei den Junioren, bei der U19 und der U22 sowie die deutsche Meisterschaft bei den Senioren (2024) bestätigten, dass da ein Ausnahmetalent heranreift.
Außerdem muss es einen Grund geben, warum Humberto Horta Dominguez den Youngster am zentralen Stützpunkt in Heidelberg so intensiv studiert – was impliziert, dass er ihn auch akribischer als andere korrigiert. Der zum Jahresbeginn verpflichtete Cheftrainer aus Kuba hat in Putilov offenbar eine der größten Hoffnungen für das olympische Turnier 2028 in Los Angeles ausgemacht. Seither vergeht kaum eine Woche ohne neue Anregungen, mit denen der kleine, energische Mann den Schützling noch beweglicher, also ein bisschen karibischer machen will.
Die Gewichtsklasse der ganz Großen
Da dürfte auch Prestige mitspielen: In welcher Gewichtsklasse zählte maximaler Erfolg so viel wie in der obersten, wo George Foreman, Teófilo Stevenson oder Lennox Lewis ihre legendären Karrieren begründeten?
Die hohe Aufmerksamkeit tut Putilov gut. Er war zunächst in ein Loch gefallen, als die Entscheider im Verband statt seiner den etwas älteren Kölner Nelvie Tiafack für Olympia 2024 in Paris nominierten – und dafür Bronze zurückbekamen. Danach verspürte er ein halbes Jahr lang „keine richtige Lust aufs Boxen, das Ziel hat gefehlt“.
Doch mit dem neuen, hoch dekorierten Chefcoach und der zentralisierten Struktur wurden gerade frische Impulse gesetzt. „Seitdem ist schon ein guter Sprung nach vorn zu sehen“, sagt Putilov. Und: „Man hat ein gewisses Vertrauen, weil er schon so viele erfolgreiche Athleten entwickelt hat. Vielleicht ist man ja der Nächste …“
Noch ist Putilov bei den Senioren nicht der Dominator, an dem sich alle Mitbewerber orientieren. Dieser Nimbus gilt derzeit eher für den drei Jahre ältere Kasachen Aibek Oralbay, der ihn im Finale des Weltcups in China erneut besiegte. Doch konnte jeder bei der Gelegenheit sehen, dass der Abstand zwischen den Konkurrenten geringer geworden ist. Daraus darf der Auszubildende der Feuerwehr („Bisher aber nur Theorie“) einige Bestätigung für seine Medaillenträume ziehen, in Sofia wie in Los Angeles, und weiter geht der Fahrplan vorerst nicht. Auch wenn ihn mancher Promoter bereits vergeblich zu Profiboxabenden eingeladen hat, um irgendwann mit ihm ins Geschäft zu kommen.
Nette Versuche, gibt der Umworbene zwischen zwei Trainingseinheiten am Stützpunkt in Heidelberg zu verstehen. „Aber bei mir ist erst mal Olympia, und je nachdem, was mir das für Wege öffnet, kann ich dann immer noch entscheiden.“ Nikita Putilov bleibt gern unaufgeregt.
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